Wirtschaft : Milliardenschäden durch Kartenmißbrauch

CORINNA VISSER

BERLIN .Eine verblüffende Entdeckung machte der Urologe Matthias Solga, als er ein neues Zeiterfassungsystem für seine Mitarbeiterinnen einführen wollte.Der Urologe aus Hellersdorf kaufte für ein paar Mark im Elektroladen ein Lesegerät samt passender Software - und stellte beim Programmieren der Anlage fest, daß man damit noch ganz andere Sachen machen kann.Chipkarten manipulieren zum Beispiel.Daß das auch die Versichertenkarten sein können, die die Patienten jeden Tag über die Arzttheke schieben, ging ihm sofort auf.

Seit der Einführung von Versichertenkarten 1993 wird über ihren möglichen Mißbrauch diskutiert.Jetzt wird immer deutlicher: Je billiger die Lesegeräte werden, je mehr der Karten im Umlauf sind und je rigider die Gesundheitspolitik wird - desto attraktiver wird Mißbrauch.

Solga fürchtet, daß immer mehr Patienten sich mit gefälschten Karten Leistungen erschleichen.Die simple Konstruktion der Karte macht es schon jetzt auch jedem legalen Besitzer einfach, das Gesundheitswesen auszuplündern.So hat der SPD-Sozialexperte Rudolf Dressler einen Fall ausgemacht, der seine Chipkarte dazu verwendete, in einem Quartal 43 Rezepte von 29 Ärzten in 19 Apotheken einzulösen.Doctor-Hopping nennt man das.Dazu kommen all die, die eine gefälschte Chipkarte verwenden, weil sie überhaupt nicht versichert sind.200 DM werden auf dem Schwarzmarkt für solche Karten bereits bezahlt, berichtete die Stuttgarter Zeitung.Für Drogenabhängige und Aussteiger ein beliebter Weg, um an Kodein, Ersatzpräparate oder auch normale Schmerzmittel zu kommen.

Die Daten auf einer Testkarte, so beweist der Urologe Solga, können sogar von blutigen Laien verändert werden."Der Mißbrauch fällt nicht auf, weil es gar keine Kontrolle gibt," sagt Solga.

Felix Hoffmann, Referatsleiter bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), bestätigt, daß es keine Sperrinstrumentarien gibt und daß Manipulationen relativ leicht möglich sind.Die KBV, die die Abrechnung übernimmt, könne nicht einmal feststellen, ob ein Patient tatsächlich existiere."Diese Auskunft könnten nur die Kassen geben, die das jedoch verweigern", sagt Hoffmann.

Die Kosten für die mißbräuchliche Benutzung seit Einführung der Chipkarten schätzt die KBV auf insgesamt drei bis vier Milliarden Mark.Schätzungsweise fünf bis zehn Prozent davon seien Betrugsfälle, also der Einsatz falscher oder gefälschter Karten.Der Rest entfällt auf das Doctor-Hopping, den Mißbrauch der freien Arztwahl.Die KBV befürwortet den Einsatz neuer Prozessorkarten, die mehr Sicherheit und zusätzliche Informationen bieten - zum Beispiel Notfalldaten und Verwaltungsinformationen.Für den Datenschutz sieht Hoffmann dabei keine Probleme.Allerdings ließen sich die Krankenkassen von den Kosten abschrecken, die er auf 500 Mill.DM für das Gesamtsystem - rund 73 Mill.Karten plus Lesegeräte - schätzt."Wir gehen davon aus, daß diese Kosten schnell reingeholt würden."

Die AOK sieht dagegen kein großes Potential für den betrügerischen Einsatz der Karten."Das kann nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz sein, denn es gibt kaum Menschen, die gar nicht versichert sind", sagt Rainer Eikel, Sprecher des AOK Bundesverbands.Die eigentlichen Betrüger säßen außerdem oft auf der anderen Seite: Die Krankenkassen setzen mittlerweile Sonderermittler ein, die Abrechnungsbetrug bei Ärzten aufdecken sollen.Die AOK Niedersachsen ist 170 Hinweisen nachgegangen und ermittelte einen Schaden von weit mehr als zehn Mill.DM.Die Ärzte rechneten Leistungen ab, die nicht erbracht wurden oder verlangten überhöhte Preise.

Daß der SPD-Gesundheitsexperte Rudolf Dressler den Chipkartenbetrug von Versicherten so hoch gehängt hat, paßt den gesetzlichen Krankenkassen ohnehin nicht.Die Gesetzlichen Krankenkassen fürchten, daß ihnen die Versicherten laufengehen, wenn mit einer neuen Chipkarte die freie Arztwahl eingeschränkt würde.

Vor allem die guten Risiken - die freiwillig Versicherten, die jung sind, hohe Beiträge zahlen und wenig Kosten verursachen - würden dann in private Kassen wechseln, fürchten die Gesetzlichen.Kein Wunder, daß sie lieber den Betrug in Kauf nehmen, als die eigene finanzielle Basis zu gefährden.Zumal die Kassen ohnehin nur dann getroffen sind, wenn der Arzt Massagen anordnet, Arzneimittel verschreibt oder eine Krankenhauseinweiseung für nötig hält.Wird nur behandelt und nicht verordnet, sind die Ärzte selbst die Geschädigten: weil die Kosten durch das pauschale Budget gedeckt werden müssen, das die Kassen den Ärztevereinigungen überweisen.

Inzwischen ist auch die SPD auf diesen Kurs eingeschwenkt.Kanzler Gerhard Schröder, der sich für Gesundheitsfragen eigentlich gar nicht interessiert, soll persönlich den Dresslerschen Vorschlag zur Einschränkung der Chipkartenfunktion vom Tisch gefegt haben.Und auch die Allgemeinen Ortskrankenkassen, die Auffangbecken für die Versicherten mit den schlechten Risiken sind, wollen sich nicht einmal mehr die Idee einer Chipkarte mit Bild nicht zu eigen machen.

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