Wirtschaft : Microsoft sieht sich zu Unrecht am Pranger

Der Softwarekonzern ist im Kartellstreit mit Brüssel auf der Suche nach einer Einigung mit der EU-Kommission

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Berlin (msh). Der Softwarekonzern Microsoft hat den Vorwurf der EUKommission zurückgewiesen, seine marktbeherrschende Stellung auszunutzen. „Wir haben uns in Wettbewerbsfragen nichts vorzuwerfen“, sagte ein Firmensprecher dem Tagesspiegel. Das Unternehmen befinde sich in ständigem Kontakt mit der EU-Kommission und strebe eine einvernehmliche Lösung an.

Die EU-Kommission hatte Microsoft in der vergangenen Woche eine letzte Frist gestellt, den Missbrauch seiner marktbeherrschenden Stellung bei Betriebssystemen für Personal Computer (PC) zu beenden. Mit Windows verfügt Microsoft über ein Fast- Monopol bei dieser Software für PCs. Die Kommission wirft Microsoft vor, seine Dominanz auch auf Betriebssysteme für große Servercomputer auszuweiten. Die Kommission habe genügend Beweise gesammelt, um Microsoft den Missbrauch seiner monopolartigen Stellung nachzuweisen, hieß es in Brüssel. Damit droht dem Konzern ein Bußgeld in Millionenhöhe und eine Klagewelle geschädigter Konkurrenten.

Im Kartellstreit wendet sich das Unternehmen vor allem gegen den Vorwurf, andere Anbieter von Multimedia-Software vom Markt drängen zu wollen. Neben dem Media Player von Microsoft zum Abspielen von Musik und Videos am Computer könne der Nutzer „jede andere Software installieren“, sagte der Sprecher. Um den Konkurrenten den Zugang zu Windows zu erleichtern, habe Microsoft die entsprechenden technischen Informationen bereits veröffentlicht.

Die Vorwürfe aus Brüssel treffen Microsoft zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Der Konzern des Firmengründers Bill Gates steckt in einer schwierigen Phase der Umstrukturierung. Das Wachstum in den Kerngeschäftsfeldern Betriebssysteme (Windows) und Büroanwendungen (Word, Excel und andere) flacht merklich ab. Die Expansion in die neuen Bereiche Firmensoftware, Unterhaltungselektronik (X-Box), Handy- Software und Internetportale (MSN) kommt nur schleppend voran.

Größte Gefahr für Microsoft ist aber die offene Software Linux (siehe Lexikon) , die das Windows-Betriebssystem ersetzen kann. Microsoft-Vizechef John Connors hatte kürzlich „nicht kommerzielle Software" als das zweitgrößte Risiko für die künftigen Geschäfte von Microsoft bezeichnet – gleich nach der allgemeinen Wirtschaftskrise.

Auch in Deutschland gibt es wachsende Probleme mit dem Erfolg von Linux: Nachdem Innenminister Otto Schily im vergangenen Jahr die stärkere Nutzung von Linux in der Verwaltung beschlossen hatte, gingen zahlreiche Aufträge an Microsoft vorbei. Inzwischen nutzen Institutionen wie das Bundeskartellamt, die Monopolkommission oder der Bundesdatenschutzbeauftragte die freie Software. Für Aufsehen sorgte die Entscheidung der Stadt Schwäbisch Hall, ihre komplette IT-Infrastruktur auf Linux umzustellen. Zuletzt entschied die Stadt München, 14 000 Arbeitsplätze umzurüsten.

Microsoft-Deutschland-Chef Jürgen Gallmann will diesen Trend stoppen. „Linux ist ein ernst zu nehmender Wettbewerber. Das ist ein offener Wettbewerb, dem wir uns stellen“, sagte Gallmann. Er argumentiert, die Lizenzen für Linux-Software seien zwar billiger, die Pflege und Wartung aber bei den Microsoft-Produkten günstiger. Um den Kontakt zu den öffentlichen Auftraggebern zu verbessern, hat Gallmann einen eigenen Geschäftsbereich „Public“ geschaffen und für dessen Leitung den Berliner Ex-Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner geholt.

Eben so große Probleme hat Microsoft auch bei Handy-Software. Die meisten Hersteller von Mobiltelefonen haben sich zusammengeschlossen, um ihre Software selbst zu entwickeln und Microsoft aus diesem Geschäft herauszuhalten. Um eine ähnliche Dominanz wie bei PCs zu vermeiden, schlossen sich zuletzt sogar mehrere Chiphersteller mit Marktführer Nokia zusammen, um ihre Produkte an dessen Software anzupassen.

Schwierigkeiten hat Microsoft auch auf dem Markt für Spielkonsolen. Hier stieg Microsoft mit gigantischem Entwicklungsaufwand in das Geschäft ein, soll aber immer noch bei jeder X-Box kräftig draufzahlen. Mit Sony und seiner Playstation gebe es einen „harten Wettbewerb“, sagt Microsoft- Deutschland-Chef Gallmann. „Da brauchen wir einen langen Atem.“ Doch die Reihen lichten sich bereits. Nach dem Scheitern von Sega mit der Dreamcast-Konsole kündigte Ende der vergangenen Woche auch Nintendo einen Produktionsstopp für seinen Gamecube an.

Schwieriges Deutschlandgeschäft

Gallmann braucht in Deutschland dringend Erfolge. Im vergangenen Jahr habe die deutsche Landesgesellschaft ihre Ziele deutlich verfehlt, heißt es in Branchenkreisen. In der Microsoft-Zentrale in Redmond sei man ziemlich zerknirscht darüber gewesen, dass Deutschland unter dem Durchschnitt der anderen europäischen Länder gelegen habe. Auch im laufenden Jahr sind die Vorgaben für die Deutschen aus der Zentrale in Redmond ehrgeizig: Bei den PC-Betriebssystemen soll der Umsatz um sechs Prozent steigen, bei den Office-Produkten um neun bis elf Prozent und bei Software für Handys und Organizer sogar um 40 Prozent.

Auch intern rumort es derweil heftig. In den vergangenen Monaten stellte Microsoft seine Vertriebsorganisation auf Branchen um und integrierte den Anbieter von Firmensoftware Navision. Vielen Microsoft-Managern gefällt es gar nicht, dass Gallmann, der im November 2002 von IBM kam, die neu zu vergebenen Spitzenpositionen mit Getreuen aus seinem ehemaligen Unternehmen besetzte. Darunter den Chef des Großkundengeschäfts und den Chefentwickler. Doch Gallmann wiegelt ab: „Das Bewerbungsverfahren war fair.“ Der eine oder andere müsse sich aber an seine neue Aufgabe erst noch gewöhnen.

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