Wirtschaft : Michel Roger Lang

Geb. 1940

Benedict Maria Mülder

„Machen Sie doch keine Geschichten mit ihrer jüdischen Geschichte!“ Eine Frau, weißhaarig, doch erst Ende 30, steigt im Sommer 1945 auf einem Pariser Bahnhof aus dem Zug und eilt auf ihren Sohn zu. Höflich, ein wenig verschämt begrüßt er sie: „Bonjour, Madame“. Dass das seine Mutter ist, hat ihm der Vater gesagt, der bei ihm steht. Fünf Jahre zuvor hat sie Michel Roger Lang in einem französischen Fußballstadion zur Welt gebracht. Es war ein Flüchtlingslager. Die Gestapo verhaftete die Eltern 1942, die Mutter kam ins KZ Ravensbrück, der Vater in das berüchtigte Lager „Drancy“ bei Paris. Der Sohn schrieb 1982 im Roman „Die Treppe zur Hölle“ die Geschichte seines Vaters auf.

Nach der Verhaftung der Eltern irrten er und sein zwölfjähriger Bruder allein durch Frankreich. Sie entgingen den SS- und SD-Einheiten, Bauern retteten ihnen das Leben, ein katholisches Waisenhaus nahm sie auf.

Deutschland war für Michel Lang bis zu seinem Tod das Land der Täter, antisemitische Neigungen registrierte er mit feinstem Gespür. Nicht selten auch an Stellen, die Freunden komplett unverdächtig erschienen. „Lieber paranoid als tot“, sagte er. Wie ein Künstler seiner eigenen Gestalt wappnete er sich gegen die Geister der Vergangenheit. Selbst die hellhörigeren Deutschen übersahen sie allzu häufig, so meinte er.

Was sollte er auch von der Bemerkung des Beamten halten, als die Polizei vor zwei Jahren seine Wohnung wegen einer Beziehungsauseinandersetzung durchsuchte. Er war außer sich, es hing eine israelische Fahne an der Wand, die Judensterne der Eltern lagen unter Glas, und ein Polizist sagte: „Machen Sie doch keine Geschichten mit ihrer jüdischen Geschichte! Wir wissen, Sie sind noch vom letzten Mal traumatisiert.“ Dann fanden sie eine Tüte mit schwarz- weißen Aufklebern – Hakenkreuze und altdeutsche Schrift: „Kauft nicht bei Nazis“ – und meinten: „Damit kriegen wir ihn.“ Staatsanwälte ermittelten wegen der Verwendung verfassungswidriger Symbole – und stellten das Verfahren ein.

Michel Lang wusste um sein Erbe. Großvater Max Rudolf war in den zwanziger Jahren in Berlin ein renommierter Verleger. 1940 nahm er sich mit seiner Frau aus Verzweiflung über die Verbrechen der Nazis in einer Londoner Pension das Leben. Der Großvater mütterlicherseits leitete den Lokalteil der „Vossischen Zeitung“ und entkam nach Israel. Michels Vater war bis zur Flucht Redakteur der „Berliner Morgenpost“ und nach dem Krieg ihr Pariser Korrespondent.

Sein Sohn wuchs im jüdischen Viertel von Paris rund um die Rue des Rosiers auf, lieferte sich früh Straßenkämpfe mit arabischen Straßengangs und wurde nach dem Abitur zur französischen Armee nach Algier einberufen. Schließlich schickte ihn sein Vater nach Berlin, zurück zu den Ursprüngen seiner einst hoch angesehenen Familie. Er volontierte beim Springer-Verlag und wurde selbstständiger Autor und Publizist.

Und immer war da die politische Aufgabe, das Vermächtnis, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen. Gemeinsam mit Beate und Serge Klarsfeld – und auch mit Hilfe der Stasi – plante Lang 1968 die berühmte Ohrfeige, die das ehemalige NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger, inzwischen Bundeskanzler, beschämen sollte.

Lang erkannte bald, dass auch die Linke, die alles ganz anders machen wollte, vor den Irrtümern der Väter nicht gefeit war. Im linksintellektuellen „Republikanischen Club“ eckte er mit seinem „Jüdischen Arbeitskreis“ an. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 verteidigte er vehement das Existenz- und Widerstandsrecht Israels gegenüber den so genannten „Antizionisten“ unter den linken Studenten, die gerade ihre Solidarität mit der PLO entdeckt hatten.

„Das Verhältnis zwischen den deutschen Juden und den deutschen Linken ist keine Tragödie, es ist verschuldet“, zitierte er Kurt Tucholsky, als er die Alternative Liste West-Berlins verließ, heute Bündnis90/Die Grünen. In der Bezirksgruppe Wilmersdorf war es zu einem Eklat gekommen, als Lang auf den schwelenden linken Antisemitismus aufmerksam gemacht hatte. In Kneipen und auf Parteiveranstaltungen war er mehrfach auf seine jüdische Herkunft angesprochen worden – „Na, kleiner Jud, bist du noch nicht nach Israel abgehauen?“, sagte mal einer zu ihm. Er war tief verletzt – und die Leute in der Partei reagierten ungehalten, als er die Sache öffentlich machte.

Zusammen mit Henryk M. Broder veröffentlichte er 1979 das Buch „Fremd im eigenen Land“, ein Buch, das viele Deutsche erstmals auf den latenten, bundesrepublikanischen Antisemitismus aufmerksam machte. „Es bleibt die Wahl zwischen Entwurzelung und Emigration“, meinte Lang, und entschied sich für die beharrliche Pflege seiner Berliner Wurzeln.

Neben dem Glauben, zu dem er in den letzten Jahren immer mehr zurückfand, halfen ihm die vielen Freunde. Mit kleinen, gern recht kitschigen Aufmerksamkeiten sowie manch durchzechtem Kneipenabend revanchierte er sich. Keiner konnte Damen so leidenschaftlich verabschieden wie er: Erst eine Umarmung, dann Winken und ein paar rasche Schritte am Fenster der Davonfahrenden.

Doch der Mahner und Warner blieb Michel Lang bis zum Schluss. Er kommentierte Ewiggestriges für die linke Zeitschrift „Konkret“ und fürs jüdische Radio in Paris, er focht gegen die Aufführung des Fassbinder-Stückes „Der Müll, die Stadt und der Tod“, 1991 begegnete er Christian Ströbele, der Verständnis für die irakischen Raketen gegen Israel geäußert hatte, im SFB-Fernsehstudio mit einem Fläschchen „Judenblut“.

„Uns kann keiner helfen, so helfen wir uns selbst“, hatten die Großeltern in ihrem Londoner Abschiedsbrief geschrieben. Michel Lang hat diesen Satz nie vergessen.

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