Michael Geissler : "Vom Kanzleramt zum Kiez"

Energie, die man nicht braucht, muss man gar nicht erst erzeugen, sagt Michael Geissler, Geschäftsführer der Berliner Energieagentur. Sechs Vorschläge für die Energiewende in Berlin. Ein Gastbeitrag.

Michael Geissler

Nach einer atemberaubenden atompolitischen Vollbremsung will die Bundesregierung nun die „Energiewende“ beschleunigen. Mehr Windkraft, mehr Hochspannungsleitungen, mehr Speicher. Alles gut und richtig. Aber für Metropolen wie Berlin, deren Erzeugungspotenzial für erneuerbare Energien aufgrund der urbanen Siedlungsstruktur eingeschränkt ist, haben Effizienz und Sparen Priorität. Energie, die man nicht braucht, muss man gar nicht erst erzeugen! Das betrifft Strom, vor allem aber „Wärme“ zum Heizen und zur Warmwasserbereitung. Hier liegt der entscheidende Hebel, um den Energiebedarf des Landes Berlin bis zum Jahr 2020 um zehn Prozent – das entspricht 7000 Gigawattstunden pro Jahr – zu senken. Diese Einsparung entspricht der halben Jahresproduktion eines AKW vom Typ Neckarwestheim.

Vom Kanzleramt zum Kiez: Auch ohne neue Gesetze auf Bundesebene kann Berlin schon jetzt eine Menge tun und seinen eigenen Beitrag zur Energiewende leisten:

1. Information und Beratung ausbauen. Gebäudeeigentümer brauchen für Investitionsentscheidungen fachkundige Beratung am Objekt. Und Mieter sollten die Möglichkeit haben, sich in Beratungsbüros in ihrer Nähe zum Beispiel über energieeffiziente Haushaltsgeräte zu informieren. Wer heute investiert, kann morgen profitieren. Dieser Zusammenhang ist durch Kalkulationsmodelle in jeder Beratung herauszuarbeiten.

2. Zugang zu Kapital erleichtern. Zukünftig stehen aus KfW-Mitteln wieder zwei Milliarden Euro als günstige Darlehen bereit. Ältere Gebäudeeigentümer scheuen jedoch oft vor Grundschulden zur Finanzierung von Heizungsmodernisierung oder Gebäudedämmung zurück, weil sie ein lastenfreies Erbe hinterlassen wollen. Landesbürgschaften könnten helfen, diese Hürde zu überwinden.

3. Gesetze anwenden. Bei Altbau-Modernisierungen und Neubauten sind bestimmte Standards schon heute zwingend vorgeschrieben. Tausende alter Heizkessel in Berlin müssten längst stillgelegt sein. Doch die Gesetze sind oftmals nur Papiertiger, weil die Aufsichtsbehörden aus Personalmangel nicht einmal Stichproben durchführen können.

4. Flächendeckendes Energiemanagement aufbauen. Die öffentliche Hand sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Einzelne Bezirke beweisen: Jeder Energiemanager spart dreimal mehr Energiekosten ein, als seine eigene Stelle an Personal- und Sachkosten verursacht.

5. Energiedienstleistungen ausbauen. Nach dem Vorbild der Berliner Energiesparpartnerschaften könnten spezialisierte Privatunternehmen in mehreren tausend öffentlichen Gebäuden Energiekosten garantiert senken. Mithilfe eines von der öffentlichen Hand und der Privatwirtschaft gemeinsam gespeisten „Energieeffizienzfonds“ sollten solche Modelle auch auf privates Gebäudeeigentum ausgeweitet werden.

6. Dezentrale Energieversorgung ausbauen. Das heißt für Berlin: mehr Solaranlagen auf Dächern und kleine Blockheizkraftwerke in Kellern, damit Gebäude zukünftig ihre eigene Energie erzeugen und die Netze entlasten.

Die Bearbeitung dieser Aufgaben bedeutet für Berlin, Kräfte und Zuständigkeiten zu bündeln. Allein auf Landesebene sind derzeit vier Senatsverwaltungen mit dem Themenfeld Energie und Klimaschutz beschäftigt. Sinnvoll wäre eine „Task Force“ des Senates, die Punkt für Punkt die notwendigen Schritte einleitet. Die Energiewende braucht gesellschaftliche Akzeptanz, diese herzustellen ist Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Interessengruppen.

Der Autor ist Geschäftsführer der Berliner Energieagentur, einer halbstaatlichen Einrichtung, die sich für mehr Energieeffizienz einsetzt.

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