Wirtschaft : Michael Kölmel im Gespräch: "Man muss den Neuen Markt nicht gleich schließen"

Herr Kölmel[was haben Sie zuletzt im Kino ge]

Michael Kölmel (46) ist Vorstandsvorsitzender und Gründer der Kinowelt Medien AG. Das seit 1998 am Neuen Markt notierte Unternehmen ist der größte Vermarkter von Filmrechten in Deutschland. Kinowelt besitzt mehr als 10 000 Filme, zählt zu den fünf größten Verleihern in Deutschland und ist unter anderem an den Village- und Kinopolis-Multiplex-Kinos beteiligt. Der promovierte Volkswirt und Diplom-Mathematiker Kölmel gründete Kinowelt 1984 zusammen mit seinem Bruder. In den ersten neun Monaten des Jahres 2000 erzielte das Münchner Unternehmen einen Umsatz von 410 Millionen Mark und ein Betriebsergebnis von 55 Millionen Mark.



Herr Kölmel, was haben Sie zuletzt im Kino gesehen?

"Unbreakable", den neuen Film mit Bruce Willis.

Im eigenen Kino?

Ja. In der Nähe meines Wohnortes habe ich ein kleines Kino. Da sehe ich mir am Wochenende mit meiner Familie die Neuheiten an, damit ich nichts verpasse.

Dann macht Ihnen Ihr Job noch Spaß?

Ja, natürlich.

Beunruhigt Sie nicht, dass die Börse an der Substanz der Medienbranche zweifelt?

Es beunruhigt mich nicht wirklich. Das Gute an der Börsenpsychologie ist, dass sie übertriebenen Optimismus radikal bestraft. Alle haben im Herbst 2000 gedacht: Jetzt kann es nicht noch weiter bergab gehen. Falsch! Im Januar gab es noch einmal eine kalte Dusche. Das weckt die Lebensgeister. Ich kann mir gut vorstellen, dass Medienaktien die Gewinner dieses Jahres sein werden.

Trotz der enormen Kapitalvernichtung, die im Jahr 2000 stattgefunden hat?

Ja. Es ist falsch zu glauben, alle Medienfirmen hätten ihr Eigenkapital verbrannt. Einige haben wie Kinowelt in ihre Substanz, in Filmrechte und Vertriebswege investiert und Gewinne erzielt. Es ist gut, dass die Zeit der Übertreibungen vorbei ist. Unser Börsenwert entsprach zeitweise unserem bilanziellen Wert. Da waren 15 Jahre Firmengeschichte quasi umsonst zu haben. So ist das an der Börse. Vergessen sollte man jetzt nicht, dass wir am Kapitalmarkt viel Geld einsammeln konnten, das wir für unser Wachstum und die Positionierung unserer Gruppe strategisch eingesetzt haben.

Haben Skandale wie der Fall EM.TV das Image des Neuen Marktes nicht ruiniert?

Nein. EM.TV hat dem Neuen Markt nicht den Todesstoß versetzt. Die aktuellen Diskussionen werden bald erledigt sein. Es wird jemand einsteigen und EM.TV stabilisieren. Die große Fantasie wird der Wert aber sicher nicht mehr wecken. Die Tatsache, dass der Staatsanwalt gegen Vorstände eines Unternehmens ermittelt, ist nicht neu. Das hat es auch in der Old Economy schon gegeben.

Hat der aktuelle Fall aber nicht eine neue Qualität?

Sicher. Die Vorfälle sind nicht zu entschuldigen. Aber es ist Unsinn, deshalb gleich den ganzen Neuen Markt zu schließen. Das Problem war die überbordende Euphorie. Es sind viele Firmen an die Börse gekommen, die sich gut vermarkten konnten, aber keine ausgereifte Geschäftsidee hatten. Das musste schiefgehen. Wir haben uns mit vollmundigen Prognosen zurückgehalten und sind damit gut gefahren. Der Einstieg der Münchener Rück, die sich bei uns mit 4,9 Prozent beteiligt hat, zeigt, dass unser Geschäftsmodell solide und zukunftsgerichtet ist.

Könnte dieses Modell am Neuen Markt Schule machen? Branchenfremde Großkonzerne beteiligen sich an Medienfirmen...

Mag sein. Naheliegender sind allerdings Allianzen, in denen verwandte Geschäftsbereiche zusammen kommen.

Das kann man von der Verbindung Rückversicherung-Kinowelt nicht behaupten.

Stimmt. Aber die Münchener Rück hat als Investor international einen sehr guten Namen. Der Konzern hat sich den gesamten Neuen Markt angeschaut und ist dann auf uns zugekommen, übrigens schon im Frühjahr letzten Jahres. Wir haben einen langfristig stabilen Investor gewonnen, der uns die unternehmerische Freiheit lässt und dessen Einstieg als Gütesiegel gewertet wurde.

Haben sich auch andere Investoren bei Ihnen gemeldet?

Ja, es gibt Interesse von größeren Investoren, die etwas ähnliches vorhaben. Das kann sicher sinnvoll sein.

Schauen Sie sich Ihrerseits nach Schnäppchen am Neuen Markt um?

Wir schauen uns um, klar. Wir spielen zurzeit alle Varianten durch - von der informellen Kooperation bis zu Beteiligungen oder Übernahmen. Der Multiplex-Markt ist für uns momentan strategisch am wichtigsten, weil er ein zentrales Glied in der Wertschöpfungskette ist. Ausländische Betreiber ziehen sich langsam zurück. Das bietet deutschen Filmhäusern wie Kinowelt oder Senator Chancen, gemeinsam etwas zu bewegen.

Ist das ein aus Not geborenes Bündnis? Der Multiplex-Markt leidet unter Überkapazitäten, die Besucherzahl pro Leinwand sinkt.

Nein, das ist es keineswegs. Man darf nicht vergessen, dass es zurzeit Städte mit Überkapazitäten gibt, und andere, in denen es zu wenig Leinwände gibt. In München zum Beispiel gibt es noch kein Multiplex. Da wird unser Mathäser-Kino, das Ende 2001 eröffnet wird, das erste sein. Im Kino-Geschäft müssen die Betreiber miteinander reden. Dazu sind inzwischen alle bereit. Der Kampf um die Standorte, der uns Zuschauer uns Einnahmen gekostet hat, ist vorbei.

Müssen Sie keine Kinos schließen?

Nein. Wir arbeiten in den Sälen, die im direkten Wettbewerb stehen, an einem vielfätigeren Programm, damit nicht in allen Kinos die gleichen Filme gezeigt werden. Viel wird davon abhängen, ob es in diesem Jahr einen Kassenschlager wie 1998 "Titanic" geben wird. 2000 hat ein solcher Blockbuster gefehlt, und das haben vor allem die großen Häuser gespürt. Vielleicht wird "Verschollen" mit Tom Hanks, der zurzeit am Wochenende alles zum Überlaufen bringt, schon ein solcher Schlager. Auch "Thirteen Days", "Rush Hour 2" oder "Der Herr der Ringe", Teil 1, sind vielversprechend.

Hoffen Sie auch deshalb auf einen großen Kinoerfolg, weil Sie Ihre teuer eingekauften Filmpakete bei den privaten TV-Sendern nicht loswerden?

Wir haben mit dem Fernsehen in den ersten drei Quartalen 2000 Geschäfte in Höhe von 144 Millionen Mark gemacht. Im Gesamtjahr kommen wir wohl auf 200 Millionen Mark. Man kann also nicht behaupten, dass wir geringen Umsatz im TV-Geschäft machen. Richtig ist aber, dass wir vor allem mit den öffentlich-rechtlichen Sendern Umsätze erzielt haben und an diese Filme aus dem Paket, das wir 1999 von Time-Warner gekauft haben, abgesetzt haben.

Sie haben Kirch und Bertelsmann ausgestochen, weil Sie mehr bezahlen konnten. Das trägt man Ihnen nach. Haben Sie einen einzigen Warner-Film an RTL, Sat1, Kabel1 oder Pro Sieben verkauft?

Wir haben damals mehr bezahlt, aber für ein größeres Paket. Im Jahr 2000 haben wir keine Warner-Filme an die Privaten verkauft. Aber wir haben Zeit. Der Verkauf läuft erst seit einem Jahr, und die Ausweitungsverträge reichen bis ins Jahr 2011.

Der Qualitätsfilm ist nicht mehr so attraktiv. Soaps, Comedy und Big Brother kommen bei den Zuschauern besser an. Bleiben Sie auf Ihrer Ware sitzen?

Nein. Das Time-Warner-Paket hat uns 560 Millionen Mark gekostet. Darin sind 120 Filme enthalten, die wir aus einer Bibliothek von 700 so genannter Library-Filme aussuchen konnten, darunter "Doktor Schiwago", "Vom Winde verweht", "Clockwork Orange". Hinzu kommen 70 aktuellere Warner-Filme. Das sind Titel, die auch im Fernsehen erfolgreich laufen. Außerdem können die guten Filme wiederholt werden. Eine Soap ist nach einem Jahr tot.

Die Sender sind nicht mehr bereit, für Pakete zu zahlen. Sie picken sich nur die Rosinen heraus. Was machen Sie mit dem Rest?

Die Fernsehsender wollen nicht mehr mit Paketen zugeschüttet werden. Das heißt für uns: Für Spitzenfilme erzielen wir Spitzenpreise. Die Filme, die wir früher dazulegen konnten, werden nicht mehr unbedingt im selben Paket genommen. Dafür gibt es aber nach wie vor eine Nachfrage bei 3Sat, Arte und in den dritten Programmen.

Letztes Jahr wollten Sie noch einen eigenen Fernsehsender gründen. Warum haben Sie das Projekt aufgegeben?

Unsere Ankündigung, in den TV-Sendebetrieb einsteigen zu wollen, ist von den Analysten negativ aufgenommen worden. Das Abenteuer erschien ihnen zu teuer.

Stattdessen haben Sie beim Minisender NBC Europe ein Programmfenster um 20 Uhr 15 gebucht. Ein Rückzug in die Nische?

Wir erreichen eine am Film interessierte Zielgruppe, und wir senden in der Prime Time. Außerdem fließen uns die - zugegeben zu Beginn niedrigeren - Werbeeinnahmen komplett zu. Das wäre bei den großen Privaten unmöglich. Wir werden zeigen, dass sich dieses Modell am Ende besser rechnet.

Wann hat sich die Investition in das große Time-Warner-Paket amortisiert?

Wir gehen davon aus, dass wir Ende dieses Jahres die Hälfte unserer Investition eingespielt haben.

In zwei Wochen beginnt die Berlinale. Welche Überraschungen können wir vom deutschen Film erwarten?

"Enemy at the Gates" eröffnet das Filmfest. Eine internationale Produktion, die in Babelsberg gedreht wurde. Das zeigt eine wichtige Entwicklung auf: Die nationalen Produktionsgrenzen verschwimmen. Das eröffnet auch kleineren Produzenten Chancen. Filme wie "Blair Witch Project", die für nur 50 000 Dollar hergestellt werden, belegen: Kreativität jenseits der großen Budgets kann ein Millionenpublikum erreichen. Und für uns zu einem guten Geschäft werden.

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