Wirtschaft : Mieter verzweifelt gesucht

DANIEL GOFFART/HB

Zum Abschied aus Bonn gab sich die SPD bei einem letzten Kölsch betont fröhlich. In Berlin erwartet die Genossen schließlich eine brandneue Parteizentrale in bester Lage. Während die CDU noch auf die Fertigstellung ihres Berliner Hauptquartiers warten muß, können die Sozialdemokraten bereits das Willy-Brandt-Haus in Berlin-Kreuzberg beziehen. Entgegen der allgemeinen Aufbruchstimmung werden die Schatzmeister der Parteien allerdings von schweren Sorgen geplagt. Die Neubauten der Berliner Immobilien strapazieren die ohnehin leeren Parteikassen. Immerhin kann die CDU einen Teil der Neubau- und Umzugskosten mit dem Verkauf ihrer Bonner Immobilie decken.Den Christdemokraten ist es gelungen, ihr schmuckloses Hochhaus aus den siebziger Jahren für satte 17 Mill. DM an die Deutsche Telekom zu verkaufen. Die SPD dagegen weiß bis heute nicht, was sie nach dem Auszug mit dem Erich-Ollenhauer-Haus in Bonn anfangen soll. Das in Parteikreisen und im Volksmund abschätzig "Baracke" genannte Gebäude gilt wegen seiner dunklen Räume, der verschachtelten Architektur und des herben Charmes des allgegenwärtigen Betons als schwer veräußerbar. Das Verwertungsproblem teilt SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier mit vielen Managern und Kollegen öffentlicher oder privater Institutionen. Zum Verkauf stehen neben den Parteizentralen noch die Vertretungen der Bundesländer, zahlreiche Botschaften, Residenzen, Verbandshäuser oder die Dependancen der Bonner Medien und Lobbyisten. Bei einer Stadt mit 270 000 Einwohnern macht sich das umzugsbedingte Angebot deutlich bemerkbar. Überall im ehemaligen Regierungsviertel werden Büroetagen und andere Objekte angeboten, "oft wie sauer Bier", wie der Leiter der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern bekennt. Die ehemaligen "rheinischen Botschaften" der Länder gelten, solange sie nicht in attraktiven Altbauten untergebracht sind, wegen ihrer Raumaufteilung als schwer vermittelbar.Wenige Büros, dafür aber mittelgroße Veranstaltungs- und Repräsentationsräume, das ist wegen fehlender Umnutzungsmöglichkeiten nicht das, was die neu nach Bonn ziehenden Dienstleister und Behörden suchen. R. Dieter Limbach, Immobilienmakler und einer der Bonner Marktführer, gibt sich dennoch optimistisch: Es könne keine Rede davon sein, daß in Bonn nach dem Umzug die Lichter ausgingen. Im Gegenteil: Große Büroflächen ab 3000 Quadratmetern seien in der Ex-Hauptstadt derzeit nicht zu bekommen, sagt Limbach. Auch der Bund habe - bis auf Großobjekte wie Bundestag, Bundesrat und das Gästehaus auf dem Petersberg - nichts anzubieten. Selbst das wenig ansprechende Abgeordnetenhochhaus "Langer Eugen" ist an nachziehende Bundesbehörden und Organisationen vermietet. Auch der vom Hochwasser 1993 beschädigte Schürmannbau dient nach aufwendiger Sanierung bald der Deutschen Welle als Rundfunkhaus.Im Gegensatz zu anderen Städten wird in Bonn, einem der zehn größten deutschen Bürostandorte, von Investorenseite kein Vorratsbau betrieben, bedauert Limbach. Die Mieter wollten aber jetzt Räume, die Investoren dagegen brauchten mindestens 18 Monate Vorlaufzeit für Neubauten. "Da beißt sich die Katze in den Schwanz." Auch die Hypovereinsbank hat in einer Untersuchung das Zögern der Investoren beklagt. Dabei fehlen nach einer Prognos-Studie bis 2010 in Bonn sogar über 40 000 Wohnungen. Ein Überangebot in Form von 1,5 Prozent Leerstand gibt es nur bei kleinen Büroflächen. Auch auf dem Bonner Wohnungsmarkt ist der befürchtete Preissturz ausgeblieben. Viele Beamte pendeln nach Berlin und behalten ihre Häuser. Dagegen suchen die 16 000 neu nach Bonn strömenden Angestellten der Telekom, anderer Dienstleister und Tauschbehörden händeringend Immobilien - vor allem zu höheren Preisen.Kein Wunder: Die Kaufkraft Bonns liegt immer noch um ein Fünftel über dem Bundesdurchschnitt. Die 21 neu an den Rhein ziehenden Ämter sowie zahlreiche Uno-Sekretariate und Forschungsinstitute haben neben der Telekom und den 3,4 Mrd. DM staatlichen Ausgleichszahlungen dafür gesorgt, daß die Bonner Zukunftsängste der Vergangenheit angehören.

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