Milchpreise : Einkauf unter Protest

Die Bauern fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz und kämpfen für höhere Milchpreise – vor dem Kanzleramt und bei Lidl.

Alexander Visser
Sonnleitner Foto: dpa
Jetzt reicht's: Bauernpräsident Sonnleitner mit einer Lidl-Milchtüte in Berlin. -Foto: dpa

Berlin - Gerd Sonnleitner geht nicht oft bei Lidl einkaufen, am Freitag gehörte es zu seinen Pflichten als Bauernpräsident. Die Filiale des Discounters zwischen Plattenbauten und einer Kriegsbrache an der Berliner Heinrich-Heine-Straße war die Kulisse für den öffentlichen Protestkauf. „Stoppt den Wahnsinn der Preisspirale nach unten, vernichtet nicht Arbeitsplätze auf den Bauernhöfen und in der Verarbeitung“, sagte Sonnleitner beim Herausgehen zu den draußen wartenden Kameras. Einen Liter Milch hatte er eingekauft, der laut Lidl-Werbung vor kurzem noch 61 Cent kostete, jetzt aber nur noch 48 Cent. Dieser Preisverfall zeige den „Ultrapreisdruck bei Milch seitens der Discounter“, erzürnte sich der Bauernpräsident. Parallel demonstrierten in Nürnberg hunderte Bauern vor einer Aldi-Filiale gegen niedrige Milchpreise.

Milchbauernprotest
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29.07.2009 08:29Seit dem 11.05.2009 protestieren rund 200 Frauen vom Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) vor dem Bundeskanzleramt. Die Bäuerinnen...


Die Milchbauern fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz und machen in der Hauptstadt mit verschiedenen Aktionen auf ihre Situation aufmerksam. Am auffälligsten sind die Proteste der mehr als 200 Milchbäuerinnen, die seit Anfang der Woche vor dem Kanzleramt kampieren. Sie wollen ihren Protest noch bis zum morgigen Sonntag fortsetzen. Dann werden sie von ihren Männern abgeholt, die ebenfalls am Kanzleramt demonstrieren wollen. Weitere Aktionen der Milchbäuerinnen seien nicht ausgeschlossen, sagte eine Sprecherin des Milchviehhalterverbandes. Unklar sei, ob auch die sechs Milchbäuerinnen im Hungerstreik ihren Protest beenden würden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will sich vorerst nicht mit den Milchbäuerinnen vor ihrer Tür treffen. Ihre Forderungen seien weder politisch sinnvoll, „noch wären sie in Europa mehrheitsfähig“, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg. Die Bäuerinnen verlangen die Einberufung eines neuen Milchgipfels und niedrigere Produktionsquoten für Milch in der EU. Steg sicherte ihnen zu, vorgezogene Hilfen aus Brüssel zu prüfen.

Am Freitag formierte sich vor der Kreuzberger Lidl-Filiale mit Sonnleitners Bauernverband, der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) und dem Verband der Landfrauen eine weitere Allianz gegen den Milchpreisverfall. „Wir fordern keine staatliche Festsetzung von Milchpreisen“, sagte NGG- Chef Franz-Josef Möllenberg. „Aber die Politik muss Regeln festsetzen, die den Bauern und den Beschäftigten in der Milchverarbeitung auskömmliche Löhne und Einkommen bringen.“

Das sehen hier offenbar nicht alle so. „Höhere Milchpreise?“, fragt ein vorbeikommender Lidl-Kunde mit abschätzigem Blick auf Presse und Bauernlobbyisten. „Die sollen die Preise lieber senken.“ Alexander Visser

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