Wirtschaft : Migration ist keine Lösung

Die demografischen Probleme werden nur durch eine radikal neue Sozialpolitik gemindert Von Götz W. Werner

-

Es gibt in Deutschland zahlreiche Expertisen zum Thema Demografie. Aus der Sicht der Empirie ist alles sorgfältig erhoben, analysiert und die richtige Empfehlung gegeben – nämlich die einer gesteuerten Migration, bei welcher der Migrationsprozess nicht mit der Aufenthaltsgenehmigung endet. Dabei stellt sich die Frage, welchen Platz wir für Einwanderer in der Gesellschaft haben. Weder in der Landwirtschaft noch in der industriellen Produktion werden Arbeitskräfte gebraucht. Im Gegenteil: Maschinen und Methoden machen menschliche Arbeit zunehmend überflüssiger, so dass wir in diesen Bereichen der weisungsgebundenen Erwerbsarbeit keinen Bedarf an Immigranten haben werden. Der Bereich der Kultur- und Sozialarbeit dagegen wächst – nicht zuletzt auf Grund der demografischen Entwicklung. Einfache Tätigkeiten wie beispielsweise in der Kinder- und Krankenpflege werden jedoch unattraktiv, ebenso wie die weniger gut bezahlten Aufgaben in der Kulturarbeit, sobald Immigranten sich in der „neuen Heimat“ sozial etablieren wollen.

Aus meiner Sicht werden deshalb die demografischen Probleme nicht mit einer gezielten Migrationspolitik gelöst – und nebenbei bemerkt: auch das Defizit bei Pflege-, Sozial- und Kulturaufgaben nicht durch die Proklamation von mehr Engagement in Ehrenämtern – sondern es bedarf eines radikalen Umdenkens in unserer Sozial- und Gesellschaftspolitik. Der einzig gangbare Weg ist eine neue Einstellung der Bevölkerung zur Erwerbsarbeit, die nicht mehr weisungsgebunden sein kann, sondern individuell initiativ ergriffen werden muss. Um individuell Initiativarbeit ergreifen zu können, bedarf es eines Entscheidungsfreiraumes, der nur durch ein bedingungsloses Grundeinkommen geschaffen werden kann. Das bedingungslose Grundeinkommen ermöglicht es Menschen, ihren Neigungen zu folgen, und gerade im Kultur- und Sozialbereich, in dem wir einen enormen Bedarf haben, möchten sich viele Menschen einbringen – heute müssen sie jedoch Arbeitsaufträge annehmen, um sich ein Einkommen und die Akzeptanz der Gesellschaft zu sichern. Und wer keine bezahlte Arbeit hat, ist gesellschaftlich stigmatisiert – nicht nur Arbeitslose, sondern auch Mütter oder Väter, die ihre Kinder selbst erziehen. Das bedingungslose Grundeinkommen dagegen eröffnet den Menschen Raum, um eigene Initiative zu entwickeln, diese in die Gesellschaft einzubringen und sich mit Würde in die Gesellschaft zu integrieren – nicht nur den Immigranten, sondern beispielsweise auch den fünf Millionen Arbeitslosen. Auch Eltern würden wir damit zeigen, dass ihre Arbeit gesellschaftlich wertgeschätzt wird .

Neben einem bedingungslosen Grundeinkommen bedarf es einer radikalen Steuerreform. Die Steuerbezugsquelle Erwerbsarbeit muss der Steuerbezugsquelle Konsum weichen. Je geringer die Zahl der Erwerbstätigen ist und je höher die Zahl der Erwerbslosen, desto mehr wird der einzelne Erwerbstätige belastet, und genau darin besteht das Problem. Da aber alle Menschen konsumieren, die eine Gesellschaft bilden, ist die Zahl der Steuerzahler bei einer Konsumsteuer immer identisch mit der Zahl der Mitglieder der Gemeinschaft. Zudem verteuert eine reine Konsumsteuer unsere Importe und verbilligt die Exporte, denn unsere sozialen Sicherungssysteme würden nur von den Gütern und Dienstleistungen bezahlt werden, die auch im Inland konsumiert werden. Ein Investitionsparadies wäre die Folge. Deutschland würde Arbeitsplätze anziehen statt zu vertreiben.

Der Autor ist Chef der Drogeriekette dm.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben