Mindestlohn : Call-Centern droht Zerreißprobe

Der früheren Wachstumsbranche Call-Center drohen unruhige Zeiten. Ein ruinöser Preiskampf auf der einen Seite und massive Lohnforderungen auf der anderen Seite treiben die Telefondienstleister in die Enge. Die Gewerkschaft fordert einen Mindestlohn von 9,50 Euro.

Düsseldorf - Die schlechte Bezahlung der Mitarbeiter in Call-Centern gerät zunehmend in die Kritik. „Wir wenden uns gegen Hungerlöhne“, sagte Volker Geyer, der Chef der Kommunikationsgewerkschaft DPV, dem „Handelsblatt“. Bei vielen Unternehmen seien derzeit Stundenlöhne von nur fünf bis sechs Euro üblich. Das wollen Gewerkschafter und Betriebsräte am heutigen Dienstag bei einer Veranstaltung in Bonn anprangern. Die DPV fordert für die rund 450 000 Beschäftigten der Call-Center- Branche einen Mindestlohn von 9,50 Euro pro Stunde.

Insbesondere junge Call-Center-Unternehmen, die in den Markt drängen, sorgen für Unruhe in der Branche. „Newcomer versuchen sich über Lohndumping einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen“, berichtet ein Marktteilnehmer. Auch Marktführer Bertelsmann mit seiner Dienstleistungstochter Arvato ist ins Visier der Arbeitnehmervertreter geraten. „Die Bezahlung in den Call-Centern von Arvato ist kein Ruhmesblatt für Bertelsmann. Teilweise wird dort nur zwischen fünf und sieben Euro pro Stunde gezahlt“, kritisiert Gewerkschaftschef Geyer. Bertelsmann habe beispielsweise ehemalige Mitarbeiter der Deutschen Telekom massiv unter Druck gesetzt. So sollten etwa die Beschäftigten in Potsdam laut DPV einen Arbeitsvertrag unterschreiben, der ihnen 30 Prozent weniger Einkommen bescheren würde.

Bertelsmann sperrt sich nicht grundsätzlich gegen einen Mindestlohn. „Wenn der Mindestlohn für alle Marktteilnehmer gilt, kommt es nicht mehr zu Wettbewerbsverzerrungen durch Billiganbieter“, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Vor wenigen Wochen vereinbarten die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und Walter Services, das drittgrößte Call-Center-Unternehmen in Deutschland, für die 8000 Mitarbeiter einen Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde. Die Vertreter der DPV halten eine derartige Entlohnung aber für viel zu gering.

Ob die DPV ihre Forderungen nach höheren Löhnen durchsetzen kann, ist allerdings zweifelhaft. Einerseits würden Streiks viele Call-Center-Betreiber empfindlich treffen: Die Branche steht wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise unter hohem Druck. „Es herrscht ein knallharter Preiskampf. Die Kunden wollen künftig weniger bezahlen“, heißt es bei einem großen Call-Center-Betreiber.

Doch andererseits sind die Arbeitnehmervertreter in einer schwachen Position. Nach internen Schätzungen ist nur etwa jeder zehnte Call-Center-Agent Mitglied in einer Arbeitnehmerorganisation. „Streiks können wir nur in einzelnen Betrieben machen. Unser Problem ist, dass der Organisationsgrad bei Call-Centern gering ist“, gibt DPV-Gewerkschaftschef Volker Geyer offen zu. „Es gibt nicht einmal einen Arbeitgeberverband, mit dem man einen Rahmentarifvertrag abschließen könnte, der dann für die Branche für allgemein verbindlich erklärt werden kann.“ hps (HB)

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