Wirtschaft : Milchgesicht mit Börsenkenntnis

Ein 24-jähriger Amerikaner baut im Irak die Börse neu auf – und stößt dabei auf viele Widerstände

Yochu J. Dreazen

Jay Hallen hat in den vier Jahren, in denen er an der US-amerikanischen Universität Yale Politikwissenschaft studierte, selten Finanznachrichten oder die Börse verfolgt. Trotzdem bekam ausgerechnet er die Aufgabe zugeteilt, die derzeit geschlossene irakische Börse wiederaufzubauen. Der 24-jährige war im September nach Bagdad gereist, um für die Übergangsregierung die Entwicklung des privaten Sektors voranzutreiben – sofort nach seiner Anreise bekam er den Job, die Börse wieder aufzubauen.

Die funktioniert nämlich derzeit gar nicht mehr: Das Gebäude wurde nach dem Krieg geplündert. Einige an dem Handelsplatz geführten Unternehmen wurden während des Krieges zerstört oder danach zur Schließung gezwungen. Und viele Mehrheitsaktionäre irakischer Firmen – Saddam Hussein und seine Verwandten und Freunde – sind tot oder im Gefängnis. Hallen räumt ein, eher zufällig im Irak gelandet zu sein. Im Jahr 2002 hatte er sich um einen Job im Weißen Haus beworben, und obwohl er diesen nicht bekam, blieb er in Kontakt zu Reuben Jeffrey, der damals das Vorstellungsgespräch geführt hatte. Als Jeffrey in den Irak ging, fragte Jay Hallen ihn , ob er dort einen Job für ihn hätte. Jeffrey ist Berater von L. Paul Bremer III., dem Zivilverwalter des Iraks.

Wenige Wochen später bekam Hallen einen Anruf aus dem Pentagon. Man teilte ihm mit, er habe eine Stelle bei der Übergangsregierung bekommen und müsse in weniger als einem Monat in Bagdad sein. „Das war natürlich ein Schock“, sagt er – und stürzte sich in die Arbeit. Hallen hat zusammen mit Finanzexperten und Juristen der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde und der Börsen von New York und Philadelphia die Handelsregeln und die Offenlegungspflichten überarbeitet und modernisiert. Er hat ein Kontrollgremium nach dem Muster der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde und einen Verband der Wertpapierhändler geschaffen. Er hat sich mit Vertretern der irakischen Firmen getroffen, die an der Börse geführt werden sollen. Seine schwierigste Aufgabe war, das Vertrauen der irakischen Anleger und Händler zu gewinnen, die wegen seiner Jugend und mangelnden Erfahrung größte Bedenken hatten.

Anfang November traf Hallen sich im Hamra Hotel in Bagdad mit Luay Nafa Elias, der eine Investmentgesellschaft leitet. Elias sagt, er habe einen Mann im mittleren Alter erwartet und sei deshalb sehr erstaunt gewesen, als sich ein glattrasiertes Milchgesicht zu ihm an den Tisch gesetzt habe. Als das Essen voranschritt, war Herr Elias jedoch zunehmend eingenommen von Hallens wiederholtem Versprechen, eine Börse zu schaffen, die der Gegenstand des Neides der ganzen arabischen Welt werden würde. Sein Glaube in Jay Hallen schwand jedoch, als die Eröffnung der Börse zuerst auf Mitte Januar, dann auf Februar verschoben wurde. „Vielleicht hätte ein Älterer mit mehr Erfahrung das in der Zeit geschafft“, sagt Herr Elias.

Hallen versteht diese Enttäuschung, mahnt die Händler aber, geduldig zu sein. „Was sie verstehen müssen ist, dass wir nicht die alte Bagdader Börse wiedereröffnen. Wir schaffen eine völlig neue.“ Die Börse in Bagdad wurde im März geschlossen, als die Luftangriffe auf Bagdad den Krieg eröffneten. Der Händler Hussain Kubba zeigt auf eine Tafel in seinem Büro, an der noch die Preise vom Vortag der Schließung stehen. „Die Preise sind ein Bruchteil dessen, was diese Anteile heute wert sind, aber niemand kann daraus Vorteile ziehen, solange die Amerikaner noch herumtrödeln“, sagt er.

Jay Hallen begründet die Verzögerung mit der Schwierigkeit, die neuen Computer- und Kommunikationssysteme der Börse ans Laufen zu bekommen. Er glaubt fest daran, dass die Börse im Februar eröffnen wird – zuerst vorübergehend im Babylon Hotel und dann dauerhaft in einem Gebäude, das früher ein Büro des irakischen Nachrichtendienstes, dann eine Bank und das beste indische Restaurant der Stadt beherbergte.

Inzwischen hat Hallen angefangen, die Freihandelstugenden zu praktizieren, die er den Irakern predigt. Als er nach Bagdad kam, lebten alle leitenden Angestellten im Al-Rasheed Hotel und machten sich über diejenigen lustig, die wie Hallen in einfachen Wohnwagen lebten. Nach den Raketen-Angriffen auf das Hotel wurden alle Bewohner in Gemeinschaftsräume umquartiert, wo sie sich das Bad teilen müssen. Herr Hallen sagt, er habe schon viele gute Angebote für seinen Wohnwagen, die er bislang aber alle abgelehnt habe. „Ich denke, der Markt wird noch besser werden, je länger sie dort ausharren müssen“, sagt er.

Texte übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Graffiti), Svenja Weidenfeld (Börse Irak), Karen Wientgen (Vogelgrippe), Christian Frobenius (China), Matthias Petermnann (Fed).

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