Michael Vassiliadis : "Ich will Streiks vermeiden"

Michael Vassiliadis, der nächste Vorsitzende der IG BCE, über die Fähigkeit zum Kompromiss, die Krisenfolgen und die Agenda 2010.

Vassiliadis
Michael Vassiliadis -Foto: dpa

KARRIERE

Nach der Realschule wurde Michael Vassiliadis bei Bayer zum Chemielaboranten ausgebildet, in dem Werk, in dem auch sein aus Griechenland stammender Vater arbeitete. Vassiliadis, 1964 in Essen geboren, trat als Azubi der IG Chemie bei. Seit 1986 arbeitet er hauptamtlich für die Gewerkschaft. IG-BCE- Chef Hubertus Schmoldt holte ihn 1997 in die Zentrale nach Hannover und baute ihn zu seinem Nachfolger auf.

IG BCE

Nach der IG Metall und Verdi ist die IG Bergbau, Chemie, Energie mit knapp 700 000 Mitgliedern die drittgrößte deutsche Gewerkschaft. Mit den Chemiearbeitgebern pflegt sie einen kooperativen Umgang. In den nächsten Jahren wird der Einfluss der IG BCE vermutlich schrumpfen, denn der Steinkohlebergbau läuft aus und auch die Braunkohle steht zur Disposition.

Herr Vassiliadis, können Sie streiken?

Natürlich, ich habe auch schon gestreikt.

Wann?

1992 in der feinkeramischen Industrie. Das war der letzte große Streik in unserer Organisation. Mehr an Arbeitskampferfahrung kann ich nicht bringen, mehr muss ich aber auch nicht bringen.

Sie wollen doch Vorsitzender werden.

Ein Arbeitskampf hat immer viele Seiten. Es gibt erfreuliche Szenen und sehr harte und erschütternde Szenen, es gibt Solidarität und Tränen, es gibt Einkommensverluste und es gibt Zukunftsprobleme, es gibt Erfolg und Enttäuschungen. Deshalb ist die Streikvermeidung sehr wichtig. Doch wenn es sein muss, dann sind wir streikfähig. Ein Streik ist aber immer das letzte Mittel.

Warum greift die IG BCE, anders als die IG Metall, so selten zu diesem Mittel?

Wir haben nach einem langjährigen Lernprozess sehr stabile sozialpartnerschaftliche Beziehungen und zwar in den Betrieben sowie zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeberverbänden. Die Bereitschaft, etwas in diese Partnerschaft zu investieren, ist auf beiden Seiten sehr ausgeprägt.

Sie werden mit Abstand der jüngste Vorsitzende einer DGB-Gewerkschaft und sind der erste Spitzenfunktionär mit Migrationshintergrund. Was hat das zu bedeuten?

Dass ich der jüngste bin, ergibt sicherlich, dass ich noch einige Jahrzehnte nach vorne und damit auch anders auf Themen unserer Gesellschaft schaue. Und was den Migrationshintergrund betrifft: Die Realität in Deutschland kommt auch auf der Entscheidungsebene von Institutionen an. Das ist noch nicht üblich, aber ein normaler Vorgang, an den wir uns gewöhnen werden.

Hat der ungewöhnliche Name im Verlauf der Karriere gestört?

Bisweilen waren die Leute überrascht und hatten Probleme mit der Schreibweise. Dadurch hatte ich die Chance, den Namen nochmal in Erinnerung zu rufen. Aber im Ernst: Vorbehalte wegen des Namens habe ich nicht erlebt.

Hubertus Schmoldt, Ihr Vorgänger, der intern „großer Vorsitzender“ genannt wird, gilt als Taktiker mit allerbesten Verbindungen in die SPD. Wofür stehen Sie?

Ich bin überzeugt davon, dass Gesellschaft und Politik Ausgleich brauchen und wir mit Extremen auf lange Sicht nicht zurechtkommen. Ob das im Großen um Ökologie, Ökonomie und Soziales geht oder im Kleinen, im Betrieb, um das Miteinander von Arbeitgeber und Arbeitnehmer – am Ende bringt uns nur der Versuch eines Ausgleichs weiter. In einer zunehmend ausdifferenzierten Gesellschaft und Arbeitswelt mit einer stark an Wahlkämpfen orientierten Politik will ich Brücken bauen zwischen politischen und wirtschaftlichen Eliten, Nichtregierungsorganisationen und Verbänden. Weil ich entsprechende Erfahrungen habe, weil ich mich interessiere für Argumente anderer und weil ich keine Vorbehalte habe, die mich ideologisieren.

Ihr vorrangiger Partner beim Brückenbau ist die SPD?

Die Sozialdemokratie ist meine politische Heimat, die ich sehr bewusst gewählt habe, als ich 17 war. Für die Aufgaben einer Gewerkschaft reicht die politische Heimat aber nicht. Es geht vielmehr darum, die Interessen der Arbeitnehmerschaft in der Politik zu verankern; da hilft es nicht, sich an nur eine Partei zu binden. Man muss im Gespräch bleiben, auch mit der Union, den Grünen und der FDP. Und wenn die Linken einmal selbst wissen, was sie eigentlich wollen, dann will ich das auch kennenlernen.

Haben Sie an der SPD gezweifelt, als Gerhard Schröder die Agendapolitik durchpeitschte?

Nein. Es gab ja auch einen Vorlauf, den Versuch, einen anderen Weg zu gehen. Regierung und Partei hatten versucht, im Bündnis für Arbeit Reformen mit den Akteuren zu verabreden. Am Ende haben sich vor allem die Arbeitgeber verweigert, aber teilweise auch die Gewerkschaften, und das Bündnis ist gescheitert. Dann kam der zweite Schritt. Es ging um die Frage, welche Reformen wir brauchten, um zum Beispiel auf die Demografie zu reagieren. Das war alles notwendig, wenngleich es bei der administrativen Umsetzung Fehler gab und Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit nicht genügend beachtet wurden. Insgesamt ist die Notwendigkeit der Agendapolitik nicht hinreichend diskutiert worden.

Ist auch schwierig nach einem „Basta“.

Das meine ich ja. Bei „Basta“ war es schon zu spät und die inhaltlichen Beweggründe der Reformen konnten nicht mehr vermittelt werden. Unterm Strich ging es darum, die Handlungsfähigkeit des Staates zu sichern und die Sozialsysteme zu stabilisieren. Wie wichtig das ist, sehen wir gerade in der Krise. Deshalb werfe ich der SPD und dem Altkanzler auch nicht vor, das auf den Weg gebracht zu haben.

Hartz IV finden Sie gut?

Im Grundsatz ist es richtig, die Empfänger von Sozialleistungen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren und mit diesem Ziel die Betreuung auszubauen. Das hat mit der alten Arbeitslosen- und Sozialhilfe nicht gut funktioniert. Das eigentliche Problem von Hartz IV könnte sich aber jetzt in der Krise zeigen, wenn jemand aus der Beschäftigung in relativ kurzer Zeit bis nach ganz unten fällt: vom gut bezahlten Facharbeiter in die Arbeitslosigkeit und dann später raus aus dem eigenen Häuschen. Das passiert ganz schnell, wenn beim Arbeitslosengeld II das Vermögen herangezogen wird. Da liegt gewaltiger Sprengstoff drin: Den einen, die die Krise zu verantworten haben, hilft die Politik, den anderen, die in der Krise ihre Arbeit und ihr Häuschen verlieren, hilft keiner. Das versteht niemand, das darf nicht sein.

Wie bitter wird die Krise noch für die Arbeitnehmer?

Schon jetzt ist es problematisch in allen Wirtschaftszweigen, die mit dem Auto zusammenhängen. Darüber hinaus könnte es wirklich ernst werden im Frühjahr nächsten Jahres. Dann erschöpfen sich so langsam die Überbrückungsinstrumente. Wenn es bis dahin keine nachhaltige Besserung gibt, müssen wir überlegen, wie wir die Menschen in der Nähe der Unternehmen halten können und nicht in die anonyme Arbeitslosigkeit schicken. Denn irgendwann schlägt die Demografie zurück, die Krise ist überstanden und die Arbeitskräfte fehlen.

Wie kann man Beschäftigte in der Nähe der Firma halten?

Zum Beispiel haben die Arbeitgeber und wir immer wieder junge Leute ermuntert, Ingenieurstudiengänge zu belegen. Jetzt kommen sie von der Uni und es ist Krise und sie kriegen keinen Arbeitsplatz. Wir versuchen also, diese jungen Menschen erst mal einzustellen und dann in Kurzarbeit zu schicken. Alles in allem funktioniert das Krisenmanagement, auch unserer Arbeitgeber, ganz vernünftig. Doch es gibt ein zweites, großes Risiko: Das Land, die Politik, die Gesellschaft muss die Industrie mehr pflegen. Meine Sorge ist, dass wir andernfalls in der Krise wichtige Segmente verlieren.

Was kann man dagegen tun?

Es geht nicht um Subventionen, sondern es geht um Entscheidungen für Technologien. Zum Beispiel in der Energie. Wir können nicht auf Kohle verzichten und die Atomkraftwerke abstellen. Nur mit Erneuerbaren hat der Industriestandort keine Chance. Zu sagen: Wir wollen keine Gentechnologie, keine Kernkraft, keine Kohle und auch keine Nanotechnologie – das geht nicht gut. Ich bin ja für Technologiefolgenabschätzung, aber mit plumper Technologieablehnung blockieren wir die Entwicklung von Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft.

In der Krise ist das Wirtschaftsmodell der vergangenen 15 Jahre unter Druck geraten. Ist der Neoliberalismus am Ende?

Der Neoliberalismus ist offensichtlich gescheitert, aber ich wüsste nicht, warum der plötzlich am Ende sein sollte. Die Befürworter einer marktradikalen Wirtschaft geben nicht auf. Doch es gibt Signale, dass die Politik ein anderes Selbstverständnis entwickelt, auch in den USA. Die Bereitschaft, die Weltwirtschaft politisch zu organisieren, ist gestiegen.

Auf der Homepage der IG BCE ist von der „Zukunftsgewerkschaft“ die Rede. Was soll das heißen?

Den Begriff haben wir uns vor einigen Jahren schützen lassen. Wir sind eine besondere Kombination aus alt und neu. Zum einen eine traditionsreiche Gewerkschaft und auf der anderen Seite kümmern wir uns um High-Tech-Branchen, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Der Anspruch, der hinter dem Begriff steht, ist Zukunftsgestaltung, die Zukunft in die eigene Hand nehmen.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

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