Wirtschaft : Millionen für den Zeitvertreib

Easyjet, Easycar, Easyhotel: Stelios Haji-Ioannou ist Herr eines Billig-Imperiums. Doch sein Vermögen schmilzt – der Konzern ist defizitär

Flora Wisdorff

London - Stelios kann es jetzt doch kaum noch erwarten. Schnell drückt der griechische Millionär dem Taxifahrer ein dickes Trinkgeld in die Hand, nachdem er sich vergewissert hat, dass dieser zu den regelmäßigen Kunden seines Kinos „Easycinema“ zählt. Vor dem orangenen Gebäude steigt er aus, hastet hinein. Drinnen erwarten ihn ein Dutzend orangefarben gekleideter Hostessen, mehrere Stapel orangenfarbener Pizza-Kartons, und eine Hand voll Kinokunden, die gratis Pizza essen wollen.

Stelios Haji-Ioannou, Gründer des Billigfliegers Easyjet und CEO der Easy Group, eröffnet kurz vor Weihnachten sein zwölftes Unternehmen unter seiner Easy-Marke, einen Pizza-Lieferservice namens Easypizza. Auf dem Weg dorthin hatte er noch fast gelangweilt gewirkt. „So langsam wird das repetitiv.“ Aber jetzt, kurz davor, spürt man seine Vorfreude.

Schauplatz ist sein einziges Kino in Milton Keynes, einem Pendlervorort Londons. Milton Keynes ist so etwas wie ein „Labor“ für seine Unternehmen, sagt Stelios. Hier wird das Kino getestet, die Easybus-Flotte bringt die Pendler für ein Bruchteil des Zugpreises in die Londoner Innenstadt. Der Basisflughafen von Easyjet liegt nur ein paar Kilometer entfernt in Luton.

Die Eröffnung von Easypizza ist alles andere als glamourös. Das Dekor des Kinos erinnert an den Anfang der Achtziger, die Ausstattung des Vormieters ist mit orangenen Easycinema-Schildern überklebt worden, die Kacheln an der Wand sind zersprungen. Die Lokalpresse verschwindet nach 20 Minuten. An der Kasse gibt es No-Name-Gummibärchen für ein Pfund, Hollywoodfilme kosten 4,50 Pfund, ältere Filme gibt es ab 50 Penny. Das ist sehr billig für London.

Stelios ist in seinem Element. Er greift sich einen Karton und verteilt die Pizza, macht Small Talk, mimt den netten Kerl von nebenan. Stelios ist einer der beliebtesten und bekanntesten Geschäftsleute in Großbritannien.

Der 37-Jährige kleidet sich extra unauffällig mit Hemd und brauner Lederjacke, er will nicht, dass man ihm seinen Reichtum, den Wohnsitz und die Yacht in Monte Carlo ansieht. „Die Leute mögen keine reichen Menschen, also muss ich besonders nett sein“, sagt er. Man glaubt ihm, dass er wirklich ein ganz netter Typ ist, wenn es ihm im Zug auf der Fahrt nach Milton Keynes peinlich ist, vor den anderen Menschen Fragen zu beantworten. „In England stört man die anderen nicht im Zug, wir müssen leise sprechen“, sagt er mehrmals.

Und so funktioniert auch seine Marke, deren Image er seit der Gründung von Easyjet 1995 aufgebaut hat. Die Easy-Produkte und Dienstleistungen sollen für den kleinen Mann da sein, das ist das offizielles Firmenimage. Billig müssen sie auch sein, neu, innovativ, und sie müssen Spaß machen. „Einmal hat mir jemand vorgeschlagen, einen Easy-Beerdigungsservice aufzumachen. Das kam nicht in Frage“, sagt Stelios, und lacht laut.

Wo es Sinn macht, wird „dynamic pricing“ angewandt. Wie das bei den Billigfliegern funktioniert, weiß inzwischen jeder: Je früher man bucht, desto billiger ist das Ticket. Das Konzept gilt auch für die Kinobuchung oder die Pizza-Bestellung: Ruft man nachmittags an, ist die Lieferung billiger als um ein Uhr mittags.

Andere Easy-Unternehmen sind auch einfach nur billiger, weil der Vertrieb über das Internet läuft. So wie die Autovermietung Easycar oder Stelios’ neuestes Projekt, Easymobile. Im März startet Easymobile in Großbritannien im Netz von T-Mobile als Billig-Mobilfunkanbieter, der „in naher Zukunft“ auch auf den deutschen Markt kommen soll. „Ich kann noch kein Abkommen verkünden, aber der Fakt, dass T-Mobile unser Netzanbieter in Großbritannien sein wird, könnte Ihnen eine Idee geben. Wir sind in Gesprächen.“

Das Image vom netten Kumpel hat sich Stelios nach einer seiner schwersten Niederlagen zugelegt. Als 24-Jähriger, nachdem er in London studiert hatte, war er Geschäftsführer beim Schifffahrtsunternehmen seines erfolgreichen Vaters geworden. Die Firma kaufte alte Öltanker auf und verkaufte sie dann weiter. Anfang der Neunziger kenterte einer davon, fünf Besatzungsmitglieder starben, und die italienische Küste wurde verseucht.

Nach einem langen Kampf vor Gericht wurde Stelios entlastet. „Das war eine traumatische Erfahrung“, sagt er heute. Auch deshalb will er heute, dass man ihn mag. „Wenn man beliebt ist als Unternehmer, vergeben einem die Leute schneller, wenn man Fehler macht.“

Jetzt will er vor allem nur noch der nette Typ von Easygroup sein. Er will seinen Anteil an dem von ihm 1992 gegründeten Schifffahrtsunternehmen Stelmar, seine erfolgreichste Firma, die mit der Easy-Marke nichts zu tun hat, veräußern. 90 Millionen Pfund wird er für seinen Anteil bekommen, wenn die Aktionäre im Januar der Übernahme der Overseas Shipholding Group zustimmen. „Wahrscheinlich gibt es die Zustimmung. Vielleicht werde ich das Geld zur Abwechslung mal auf die Bank legen und langweilig sein“, sagt Stelios.

Außer Easyjet sind die Easy-Firmen nicht sehr erfolgreich, die meisten sind defizitär. Sein Vermögen, wird geschätzt, ist in den vergangenen Jahren von 1,5 Milliarden Dollar auf 800 Millionen geschrumpft. Easyinternet wird in diesem Jahr endlich den Break-Even erreichen, sagt Stelios. Allerdings nachdem er jahrelang Geld hineingepumpt hat. „Die anderen sind noch zu jung dafür“, sagt er, fast wie ein Vater.

Er selbst will keine großen Summen mehr investieren. „Mit Easyjet bin ich ein großes Risiko eingegangen, als ich 32 neue Flugzeuge bestellt habe für zwei Milliarden Dollar, ohne wirklich genügend Kapital zu haben. So etwas öfter zu machen, wäre unverantwortlich.“ Die kleineren Firmen sollen durch Franchise-Nehmer weiter wachsen, wenn überhaupt. „Ich plane keinen großen Kapital-Investments mehr.“ Das Management von Easyjet hat Stelios inzwischen delegiert, seine Familie hält aber noch einen Anteil von 41 Prozent. Er kümmert sich jetzt um die kleineren Unternehmen. Er wolle arbeiten, sagt er, auch wenn er es nicht nötig hat.

Man wird das Gefühl nicht los, dass die vielen kleinen Firmen für den Millionär mehr Zeitvertreib als Geschäft sind. „Manchmal sage ich als Witz, dass Easycruise nicht so richtig eine Geschäftsentscheidung war. Es ist wie ein Hobby.“

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