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Milliardenrisiko Stuttgart 21 : Bahn-Vizechef Volker Kefer gibt auf

Der Aufsichtsrat ist unzufrieden mit der Umsetzung des Programms "Zukunft Bahn". An der Spitze des Staatskonzerns wird es ungemütlich - nicht nur für Rüdiger Grube. Vize-Vorstandschef Volker Kefer gibt sein Amt auf.

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Rückzug. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn. Rüdiger Grube (l) verliert seinen Stellvertreter. Volker Kefer, Vorstand für Technik und Infrastruktur, will seinen Vertrag 2017 nicht verlängern. Foto: dpa
Rückzug. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn. Rüdiger Grube (l) verliert seinen Stellvertreter. Volker Kefer, Vorstand für...Foto: dpa

Eigentlich wollten sich Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bahn in diesem Jahr mit der Zukunft beschäftigen. Doch wenn sich die 20 Kontrolleure des Schienenkonzerns an diesem Mittwoch zur Aufsichtsratssitzung treffen, geht es wieder einmal um sehr gegenwärtige Probleme: Stuttgart 21, Verluste im Güterverkehr, Verspätungen, Qualitätsmängel. Nach einem Konzernverlust von 1,3 Milliarden Euro 2015 riskiert das Staatsunternehmen, mit seinem Sanierungs- und Umbauprojekt „Zukunft Bahn“ auf der Strecke zu bleiben. Für Bahn-Chef Rüdiger Grube (64), dessen Vertrag Ende 2017 ausläuft, wird es ungemütlich an der Spitze – aber nicht nur für ihn. Der stellvertretende Konzernchef Volker Kefer steht für eine Verlängerung seines bis September 2017 laufenden Vertrages nicht zur Verfügung. Dies teilte die Bahn am Dienstagabend mit.

Auf welchen Baustellen hat die Bahn aktuell die größten Probleme?

Neben den Verzögerungen und voraussichtlichen Kostensteigerungen beim Milliardenprojekt Stuttgart 21 wird es an diesem Mittwoch erneut um den angeschlagenen Güterverkehr (DB Cargo) gehen. Streit ist dabei vorprogrammiert. Denn am vergangenen Mittwoch war es dem Vorstand nicht gelungen, den Aufsichtsrat von seinem Sanierungskonzept für DB Cargo zu überzeugen. Danach sollen unter anderem gut 200 der 1500 Güterverkehrsstellen nicht mehr angefahren werden, solange nicht genug Güter auf der Schiene transportiert werden können. Außerdem steht ein Viertel der 100 Instandhaltungswerke zur Disposition. Nach einer lauten Demonstration der Eisenbahnergewerkschaft EVG vor dem Bahn-Tower in Berlin hatte die Mehrheit des Kontrollgremiums, in dem vor allem Vertreter der Arbeitnehmer und des Bundes sitzen, die Überlegungen des Managements abgelehnt. Die EVG fürchtet den Verlust von tausenden Stellen, intern wird der Sparkurs als noch zu halbherzig kritisiert.

In der Kritik steht aber nicht nur der Bahn-Vorstand, sondern auch die Politik: „Ich erwarte von den politischen Vertretern der Koalitionsparteien im Aufsichtsrat, dass sie die Lage des DB-Konzerns ernst nehmen“, sagte der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel, der im Verkehrsausschuss sitzt. Die Verlagerung von immer mehr Gütern auf die Straße bei gleichzeitig sinkender Maut stößt Kritikern auf. Gastel: „Die zahlreichen politischen Fehlentscheidungen von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt im Wirtschaftsverkehr müssen in den Koalitionsfraktionen endlich zum Thema gemacht werden.“ Die Bahn steht dabei doppelt in der Kritik: Mit ihrer riesigen Spedition DB Schenker profitiert sie von niedrigen Sprit- und Mautkosten (zu Lasten der Schiene) und als Schienennetzbetreiber kassiert sie steigende Trassenentgelte (zulasten privater Güterbahnen).

Zeigt die Qualitätsoffensive im Personenfernverkehr Wirkung?

Die Bahn gewinnt zwar Fahrgäste – bis Ende März zwei Millionen mehr als im Vorjahr –, erzielt mit ihnen aber weniger Umsatz und Gewinn als geplant. Die Strategie, auf die Billigangebote der Airlines und Fernbusse ebenfalls mit Billigtickets zu reagieren, zahlt sich per saldo bislang nicht aus.

Außerdem ist die Bahn zuletzt auch wieder unpünktlicher geworden: Mehr als jeder fünfte Zug im Fern- und Regionalverkehr kommt zu spät. Bessert sich diese Quote nicht – Grube will, dass Ende des Jahres 80 Prozent der Züge pünktlich fahren –, häuft die Bahn 2016 weitere Verspätungsminuten an. Im vergangenen Jahr waren es nach Zahlen des Eisenbahnbundesamtes bereits fast 175 Millionen Minuten, das entspricht fast 8000 Stunden pro Tag.

Die laufende Ausbesserung des teils maroden, 33 000 Kilometer langen Schienennetzes lässt Böses ahnen. Bis zu 850 Baustellen am Tag hat die Bahn für dieses Jahr in Aussicht gestellt. Grube selbst sieht im Baustellenmanagement „ein Manko“.

Dennoch verspricht das Unternehmen in seiner „Vision“ für 2020 „erstklassige Mobilitätslösungen“ und einen „starken Fokus auf Kunden und Qualität“. Im Aufsichtsrat wünscht man sich statt schöner Worte Ergebnisse: „Die Qualitätsoffensive ist aufgebauscht“, sagte ein Mitglied dem Tagesspiegel. „Den Kunden ist es egal, ob 75 oder 80 Prozent aller Züge pünktlich sind – sie sehen nur, dass ihr eigener Zug Verspätung hat.“ Bahn-Chef Grube habe Erwartungen geweckt, die er nicht erfüllen könne.

Immerhin: Punktuell verbessert sich die Qualität. Spezielle Teams arbeiten, quasi als eine schnelle „Eingreiftruppe“, an einer größeren „Abfahrpünktlichkeit“ an überlasteten Knotenpunkten wie dem Kölner Hauptbahnhof. Reparaturen in den Waggons, etwa defekte Toiletten oder Kaffeemaschinen, werden von mobilen Handwerkern schneller als früher erledigt. Der große Wurf, den Grube oft angekündigt hat – „die größte Kundenoffensive in der Geschichte der Bahn“ –, ist bis heute allerdings nicht gelungen.

Verliert der Aufsichtsrat die Geduld mit dem Bahn-Chef?

Klar ist: Grube möchte weitermachen, denn dann hätte er sich zehn Jahre auf dem Schleudersitz an der Bahn-Spitze gehalten, wie sein Freund und Vorgänger Hartmut Mehdorn. Sein Vertrag müsste aber noch in diesem Jahr verlängert werden. Grube gibt sich selbstbewusst: „Ich bin noch nie hinter meinem Vertrag hergelaufen“, sagte er unlängst. Im Aufsichtsrat ist die Unzufriedenheit groß. „Grubes Ablösung ist aktuell aber kein Thema“, wird versichert.

Stattdessen zieht sich sein Stellvertreter Volker Kefer (60) zurück. Dem Vorstandsmitglied für Infrastruktur und Technik wurden eigentlich schon länger Ambitionen auf Grubes Nachfolge nachgesagt. Doch Kefer stand zuletzt am meisten unter Beschuss, weil er als Vize-Konzernchef für Stuttgart 21, das Programm „Zukunft Bahn“ und das Schienennetz verantwortlich ist. Der Aufsichtsrat werde nun eine Regelung zur Nachfolge treffen, erklärte die Bahn. Bis dahin werde Kefer seine Aufgaben weiter wahrnehmen. Kefers angekündigter Rückzug im Herbst 2017 verbessert nicht nur die Chancen auf eine Vertragsverlängerung für Rüdiger Grube.

Auch Ronald Pofalla (57) könnte sich nun ins Spiel bringen. Der Ex-Kanzleramtsminister von der CDU ist seit Januar 2015 bei der Bahn, seit August Vorstand für Wirtschaft, Recht und Regulierung. Fragen zu seiner Rolle im Bahn-Poker beantwortet Pofalla nicht. Er weiß: Die letzten Machtfragen des Bahn-Konzerns werden ohnehin im Kanzleramt entschieden. Und Pofallas Draht dorthin ist immer noch sehr kurz.

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