Milliardenverlust bei Volkswagen : VW-Chef Müller sucht die Wahrheit

Der neue Volkswagen-Chef verkündet ein Fünf-Punkte-Programm und die ersten roten Zahlen seit mehr als 20 Jahren. "Unsere Kunden sind das Herz von allem", sagt Matthias Müller.

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Vertrauen schaffen. „Unsere Kunden sind das Herz von allem, was unsere 600 000 Mitarbeiter in der ganzen Welt leisten“, sagt VW-Chef Matthias Müller.
Vertrauen schaffen. „Unsere Kunden sind das Herz von allem, was unsere 600 000 Mitarbeiter in der ganzen Welt leisten“, sagt...Foto: dpa

Als Matthias Müller am Mittwoch von einem Analysten gefragt wird, ob er eine Revolution im VW-Konzern anzetteln wolle, muss der seit vier Wochen amtierende Vorstandschef schmunzeln. „Wir müssen die Wahrheit herausfinden und daraus lernen“, sagt der 62-Jährige. Ein fast philosophischer Satz für einen Automobilisten wie Müller, der seit mehr als 30 Jahren im VW-Konzern arbeitet.

Ein Revoluzzer ist er nicht, kann er nicht sein nach so vielen Jahren bei Volkswagen. Stattdessen präsentiert Müller in holprigem Englisch einen Fünf-Punkte-Plan. Punkt eins: „Unsere Kunden sind das Herz von allem, was unsere 600 000 Mitarbeiter in der ganzen Welt leisten“, sagt Müller. Parallel zur Wahrheitssuche will der Konzern deshalb im Rahmen der gewaltigen Rückrufaktion ab Januar 2016 alles tun, um das ramponierte Vertrauen seiner Kundschaft wiederherzustellen.

Im dritten Quartal steht ein operatives Minus von 3,5 Milliarden Euro

6,7 Milliarden Euro hat Volkswagen für die Reparatur von annähernd elf Millionen Dieselfahrzeugen weltweit zurückgestellt, deren Abgase mit Software manipuliert worden waren. Von „Sondereinflüssen“ spricht der ebenfalls neue Finanzvorstand Frank Witter, wegen derer der VW-Konzern erstmals seit mehr als 20 Jahren rote Zahlen schreibt. Im dritten Quartal lag der operative Verlust bei 3,5 Milliarden Euro. Das ursprünglich für das Gesamtjahr angepeilte Gewinnziel muss korrigiert werden. Das operative Ergebnis werde nun deutlich unter dem des Vorjahres liegen. 2014 hatte der VW-Konzern 12,7 Milliarden Euro verdient.

Ein Schock mit Ansage. VW hatte bereits durchblicken lassen, dass der Dieselskandal schwer auf dem zweitgrößten Autohersteller der Welt lasten würde. An der Börse fiel die Reaktion deshalb moderat aus: Die VW-Aktie stieg sogar anfangs an die Dax-Spitze und notierte am Abend noch bei 3,5 Prozent im Plus.

Neben der Aufklärungsarbeit und dem Dienst am Kunden will sich der VW-Vorstand vor allem die Renovierung der Struktur und Kultur des Zwölf-Marken- Unternehmens vornehmen. „Unser Konzern wird künftig dezentraler geführt“, versichert Müller. Er selbst wolle sich nicht – wie Vorgänger Martin Winterkorn – in Detailfragen einmischen. Dies sei Aufgabe der Marken- und Regionalvorstände. Angesichts einer mageren Umsatzrendite von – nach Sondereinflüssen – 2,1 Prozent sollen alle 300 Modelle genau geprüft werden. „Wir werden den Ergebnisbeitrag jedes einzelnen Modells genau untersuchen“, sagt Müller.

VW braucht eine "Kultur der Offenheit"

Einen sensiblen Punkt spricht der VW-Chef an, als er die Neuausrichtung des Führungsverhaltens beschreibt. „Wir brauchen eine Kultur der Offenheit und Kooperation.“ Im Umgang mit Fehlern, das zeigt der Dieselskandal, hat Volkswagen enorme Defizite. Der von den Familien Porsche/Piëch regierte und von einer straff hierarchisch organisierten Führungsriege gemanagte Autokonzern sei zu komplex geworden, „um mit Prinzipien und Strukturen von gestern geführt“ zu werden, räumt Müller mit der Ära Winterkorn auf.

Mehr Mut, mehr Kreativität, mehr Unternehmertum fordert der frühere Porsche-Chef, dem ein enges Verhältnis zu VW-Patriarch Ferdinand Piëch nachgesagt wird. Auch deshalb kann Müller nicht alles über Bord werfen, was bis gestern noch gültig war. An der „Strategie 2018“, die Volkswagen zum größten Autokonzern der Welt vor Toyota machen soll, will er festhalten. Aber: „Dem ,Höher, schneller, weiter‘ wurde vieles untergeordnet, vor allem die Umsatzrendite“, sagt Müller. „Down to earth“ steht auf einer der Folien, die er präsentiert.

Seat schreibt schwarze Zahlen und VW wird effizienter

Vertriebschef Axel Kalthoff – ebenfalls neu im Amt – kann immerhin berichten, dass der Skandal bisher weder Absatz noch Bestellungen in Summe negativ beeinflusst haben. Die ersten Einschläge dürften ohnehin erst bei den Oktoberzahlen zu erkennen sein. Kalthoff räumte ein, dass die jüngste Marktforschung Vertrauensverluste zeige. Unklar sei aber noch, ob und, falls ja, wann sich das im Verkauf zeige.

In den ersten neun Monaten lief es trotz Schwächen in China, Russland und Brasilien passabel für den VW-Konzern. 7,44 Millionen Fahrzeuge wurden verkauft – 2,7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das Sorgenkind VW-Pkw steigerte seine operative Rendite von 2,3 auf 2,8 Prozent, selbst der Verlustbringer Seat schrieb schwarze Zahlen. Und der Konzern verfügt über ein größeres Finanzpolster: Ende September hatte Volkswagen fast 28 Milliarden Euro in der Kasse.

Matthias Müller, der am Mittwoch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einer Chinareise aufbrach, sieht in den Zahlen einen Beweis für die „starke Substanz“ des VW-Konzerns. Von der wird er während der Aufräumarbeiten zehren: „Wir lassen keinen Stein auf dem anderen.“

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