Wirtschaft : Microsoft plant sein Comeback mit einer neuen "Sprache"

Rebecca Buckmann

Die neue Microsoft-Software ist auf den ersten Blick viel unscheinbarer als das vielbeworbene Windows XP oder der Videospielecomputer XBox. Dennoch könnte "Visual Studio.NET" zum wichtigsten Produkt des Unternehmens seit Jahren werden. In der vergangenen Woche kam es nach dreijähriger Entwicklung auf den Markt. Visual Studio ist ein intelligenter Programmbaukasten für Software-Entwickler, um neue Internet-Anwendungen zu kreieren.

Einige Branchen-Kenner vermuten, dass von Visual Studio.NET die finanzielle Zukunft von Microsoft abhängen könnte. Auf Visual Studio beruht die gesamte .NET-Strategie, mit der Microsoft seine Produkte für das Internet aufrüsten will. Konkret soll mit Hilfe von diesem Programmierwerkzeug der große Markt der Software-Entwickler erobert werden. "Das ist unser großes Comeback", sagt Microsoft-Manager Tom Button. Er soll die Entwickler wieder ans Unternehmen binden.

Diese waren Microsoft einst loyal ergeben; doch viele sind zwischenzeitlich zur Programmiersprache Java von Sun Microsystems oder zu den Produkten anderer Anbieter gewechselt. Erst Software-Entwickler machen Computing Platforms und ihre Software zum Erfolg. Wenn Entwickler ihre Programme für Windows schreiben, dann kaufen mehr Menschen Windows. Als der Microsoft-Manager Button vergangene Woche nach San Francisco flog, um dort die Markteinführung von Visual Studio vor großem Publikum zu feiern - da dürfte ihm und seinen Kollegen nicht nur nach Feiern zumute gewesen sein. Microsoft steht noch ein harter Kampf bevor. Java ist bereits in einigen Branchen fest etabliert.

Daher hat Microsoft sehr viel Geld und Zeit in das Marketing von Visual Studio investiert. Microsoft hat bereits 3,5 Millionen Testkopien der neuen Software verteilt. Es hat Visual Studio den Entwicklern in Online-Chatboards, Zeitschriften und auf Fachveranstaltungen angepriesen. Außerdem hat Microsoft bereits 2000 ein so genanntes .NET Emerging Business Team im kalifornischen Silicon Valley gegründet. Das Team soll Risikokapitalgeber überzeugen, kleinen Unternehmen zu helfen, die frühe Versionen der .NET-Produkte auszuprobieren.

Microsoft möchte mit dieser Produktreihe auch Entwickler außerhalb der Vereinigten Staaten erreichen: 1,5 Millionen gibt es alleine in Europa, dem Nahen Osten und Afrika. Dorthin hat der Software-Riese bereits 700 000 Testkopien von Visual Studio verteilt. "Sehr überrascht" sei Microsoft von der positiven Resonanz bei kleinen Software-Entwicklern in Ländern wie Israel und der Tschechischen Republik gewesen, sagt Wilfried Grommen. Er ist bei Microsoft für die NET-Strategie in Mittel-Europa zuständig.

Neben diesen kleinen Entwicklern setzt Microsoft zusätzlich auf die Telekommunikationsbranche. Es laufen Gespräche mit Firmen, die mit der neuen Software drahtlose Daten-Dienste aufbauen wollen.

Die Marketingbemühungen haben Microsoft schon erste Erfolge gebracht. So ist das winzige kanadische Software-Unternehmen Covarity von Java zu .NET gewechselt. Diese Entscheidung fiel nach einer Fachtagung über Softwarelösungen. Die Veranstaltung im Silicon Valley wurde von Microsoft finanziert.

Auch wenn Microsoft bei Unternehmen wie Covarity Erfolg hat - so liegt es in den wichtigen Bereichen zurück. Beim Aufbau wichtiger Web-Dienste ist Java die Standard-Programmiersprache. Hier brachte Microsoft sein Wettbewerbs-Produkt zu spät auf den Markt. Neben dem späten Zeitpunkt der Markt-Einführung hat .NET scheinbar auch technische Probleme, die Standards des Wettbewerbs zu erreichen. Zum Beispiel in traditionellen Geschäftsprozessen, die etwa den Kontakt zu Lieferanten ersetzen sollen. Dazu John McPeake, ein Analyst von Prudential Securities: "Bislang waren die Microsoft-Technologien nicht robust genug, um diesen Job zu leisten."

Das Problem für Microsoft: Die neuen Web-Dienste laufen mit Back-Office-Software von Microsoft-Konkurrenten wie IBM, Sun, BEA. Daher forciert Microsoft Visual Studio auch deshalb so stark, weil es seine Software für so genannte Back-end-Server wie Windows 2000, SQL und Biz-Talk-Produkte verkaufen will. Besorgniserregend ist für Microsoft außerdem, dass ihm neuer Wettbewerb auf dem Markt der Programmierwerkzeuge droht: Das kalifornische Unternehmen BEA plant, noch diesen Monat eine Testversion von "Cajun" auf den Markt zu bringen. Cajun soll auch geringer qualifizierten Entwicklern die Anwendung der Java-gestützten Web-Entwicklung ermöglichen.

Ein Teil der Entwickler könnte zu dem BEA-Produkt wechseln: vor allem die, die jetzt noch mit älteren Microsoft-Programmiersprachen arbeiten. Das erwartet zumindest der BEA-Chef Alfred Chuang. Denn um mit Visual Studio zu arbeiten, müssten die Entwickler die neuen Software-Versionen und die neue Programmiersprache C Sharp von Microsoft erlernen.

Chuang über die BEA-Strategie: "Wir sitzen auf der anderen Seite des Zaunes und rufen den Entwicklern zu, kommt zu uns, wir lieben euch!"

Micosoft-Konkurrenten wie IBM sagen, dass Visual Studio es schwer haben dürfte, auch nur einen Bruchteil vom großen Geschäft mit vernetzten Back-end-Systemen abzubekommen.

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