Migranten im öffentlichen Dienst von Berlin : Der Feuerwehrmann aus Libanon

Der öffentliche Dienst sucht Azubis mit Migrationshintergrund. Doch ihnen wird der Einstieg oft nicht leicht gemacht. Wie es Ali Khattab, ein Palästinenser aus Libanon, trotzdem zur Berliner Feuerwehr geschafft hat.

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Einer von Fünf.
Einer von Fünf.Foto: Björn Kietzmann

Als Ali Khattab vor zehn Jahren nach Deutschland kam, wusste er noch nicht, dass Berliner ihre Sätze gerne mit einem „wa?“ beenden. Dass VHS die Abkürzung für Volkshochschule ist. Und dass LHF für „Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeug“ steht. Doch was Khattab wusste, war, dass er in Berlin leben, Deutsch lernen und Feuerwehrmann werden wollte. „Der Weg war nicht einfach“, sagt der heute 30-Jährige, „aber ich lerne gerne und wenn ich ein Ziel vor Augen habe, kämpfe ich dafür.“

Es ist ein Abend im Februar, sein Feierabend. Khattab hatte den Tag über Seminar, in ein paar Monaten wird er seine Ausbildung zum Feuerwehrmann bei der Berliner Berufsfeuerwehr abschließen. In der Wohnung, in der Khattab mit seiner Frau und den drei Söhnen lebt, ist überall ein bisschen Feuerwehr: Der Flur ist „Feuerwehr Sperrzone“, das steht auf einem rot-weißen Absperrband, wie man es von Baustellen kennt. Im Wohnzimmer sind hinter Glas Urkunden aufgereiht, eine hat Bürgermeister Klaus Wowereit signiert: „Den Helfenden aus Berlin“. Khattab bekam sie nach dem Hochwasser im vergangenen Jahr überreicht. An der Wand neben dem Sofa hängt ein Rettungsring, „Berliner Feuerwehr“ steht da, Khattabs Kollegen haben alle darauf unterschrieben, es war sein Geburtstagsgeschenk.

Die Berufsfeuerwehr zählt zum so genannten öffentlichen Dienst, genauso wie Krankenhäuser, Verwaltungen und Universitäten. Und dort, kritisiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD, seien in Deutschland zu wenige Zuwanderer beschäftigt. Genauer: In keinem OECD-Land, 34 sind es insgesamt, schaffen es weniger Migranten in den öffentlichen Dienst als in Deutschland. Robert Westermann, der beim Beruflichen Qualifizierungsnetzwerk für Migrantinnen und Migranten in Berlin (BQN e.V.), arbeitet, teilt diese Ansicht: „Deutschland hat die Problematik viel zu spät erkannt“, sagt er. „Jahrzehntelang hielt man sich mit der Frage auf, ob wir überhaupt ein Einwanderungsland seien.“

Er sah deutsche Sender im Fernsehen und trainierte eine Jugendmannschaft

Ali Khattab ist Palästinenser, bis zu seiner Ausreise nach Deutschland lebte er im Libanon. Er ist gelernter Kfz-Mechaniker, doch als er nach Deutschland kam, war er erst einmal arbeitslos. Seine Zeugnisse waren alle in arabischer Sprache verfasst und die deutsche Staatsbürgerschaft hatte er auch noch nicht – wer würde ihn da einstellen? Khattab meldete sich bei der VHS für einen Deutschkurs an. Abends sah er oft fern, deutsche Sender. Er wollte die Sprache verstehen und das Land, das zu seiner neuen Heimat werden sollte. Und weil er schon immer gerne Fußball gespielt hatte, begann er, in seiner Freizeit eine Jugendmannschaft in Kreuzberg zu trainieren. Wann immer es ging, sprach er Deutsch.

Dann nahm er an einem Weiterbildungsprogramm teil. Khattab machte verschiedene Jobs, er arbeitete in der Warenannahme einer Kaufhauskette und als Abfertiger auf dem Flughafen. Ein Kollege dort war bei der Freiwilligen Feuerwehr. Und als Khattab ihm erzählte, dass er gerne Berufsfeuerwehrmann werden wolle, sagte der Kollege: „Dafür musst du aber Deutscher sein.“Ali Khattabs Frau hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Ende 2011 wurde er eingebürgert. Wenige Tage später bewarb er sich bei der Berufsfeuerwehr. Zwei Wochen später erhielt er die Einladung zum Sporttest. Ali Khattabs Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte.

Berlin, sagt Robert Westermann vom Qualifizierungsnetzwerk BQN, stehe im Vergleich zu den anderen Bundesländern sogar gut da, „hier passiert viel“. Ali Khattab sagt, dass Deutschland besser sein könnte. Und dass Berlin noch besser sein könnte. Wenn man ihn fragt, woran er das festmacht, erzählt Khattab die Geschichte eines 17-Jährigen, der in Berlin geboren ist, den aber die meisten nicht deutsch nennen, sondern lieber auf seinen Migrationshintergrund hinweisen.

Für eine Ausbildung bei Polizei und Feuerwehr muss man die deutsche Staatsangehörigkeit haben oder die eines Mitgliedlandes der Europäischen Union. Für andere Bereiche des öffentlichen Dienstes sind die erforderlichen Qualifikationen vorzuweisen. Eine nichtdeutsche Herkunft ist dort kein Hindernis.

In Berlin haben rund ein Fünftel der im öffentlichen Dienst Beschäftigten einen Migrationshintergrund. Westermann vom BQN sagt: „Der öffentliche Dienst ist überall in der Stadt sichtbar, die Menschen, die dort arbeiten, haben eine gewisse Vorbildfunktion. Umso wichtiger ist es, dass sie sich interkulturell öffnen.“

Als Palästinenser durfte er im Libanon nicht studieren

Auch Ali Khattab möchte Vorbild sein. Sein Job bedeutet ihm viel. Im Libanon durfte er als Palästinenser nicht an einer Universität studieren, Berufe im öffentlichen Dienst waren ihm verwehrt. Wenn er heute mit dem Löschfahrzeug zu den Sommerfesten seiner Kinder fährt, „sind die alle Feuer und Flamme“, sagt er und lacht. Und einmal, als es in der Sonnenallee brannte und Khattab mit seinen Kollegen anrückte, rief die halbe Straße „Ali!“, einer schenkte Tee aus.

Khattabs Kollegen fragen ihn manchmal, warum nicht alle Zuwanderer so seien wie er. Zielstrebig, offen, motiviert. Er antwortet dann, dass das nicht so einfach sei. „Ich hatte die Unterstützung meiner Frau und die meiner Kollegen“, sagt er. Robert Westermann vom BQN weiß, wovon Khattab spricht: „Auf allen Ebenen muss mitgearbeitet werden“, sagt Westermann. „Lehrer, die Belegschaft in Betrieben, die Chefs.“ Es geht um den „Mentalitätswandel“. Jede Berliner Schule und jeder Betrieb sollte eine Strategie zur „Gestaltung von Vielfalt“ haben, die von der jeweiligen Leitung auch mitgetragen werde, sagt er. Die Initiative „Berlin braucht dich“ bietet daher Betriebsbegegnungen für Schüler an. Die Berliner Feuerwehr ist aber noch nicht dabei.

Im Wohnzimmer der Familie Khattab, in dem Regal, wo auch die Urkunden stehen, liegt das Jahrbuch des Deutschen Feuerwehrverbands. Auf Seite 134 ist ein Foto von Ali Khattab zu sehen, in Dienstkleidung, die Überschrift lautet: „Einsatz braucht Vielfalt, Vielfalt braucht Einsatz.“ Ali Khattab sieht glücklich darauf aus.

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