Wirtschaft : Microsoft-Chef gerät in Erklärungsnot

JOACHIM ZEPELIN

US-Senat fragt: "Sind 90 Prozent Marktanteil ein Monopol?" / Industrie gegen neue KartellgesetzeVON JOACHIM ZEPELIN PALO ALTO.Jim Barksdale, Chef der Software-Firma Netscape, hat es gern anschaulich.Beim mit Spannung erwarteten Hearing vor dem Rechtsausschuß des amerikanischen Senats bat der Top-Manager am Dienstag zur Abstimmung: "Wer in diesem Raum benutzt einen Personalcomputer und keinen Macintosh?" Fast jeder in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal auf dem Washingtoner Capitol streckte einen Arm."Und wer von Ihnen benutzt diesen PC ohne ein Betriebssystem von Microsoft", wollte Barksdale dann wissen.Alle Hände sanken wieder zu Boden."Meine Herren, das ist ein Monopol", stellte der Netscape-Mann fest.Die kleine Publikumsbefragung war eigentlich überflüssig, denn alle Untersuchungen bestätigen, daß Microsoft mit Windows einen Marktanteil von 90 Prozent bei der PC-Basis-Software besitzt.Trotzdem kämpfte Bill Gates bei der über vierstündigen Anhörung zum Wettbewerb in der Computerindustrie gegen den Monopol-Vorwurf an.Der Erfolg von Windows sei stets durch neue Technologien gefährdet, argumentierte der reichste Geschäftsmann der Welt.Nur durch dauernde Innovation könne sein Unternehmen im Wettbewerb bestehen.Doch mit dieser Interpretation eines Monopols blieb Gates ziemlich einsam.Der Ausschußvorsitzende Orrin Hatch versuchte mehrmals, ihn zu einer klaren Aussage darüber zu bringen, ob 90 Prozent Marktanteil ein Monopol seien, denn für Monopole gelten in den Vereinigten Staaten besondere Verhaltensregeln.Gates wich immer wieder aus.Der gut vorbereitete Senator faßte hartnäckig nach: "Ich verstehe Sie richtig, daß Sie trotz eines Marktanteils von über 90 Prozent davon ausgehen, kein Monopol zu haben und nicht den Monopolvorschriften zu unterliegen?" Darauf Gates: "Ich bin kein Rechtsexperte und kann mich zu diesen Fragen nicht äußern." Ihm ging es darum, Microsoft vor einem Monopolverfahren wie in den 60er Jahren gegen IBM zu bewahren.27 US-Bundesstaaten haben sich inzwischen für entspechende Vorermittlungen mit dem Justizministerium in Washington verbündet.Dahinter verschwindet immer mehr das erste, laufende Verfahren, in dem das Justizministerium gegen den Software-Riesen klagt, weil dieser sein Monopol beim Betriebssystem dazu nutze, die Vorherrschaft bei Programmen für das Internet zu erlangen.Hatch konfrontierte Gates mit Zitaten von Microsoft-Mitarbeitern, in denen der Plan beschrieben wird, Netscape "die Luft abzudrücken".Solche Aussagen bezeichnete Gates als falsch oder mißverstanden.Doch Jim Barksdale bestätigte: "Microsoft hat alles erdenkliche getan, um uns aus dem Markt zu drängen."Peinlich ging für Michael Dell, Gründer des gleichnamigen Computerherstellers, ein Versuch aus, Gates beizustehen.Dell bestritt die Existenz von Lizenzverträgen, nach dem es ihm verboten sei, den Browser von Microsoft in neuen Rechnern durch den von Netscape zu ersetzen.Senatsmitglieder konfrontierten ihn mit einer Stichprobe: Bei Anrufen hatten Senats-Mitarbeiter von fünf Dell-Verkäufern jeweils die Antwort bekommen, der Navigator gehöre nicht zum Sortiment, weil Microsoft das verbiete.Der sichtlich verunsicherte Dell gestand schließlich, man biete den Netscape-Browser nur Großkunden auf Wunsch an.Scott McNealy, Chef von Sun Microsystems, wies auf die Gefahr hin, Microsoft könne beim Internet zu einer Art Türwächter werden, der die Eingänge kontrolliere.Um diesen Vorwurf zu klären, löcherten die Senatoren Gates mit Fragen zu Verträgen mit Partnern, die Inhalte über das Netz verbreiten.Auch hier versuchte der während des Hearings immer nervöser wirkende Microsoft-Chef einer Antwort auszuweichen.Fast komisch geriet eine Szene, in der Senator Hatch minutenlang dieselbe Frage stellte, bis Gates einräumte, daß es Vertragspartnern verboten sei, auf ihrer Hauptseite für den Netscape Navigator zu werben.Einig waren die Vertreter der Industrie nur in der Ablehnung neuer Kartell-Gesetze.Barksdale und McNealy forderten allerdings, die bestehenden Vorschriften bei Monopolisten wie Microsoft strikter anzuwenden.Nur der Computer-Journalist und Investor Stewart Alsop hielt die 100 Jahre alten Antitrust-Gesetze für reformbedürftig.Aber er sieht auch schon erste Anzeichen dafür, daß sich Bill Gates seiner Verantwortung als Monopolist bewußt werde.Alsop spielte auf wesentliche Veränderungen in der Geschäftspolitik von Microsoft an, die in den letzten Tagen angekündigt wurden.Um den Marktanteil seines Browsers zu erhöhen, hatte das Unternehmen Anbieter von Internet-Inhalten exklusiv auf seine Software festgelegt.Diese Bestimmungen wurden jetzt gelockert.Außerdem soll laut Gates die nächste Version des Browsers keine direkte Verbindungen mehr zu Anbietern wie Walt Disney enthalten.Diese "Channel-Funktion" wird von den Kartellwächtern besonders kritisch gesehen.Für den langfristigen Frieden mit den Wettbewerbshütern ging Alsop in einer Kolumne unlängst noch einen Schritt weiter und empfahl, Microsoft solle Windows freiwillig einer Regulierung durch die amerikanische Regierung unterstellen.

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