Wirtschaft : Microsoft: Die größte Herausforderung

ruk/nks

Die geplante Zerschlagung des Softwarekonzerns Microsoft könnte dem Unternehmen die Chance zur Erneuerung geben. Dies gilt vor allem für neue Entwicklungsmöglichkeiten bei Internet-Technologien, wo der Softwaregigant aus Redmond einen großen Nachholbedarf hat. Dies räumte auch der selbst ernannte Chef-Software-Architekt Bill Gates auf einigen Entwicklerkonferenzen der vergangenen Wochen ein.

"Windows mag zurzeit in seiner Funktion als Standard-Betriebssystem für Personalcomputer noch das Maß aller Dinge sein", zitiert das "Wall Street Journal" den Web-Entwickler Philip Greenspun aus Cambridge, Massachusetts, der in dem berühmten Universitätsstädtchen als Berater am Massachusetts Institute of Technology MIT und als Chairman von Ars-Digita arbeitet.

Nach seiner Ansicht wird die Frage, welches Betriebssystem in den einzelnen Anwendungen zum Einsatz kommt, angesichts der fortschreitenden Entwicklung des Internets in einigen Jahren ihre Bedeutung verloren haben. Dabei waren es gerade die intensiven Bemühungen von Microsoft, im neuen Medium Internet Fuß zu fassen, die den Kartellprozess erst losgetreten haben.

Schon 1997 war das Justizministerium gegen Microsoft vorgegangen, weil das Unternehmen den Computerherstellern den Vertrieb des Internet Explorers zur Bedingung für den Verkauf des Betriebssystems Windows gemacht hatte. Dieses Verfahren konnte Microsoft noch zu seinen Gunsten entscheiden. Als Ergebnis musste der Marktführer für Webbrowser - Netscape Communication aus dem kalifornischen Mountain View - seinen Betrieb aufgeben und sich in die Arme des Online-Marktführers AOL flüchten.

In Zukunft jedoch wird nach Aussage des "Wall Street Journal" nicht die Dominanz des Zugangsbrowsers, sondern die erfolgreiche Entwicklung und Bereitstellung von Internet-Technologien, allen voran des mobilen Internet-Zugangs, von großer Bedeutung sein. Microsofts Problem: Gerade in diesen Bereichen kann der Softwarekonzern noch keine bahnbrechenden Erfolge vorweisen. Zurzeit seien es vielmehr Unternehmen wie Phone.com aus Redwood City, Palm aus Santa Clara oder Handspring aus Mountain View, die den aussichtsreichen Markt des mobilen Internet-Zugangs mit ihren innovativen Produkten besetzt haben.

Ein besonderer Wermutstropfen für Microsoft: Deutlich mehr Internet-Server arbeiten mit dem Programm Apache als mit einer entsprechenden Software von Microsoft. Auch in den Anwendungsbereichen der großen Datenbanken hinkt Microsofts SQL-Datenbank hinter den "Big Player" Oracle und IVM deutlich hinterher.

Auch im virtuellen Musikbereich, der vom MP3-Format dominiert wird, ist die Präsenz von Microsoft laut "Wall Street Journal" eher bedeutungslos. Mit der Entwicklung des Windows Media Players - der ebenso wie der Internet-Explorer als Bestandteil der Windows-Software verkauft wird - habe Microsoft hingegen Boden zur Konkurrenz gut machen können. Auf Bill Gates und Steve Ballmer wartet angesichts dieser Marktsituation viel Arbeit, Microsofts Bedeutung auch im Internet-Zeitalter zu erhalten. Dies sei, so das "Wall Street Journal", in der von Richter Jackson gewünschten Aufsplittung vermutlich leichter möglich.

Anleger, die in den vergangenen Monaten Microsoft-Aktien gekauft haben, warten seit langem auf ein positives Zeichen aus der Führungsetage. Die Unsicherheit um die Zukunft des Softwarekonzerns hatte dazu beigetragen, den Börsenwert des Unternehmens seit Dezember um über 40 Prozent zu reduzieren. Nach der nun geforderten Aufspaltung rechnen Analysten an der Wall Street aber mit einer Erholung der Kurse.

Rick Sherlund von der Investmentbank Goldman Sachs geht davon aus, dass die schlechten Nachrichten bereits im Kurs enthalten sind: "Wir glauben zwar nicht, dass die Aktie wieder auf ihren Höchststand steigen wird, aber sie könnte verlorenes Terrain wettmachen." Voraussetzung sei allerdings, dass die Aufspaltung im Berufungsverfahren wieder aufgehoben wird.

Sollte das Berufungsgericht an der Entscheidung festhalten, erwartet Sherlund einen erneuten Einbruch. Allerdings gehen viele Analysten davon aus, dass die Entscheidung keinen Bestand haben wird. Sherlund rechnet mit einem Kursanstieg um 10 oder 20 Prozent im Lauf der kommenden Quartale. Um die Kurse noch höher zu treiben, müsste sich der Gewinn von Microsoft aber stärker entwickeln.

Die Microsoft-Aktie hatte auch unter nachlassendem Umsatzwachstum gelitten. Während Analysten die Aktie überwiegend zum Kauf empfehlen, vertritt Bob Stoval von der Investmentbank Prudential Securities eine vorsichtigere Meinung. Obwohl er Microsoft für einen langfristig attraktiven Wert hält, rechnet er während des Berufungsverfahrens nur mit einer mäßigen Kursentwicklung: "Das ist im Grunde totes Geld."

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