Millionen-Auftrag : Bahn prüft Kauf von Schnellzügen aus Frankreich

Der Bahn-Konzern will dieses Jahr einen Millionen-Auftrag vergeben – der Siemens-Erzrivale Alstom hat gute Karten.

Carsten Brönstrup

Berlin - Es geht um Millionen, und es geht um Industriepolitik: Die Deutsche Bahn will bis zu 15 neue Hochgeschwindigkeitszüge anschaffen – und fühlt sich dabei nicht einem deutschen Hersteller verpflichtet. Man sei offen für alle Anbieter, hieß es am Montag bei der Bahn. Die Entscheidung soll im Spätherbst fallen. Sie könnte auch für zukünftige Bahn-Bestellungen Signalwirkung haben.

Alle großen Hersteller der Branche, also Bombardier, Siemens und Alstom, haben sich um den Auftrag beworben, dessen Gesamtumfang bei mindestens 300 Millionen Euro liegen dürfte. Ab 2012 sollen die neuen Züge von Deutschland nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande fahren und müssen daher mit den verschiedenen technischen Standards der Länder zurechtkommen. Außerdem sollen sie Tempo 320 schaffen.

Gute Karten hat offenbar der französische Alstom-Konzern, der den Hochgeschwindigkeitszug TGV baut, den Nationalstolz der Franzosen. Am heutigen Dienstag stellt das Unternehmen in La Rochelle den TGV-Nachfolger AGV vor, den „Automotrice Grande Vitesse“. Er soll das Rennen um die Bahn-Ausschreibung gewinnen. Nein, eine Vorentscheidung sei es nicht, dass Bahn-Personenverkehrs-Vorstand Karl-Friedrich Rausch mit von der Partie ist, heißt es bei dem Staatskonzern. Gleichwohl gibt sich Alstom siegesgewiss. „Wir rechnen uns gute Chancen aus“, sagte ein Sprecher. Eine erste Serie von 25 AGVs hat Alstom bereits an die italienische Bahn verkauft.

Rauschs Teilnahme ist ein Signal an die deutsche Bahnindustrie, vor allem an Siemens. Die Münchener zeichnen für den deutschen ICE verantwortlich, von dem sie 166 Stück seit 1991 gebaut haben. Doch an dem jüngsten Vorzeigezug, dem ICE3, hatte die Deutsche Bahn wenig Freude. Er sorgte nach seiner Auslieferung für Pannen und Verspätungen, weil die Technik noch nicht ausgereift war, aufwendige Nacharbeiten waren nötig.

Die deutsche Industrie fürchtet nun den späten Zorn der Bahn-Manager. „Es läuft auf eine Entscheidung zwischen Siemens und Alstom hinaus“, sagte Ronald Pörner, Hauptgeschäftsführer beim Verband der Bahnindustrie (VDB), dem Tagesspiegel. „Es geht um eine strategische Entscheidung.“ Sollte sich die Bahn gegen einen Zug aus Deutschland entscheiden, „würde sie damit den Wettbewerbs- und Preisdruck weiter erhöhen“. Die Branche sorgt sich um die Gerechtigkeit zwischen deutschen und französischen Unternehmen. „Wir sind zwar für Wettbewerb, dann muss er aber auch fair sein – und es auch der deutschen Bahnindustrie ermöglichen, in Frankreich erfolgreich zu sein“, forderte Pörner. Hier hätten die Hersteller bislang stets vor verschlossenen Türen gestanden, während einheimische Firmen bevorzugt würden. Überdies, findet Pörner, habe der deutsche ICE Vorteile gegenüber dem TGV – „er ist vor allem bei hohen Geschwindigkeiten komfortabler“. In den kommenden Jahren stehen weitere wichtige Ausschreibungen bei der Bahn an. So soll es moderne Nachfolger für die IC-Züge geben, und ab 2020 wird voraussichtlich die erste ICE-Generation ausgemustert.

Die Politik will sich nicht einmischen. „Ich würde mir zwar wünschen, dass der Auftrag an ein deutsches Unternehmen geht“, sagte Rainer Wend, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD im Bundestag, dem „Handelsblatt“. „Am Ende sind Preis und Qualität ausschlaggebend.“ Eine Einflussnahme des Bundes als Bahn-Eigentümer lehnte er ab. Carsten Brönstrup

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