Wirtschaft : Michael Stehr: "Vorsicht bei Firmen, die mit Visionen Geschäfte machen" (Interview)

Herr Stehr[Sie beobachten den Neuen Markt. Haben]

Die Flops am Neuen Markt haben manchen Anleger vergrault. Wie geht es weiter? Halten die Neuemissionen noch, was die Banken versprechen? Martina Ohm fragte Michael Stehr, Generalbevollmächtiger des Bankhaus Hermann Lampe in Berlin.

Herr Stehr, Sie beobachten den Neuen Markt. Haben Sie noch die Übersicht?

Es ist ausgesprochen schwierig, den Durchblick zu behalten. Man muss sich schon intensiv damit beschäftigen. Auch wir greifen auf unser Research-Team zurück.

Selbst große Emissionshäuser haben sich Flops am Neuen Markt geleistet, Wie konnte das passieren?

Am Anfang haben nur wenige Unternehmen den Gang an den Neuen Markt gewagt. Die Nachfrage der Anleger war dafür umso größer. Es kam zu regelrechten Knappheitspreisen. Die große Euphorie hat zu überzogenen Preisvorstellungen bei den Emittenten geführt. Im Übrigen aber haben auch Gerüchte über den vorzeitigen Aktienverkauf von Altaktionären zu Kurseinbußen geführt.

Trotz der Rückschläge hält der Boom an. Sind alle Aktien eine sichere Partie?

Keine Aktie bietet echte Sicherheit. Aber nachdem nun über 150 Papiere am Neuen Markt gelistet sind, hat der Anleger eine entsprechend breitere Auswahlpalette. Das bedeutet, dass Knappheitspreise eigentlich nicht mehr bezahlt werden müssten. Außerdem werden sich die Anleger mit wachsender Angebotsvielfalt auf die wirklich interessanten Papiere konzentrieren. Denn nur die werden sich am Ende durchsetzen. Es beruhigt im Übrigen auch, dass sich die Bewertung mittlerweile einem international üblichen Niveau annähert.

Die Spielregeln werden nun verschärft. Reichen diese Vorsichtsmaßnahmen aus?

Dass das Verbot vorzeitiger Aktienverkäufe durch Altaktionäre verschärft überwacht werden soll, dürfte das Vertrauen der Anleger stärken; ebenso die Regel, dass Mittel aus Kapitalerhöhungen für das Unternehmenswachstum und nicht zum Aktienrückkauf verwandt werden sollen. Natürlich sollte es auch mehr Transparenz bei der Kandidatenauswahl geben. Insgesamt halten wir aber die Spielregelnfür ausreichend. Wir glauben auch, dass sich die Bewertung einzelner Papiere mit wachsender Zahl Notierungen auf ein international übliches Niveau einpendeln wird.

Wie können Anleger ihr Risiko verringern?

Zunächst müssen die Anleger den Emissionsprospekt genau lesen. Sie sollten sich fragen: Welche Risikofaktoren bestehen? Wenn möglich sollten sie sich mehrere Research-Studien beschaffen.

Gibt es genügend Studien?

Wir arbeiten daran. In der einschlägigen Fachpresse aber finden sich aktuelle Ranglisten, die über den Erfolg einer Emission Auskunft geben. Daraus geht auch hervor, wie erfolgreich ein einzelnes Emissionshaus bislang war.

Wer sollte sich am Neuen Markt engagieren?

Der ideale Anleger sollte nicht erst seit gestern Aktionär und ausgesprochen risikofreudig sein. Und das Investment sollte nur eine Depotergänzung sein. Eine Beratung durch die Bank ist auf jeden Fall sinnvoll. Eine Alternative zu einem Direktengagement sind Indexzertifikate oder Neue-Markt-Investmentfonds.

Ist die US-amerikanische Nasdaq eine denkbare Alternative?

Wer ein solches Investment in Erwägung zieht, wird Mühe haben, sich die nötigen Informationen zu beschaffen. Wir empfehlen daher eher die großen Werte; wie beispielsweise Microsoft, Intel, Oracle oder Sun, EMC, Novell, AOL, Amgen, MCI WorldCom, Cisco Systems, Lucent und Biogen.

Und wie sieht die Lampe-Empfehlungsliste für den Neuen Markt aus?

Wir empfehlen Aixtron, Singulus, Pfeiffer Vacuum, Cinemedia, BB Biotech, Quiagen, Lintec, PSI, SER Systeme und Teles.

Von welchen Papieren sollte man die Finger lieber lassen?

Von Aktien von Unternehmen, die mit abenteuerlichen Visionen die Kundschaft locken. Finger weg von Netlife, Augusta, Morphosys, Refugium, Teldafax, Drillisch, Artnet.com, Ricardo.de, Fortune City und Beta Systems.

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