Milliarden verzockt : Kollege "JK"

Stille Wasser: Der kleine Angestellte, der die französische Großbank Société Générale um Milliarden erleichtert haben soll, galt als fleißig und ziemlich schüchtern. Jérôme Kerviel wurde im Kontrollsystem der Bank ausgebildet – jetzt trickste er es aus.

Rudolf Balmer

ParisEin blässlicher Bankangestellter, der ein bisschen Ähnlichkeit mit Tom Cruise hat, versetzt die Welt in Aufregung. Jérôme Kerviel (31), Wertpapierhändler bei der Großbank Société Générale, hat durch Fehlspekulationen einen Verlust von rund fünf Milliarden Euro verursacht. Wie ein Fahndungsbild ging sein Foto um die Welt. Kerviel wird damit zu einem Star, der er in seiner Bank gar nicht war. Sein Jahresgehalt betrug weniger als 100 000 Euro, eher bescheiden für die Szene.

Seine Familie zeigte sich am Freitag fassungslos. Der 31-Jährige sei immer „seriös und zurückhaltend“ gewesen, sagte seine Tante Sylviane im westfranzösischen Pont l’Abbé, wo das Haus seiner Mutter steht. „Er muss manipuliert worden sein. Meiner Meinung nach muss man bei seinen Chefs und Kollegen suchen“, sagte die wohlmeinende Tante. Deren Schwester, Kerviels Mutter, reiste nach Paris, nachdem sie informiert worden war, dass es ihrem Sohn nicht gut gehe. „Le Monde“ berichtete, Betriebsärzte kümmerten sich um den jungen Mann, der großen Schaden angerichtet hat, aber sich offenbar nicht bereicherte.

Kerviel muss mit einem Prozess wegen Betrugs und Veruntreuung rechnen, weil er dank seiner Kenntnisse der Kontrollsysteme Transaktionen im Umfang von fünfzig Milliarden Euro vor seinem Arbeitgeber verheimlichte. Als dieser ihm auf die Schliche kam und die extrem riskanten Termingeschäfte beendete, war der Milliardenschaden nicht mehr zu vermeiden. Das ist zumindest die offizielle Darstellung durch Bankpräsident Daniel Bouton. Der Übeltäter selbst ist untergetaucht, befinde sich aber nicht auf der Flucht, wie seine Anwältin betont.

Nach dem Studium der Finanzwirtschaft an der Universität Nantes und einem Master in Lyon war er 2000 von der drittgrößten französischen Bank rekrutiert worden. Im Bürohochhaus der Société Générale im Pariser Geschäftsviertel La Défense arbeitete er zuerst im „Middle Office“, wo er in den Sicherheits- und Kontrollsystemen ausgebildet wurde, die zur Überwachung der Händler und zur Vermeidung unverantwortlicher Risiken eingesetzt werden. Wie ein Doppelagent setzte er dann später genau diese Kenntnisse ein, um bei seinen Spekulationen alle Warnsysteme auszutricksen. Die Direktorin von Kerviels ehemaliger Schule für Finanzfachleute bringt es auf den Punkt: „Jedem Menschen, dem sie die Kontrollmechanismen beibringen, bringen Sie auch die Möglichkeiten bei, diese zu umgehen.“ Das tat er denn auch mit großem Eifer. Seine Ex-Kollegen beschreiben ihn als arbeitsamen und hilfsbereiten, aber sehr schüchternen und etwas launischen Mitarbeiter.

Berichten zufolge hat ihn seine Freundin kürzlich verlassen. „Das war kein Angeber. Ich fand, dass er sich gegenüber den Vorgesetzten wie ein Stiefellecker verhielt. Eigentlich hatte er nicht das Zeug, um ein großer Trader zu werden“, verriet eine Kollegin der Zeitung „Le Parisien“. Doch „JK“, wie sie ihn nannten, schaffte 2005 den Aufstieg ins „Front Office“, wo die großen Börsengeschäfte laufen. Er zählte aber bei Weitem nicht zu den erfolgreichsten Händlern. Das lässt sich schon daraus ablesen, dass seine Gewinnbeteiligung für 2006 gerade 1500 Euro betrug.

Doch dann wollte er offenbar die Vorgesetzten beeindrucken: Per 31. Dezember 2007 hatte er für die Bank 1,5 Milliarden Euro verdient. Doch da waren die Risiken, die er eingegangen war, noch nicht bekannt. Branchenkenner vermuten eine Art Spielfieber, das ihn gepackt habe, als er dank seiner Kenntnisse unbeaufsichtigt Termingeschäfte abwickeln konnte und dabei Summen riskierte, die den Jahresumsatz der Bank übersteigen.

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