Wirtschaft : Michael Zehnle

(Geb. 1978)||Was er nicht wollte, war früh klar: Vaters Klempnerfirma.

David Ensikat

Was er nicht wollte, war früh klar: Vaters Klempnerfirma. Was macht der Junior denn?“ – Wenn Michael an sein altes Zuhause dachte, klang ihm die Frage in den Ohren. Es war die Frage, die die Nachbarn seinem Vater stellten und auf die der Vater keine Antwort wusste. Wie gern hätte er gesagt: „Na zurück kommt er, der Junior, wer soll denn sonst die Firma übernehmen?“ Michael kannte die Hoffnung seines Vaters gut.

Nach dem Zivildienst in Hamburg ist er gleich nach Berlin gegangen, in die große Stadt, wo niemand voller Sorge nach dem Junior fragte. Was er dort machte oder machen wollte – er hätte es selbst nicht genau sagen können.

Ab wann muss man denn wissen, was man will? Geklärt war immerhin, was Michael nicht wollte: Vaters Klempnerfirma im Schwarzwalddorf. Und, so viel Verpflichtung bedeutete das Angebot des Vaters immerhin: Sozialhilfe wollte Michael niemals beantragen, egal wie groß die Geldsorgen waren. Es ging ihm nie um Verweigerung, er war nur auf der Suche.

Michael suchte Jahr um Jahr, verdiente hier und da sein Geld, mal als Kellner im Hotel, meistens mit Jobs für kleine Filmproduktionen. So gelangte er zu „Chili TV“ und tat dort Dinge, die man Leuten in Schwarzwalddörfern schwer vermitteln kann. Er warf Requisiten durchs Studio, fing Requisiten, die andere geworfen hatten, auf – im Requisitenfangen war er der Beste. Er stellte tanzende Würste im Glas her und Pudding, welcher, an die Wand geworfen, möglichst viel von seiner Konsistenz behält und keine Flecken auf Stoffpuppen hinterlässt. Die Stoffpuppen hießen „Bernd das Brot“, „Briegel der Busch“, „Chili das Schaf“. Michaels Beruf hieß „Best Boy“, „Set Runner“ oder „Requisite-Assistent“. Man kann auch sagen: Junge für alles. Wenn eine Fantasiemaschine im Bild explodieren musste, dann warf er ihre Teile umher. Wenn „Briegel der Busch“ eine Tasse umstieß, die er bei der Wiederholung der Szene noch mal umstoßen sollte, dann fing Michael sie auf. Wenn jemand sich in die Dekoration zwängen musste, um dort Hebel zu bedienen, dann natürlich er, denn er war klein und schmal. Außerdem, so schwärmt der Regisseur, war Michael „’ne Type“. Mit seinem schmalen, ausdrucksstarken Gesicht, den ungeordneten Haaren eignete er sich für die menschlichen Nebenrollen. Seit er aber mal einen ganzen Tag in engen, roten und außerdem noch juckenden Strumpfhosen herumlaufen musste – es wurde eine Robin-Hood-Persiflage gedreht –, stand er nur noch ungern vor der Kamera.

Der Chef von der Requisite sagt, Michael sei ein „eher lausiger Requisiteur“ gewesen, legendär war die Sauerei mit dem zu weichen Wurfpudding. Sein „Lieblingsassistent“ war er dennoch, umgänglich, gut gelaunt und immer bei der Sache.

Nach vier Jahren „Chili TV“ war es dennoch genug. So angenehm der Job auch gewesen sein mag, Aussichten bot er keine. Und inzwischen hatte Michael auch eine konkretere Vorstellung davon, was er wollen könnte. Es gab da eine Ausbildung zum Studiotechniker an einer privaten Schule.

Das Leben bisher mag angenehm gewesen sein: die Jobs, die nötig waren, eher zu wenig als zu viele davon. Die Clubnächte, die Michael auch gut und gern als Fortbildung und Trendstudien verbuchen konnte, immerhin bastelte er selbst schon länger an eigener Elektromusik.

Das Leben, das vor ihm lag, sollte bestimmt sehr anders sein, anstrengender, geplanter. Warum eigentlich sollte es ein weniger angenehmes Leben sein?

Vor einem Jahr hat er sich in Diana verliebt, die Frau mit den Rastalocken. Es geschah im „Hangar“ am Ostkreuz. Da war sie Stammgast. Und sie war ebenso wie er dabei, die Dinge zu sortieren: Wo will ich hin? Wozu der ganze Spaß?

Im Februar ist Michaels Vater gestorben. Kurz zuvor sind die beiden miteinander ins Reine gekommen. Die falschen Hoffnungen belasteten sie nicht mehr, der Vater war sogar bereit, Michaels Ausbildung zu bezahlen.

Zur Beerdigung des Vaters kam Diana mit ins Schwarzwalddorf. Daher gibt es dieses Foto: Michael trägt die Haare sehr kurz, Diana hat sich die Rastalocken herauskämmen lassen. Sie sehen gut aus, selbstbewusst. Sie sehen aus wie zwei, die wissen, was sie wollen. Die jetzt beginnen können.

Auf der Heimfahrt saß im Auto des Vaters außer den beiden noch Michaels kleine Nichte. Ein Laster stand am Rand der Autobahn, da sind sie hineingerast, niemand weiß warum. Es gab keine Bremsspuren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar