Wirtschaft : Michel Simondon

Geb. 1958

Tatjana Wulfert

Er fragte: „Was sagst du?“, Sie lachte verlegen. Er sagte: „Du spottest!“ Ahlbeck, Usedom. Mai 1995. Der Himmel glänzt, das Meer liegt still darunter. Im weichen Sand die Abdrücke von Fußsohlen. Der Strand aber menschenleer. Noch hat die Saison nicht begonnen. Die wenigen Badegäste essen jetzt in den spärlich besetzten Restaurants. Als die Zeiger der Uhr an Michels Handgelenk fünf nach zwölf anzeigen, hat jemand auf den Auslöser gedrückt: Michel, zurückgelehnt, in einem dem Meer abgewandten Strandkorb, die schwarzen knittrigen Hosen bis zu den Knien aufgerollt, ein einzelnes zerrupftes Wölkchen über ihm.

Michels Gesicht ist nicht zu sehen. Seine dunklen, keiner erkennbaren Ordnung folgenden Haare umrahmen den ramponierten Einband eines aufgeschlagenen Buches: Pélerins russes et vagabonds mystiques. Am Horizont ein Schiff. Es scheint sich langsam in diese Worte hineinzubewegen: Russische Pilger, mystische Landstreicher.

Berlin-Mitte, 12.Juli 1998. Die Luft ist heiß und klebrig. Auf den Straßen Menschen in blauen oder grün-gelben Trikots. Sie sammeln sich vor riesigen Leinwänden oder drängen in überfüllte, stickige Kneipen. Frankreich wird heute Abend im Finale gegen Brasilien spielen. Michel, der Franzose, zuckt staunend mit den Schultern, schiebt sich durch Gruppen beschwingt tänzelnder Brasilianer. Trifft flüchtige Bekannte, Franzosen auch, blass und nervös ein mutloses Bonsoir ausstoßend. Michel grüßt freundlich zurück und schlendert weiter, die Hände in den Hosentaschen. Er zwängt sich in ein dampfendes brasilianisches Lokal, fiebrige Gesichter starren auf den Bildschirm. Michel bestellt einen Kaffee und versucht ein belangloses Gespräch mit der Kellnerin zu führen. Die Kellnerin kann seine Worte in dem Lärm nicht verstehen. Michel wird unruhig, steht auf, schaut sich unentwegt um. Im Moment des ersten Tores für die Franzosen, drängt er zum Ausgang. In seinem Rücken entsetztes Stöhnen und vereinzelte Allez-les-Bleus-Rufe.

Michel taucht wieder auf, als das Spiel vorbei ist. Er hat alles verpasst, den Helden Zidane, das tobende Stade de France in Paris, die Fassungslosigkeit der Brasilianer. Er kommt zur Tür herein, entspannt, an seiner Seite eine junge Berlinerin, mindestens einen halben Kopf größer als er. Inmitten der aufgeregten Menge sieht er sie schweigend und lächelnd an.

Der kleine, runde Philosoph liebte die Berlinerinnen, die jungen, hochgewachsenen, aschblonden, laut lachenden Berliner Frauen. Sieben Jahre lebte Michel in Berlin, sieben Jahre sah er sie lächelnd an, fuhr mit ihnen ans Meer, unterrichtete sie an der TU, erzählte ihnen von seinen Kindheitssommern in der Auvergne, von Rabelais und Montaigne, von seiner unbestimmten Sehnsucht.

Manchmal beugte Michel sich nach vorn, schaute den jungen Berlinerinnen fordernd in die Augen und fragte in seinem vagen Deutsch: „Was sagst du?“ Da wurden sie unsicher, zupften an ihren aschblonden Haaren und wussten nicht mehr, ob sie je etwas zu sagen hatten. Sie legten den Kopf schief und lachten verlegen ihr lautes Lachen. Michel richtete sich auf, rückte seine Brille zurecht und sagte, mit den Lippen knallend: „Du spottest.“

Lyon, Frühling 2005. Die Stadt leuchtet. Michel läuft mit schnellen kurzen Schritten die Rhône hinauf, die Saône wieder hinab, Schiffe fahren vorbei. Er trinkt hastig einen Kaffee, hält den Kopf gesenkt. Läuft nach Hause, setzt sich an den Schreibtisch, schaltet den Computer ein, schaltet ihn wieder aus. Spricht tagelang kein Wort, verlässt die Wohnung kaum, streift dann wieder ziellos durch die Straßen. Veröffentlicht einige Texte, mit Überschriften wie „Der Müßiggang in der Arbeit“. Plant Reisen, nach Nordafrika, zu den Beduinen, in die spanischen Pyrenäen, nach Berlin.

Lyon, 12. Juni 2005. Die Stadt ist in feinen Nieselregen gehüllt. Ein Tumor, sagt der Arzt. Gutartig. Aber zu nah am Gehirn. Wir können nichts tun.

Lyon, 27. Juli 2005. Die Stadt glüht. Menschenleere Plätze zur Mittagszeit. Michel hat das Bewusstsein verloren.

Lyon, 30. Juli 2005. Verheerende Waldbrände im Süden Frankreichs. Eine Feuerbestattung. Die Asche, verstreut.

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