Michael Kemmer : Eine ideale Besetzung – fast

Michael Kemmer soll den Bankenverband leiten. Gegen den Ex-Bayern-LB-Chef wird aber noch ermittelt.

P. Köhler[R. Landgraf],H. Nagl

Berlin/Frankfurt am Main - Auf den ersten Blick ist er die ideale Besetzung, Michael Kemmer, der neue Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken (BdB). Präsidium und Vorstand haben sich einstimmig auf ihn geeinigt, wie der Verband am Dienstag mitteilte. Kemmer sei „ein erfahrener Banker und anerkannter Fachmann, der alle Facetten und Säulen des Bankgeschäfts“ kenne, sagte Verbandspräsident Andreas Schmitz. Am 1. Oktober soll er sein neues Amt antreten.

In der Tat ist Kemmer ein Profi, er arbeitete im privaten, genossenschaftlichen und öffentlichen Bankenlager und könnte helfen, das Klima zwischen den Gruppen zu verbessern. Einziger Makel des 53-Jährigen: Bis vor einem Jahr war er Chef der skandalumwitterten Bayerischen Landesbank. Aus dieser Zeit ist auch noch ein Strafverfahren gegen ihn anhängig. Beim Verband sieht das offenbar niemand als Hindernis. Kemmer gehöre zu einem sehr großen Kreis von Beschuldigten, die Wahrscheinlichkeit, dass das greife, sei sehr niedrig, hieß es in der Branche.

Fest steht: Michael Kemmer kann Menschen begeistern. Das zeigte sich im Herbst 2008, als der damalige Chef der BayernLB schwer unter Druck stand. Die Staatsregierung wollte den Bankmanager nach immer neuen Hiobsbotschaften über Milliardenlöcher als Folge der Subprime-Krise ablösen – doch die Mitarbeiter standen zu ihm. An jenem 23. Oktober versammelten sie sich in München zu Hunderten im Innenhof der Landesbank und demonstrieren für ihren Chef. „Wir brauchen Kemmer“, wurde in Sprechchören skandiert. Mitten in der Finanzkrise glich das einem kleinen Wunder.

Genau das kann auch der BdB momentan gebrauchen. Die Vertretung der privaten Kreditwirtschaft hat monatelang nach einem neuen Hauptgeschäftsführer gesucht, der auf den seit rund 20 Jahren amtierenden Manfred Weber folgen soll. Womöglich wäre Kemmer schon viel früher zum Nachfolger gekürt worden, wären die Milliardenverluste der BayernLB nicht Thema bei der Staatsanwaltschaft München. Diese ermittelt zwar in erster Linie gegen Kemmers Vorgänger Werner Schmidt sowie andere BayernLB-Manager wegen Untreueverdachts. Kemmer selbst ist bislang offiziell nie als Beschuldigter genannt worden, doch Branchenkreisen zufolge wird auch seine Rolle unter die Lupe genommen.

Denn als 2007 der folgenschwere Fehlkauf der Kärntner Bank Hypo Group Alpe Adria eingefädelt wurde, war der Manager bereits an Bord. Zwar trieb vor allem Vorgänger Schmidt das Projekt voran. Doch als Finanzvorstand hätte auch Kemmer warnen können – und womöglich müssen. Welcher Ausgang sich für ihn bei den Ermittlungen abzeichnet, ließ die Staatsanwaltschaft auf Anfrage offen.

Wegbegleiter beschreiben ihn als unkompliziert, sympathisch und bodenständig. „Der geht auf Menschen zu und überzeugt durch seine Offenheit“, heißt es. Für den Bankenverband, der seit der Finanzkrise unter massivem Identitätsverlust leidet, könnte Kemmer so der ideale Wegbereiter für die Reformen werden, die angesichts verkrusteter Führungsstrukturen und jahrelangem Stillstand nötig sind.

Hinzu kommt, dass mit dem 53-Jährigen aus dem bayerischen Nördlingen erstmals ein gestandener Banker an der BdB-Spitze stehen wird. Kemmer hat bei der Bayerischen Vereinsbank das Geschäft von der Pike auf gelernt. Vor seiner Zeit bei der BayernLB leitete er zweieinhalb Jahre lang das Risikomanagement der Hypovereinsbank und gilt als ausgesprochener Bilanzexperte. „Der weiß, von was er redet“, lobt ein Konkurrent. Und Kemmer hat noch einen Vorteil. Er arbeitete zeitweise auch bei der genossenschaftlichen DG Bank. Damit hat der begeisterte Bergsteiger in jeder der drei Branchensäulen Erfahrung gesammelt. Das dürfte helfen, die permanenten Scharmützel zwischen privaten Banken, Sparkassen und Genossenschaftsinstituten wenigstens etwas einzudämmen.

Und als ehemaliger Mitstreiter in der Initiative Finanzstandort Deutschland verfügt Kemmer auch über Kontakte ins politische Berlin. In dieser Zeit, in der das Primat der Politik auch die Banken erreicht hat, ein klares Plus. HB

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