Mindestlohndebatte in Europa : In Großbritannien zahlen viele Unternehmen freiwillig mehr

Der Mindestlohn in Großbritannien gilt als Erfolgsmodell. Er liegt aber deutlich unter den in Deutschland diskutierten 8 Euro 50.

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Lohn- und Gehaltsabrechnung.
Lohn- und Gehaltsabrechnung.Foto: dpa

Als die Labour-Regierung 1999 in Großbritannien einen Mindestlohn einführte, prophezeiten konservative Politiker und Ökonomen einen Rückgang der Beschäftigung. Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Der „National Minimum Wage“ ist heute ein „allgemein unkontroverses Instrument der Wirtschaftspolitik“, wie ihn die Denkfabrik "The Resolution Foundation" jüngst in einem Bericht nannte.

Ein Grund ist die einfache Struktur – der britische Mindestlohn gilt einheitlich für das ganze Land und alle Berufszweige. Festgesetzt wird er von der unabhängigen „Low Pay Commission“, die so vorsichtig operiert, dass es kaum Verzerrungen am Markt gibt. Dennoch hat der Mindestlohn, so findet die Resolution Foundation, sein primäres Ziel erfüllt und „ausbeuterisch niedrige Löhne abgeschafft“. Neben der Bekämpfung sozialer Ungleichheit sollte er auch den Missbrauch im britischen Kombilohnsystem verhindern, das Arbeitnehmern mit geringem Verdienst die Gehälter aufstockt. Durch die Untergrenze können Arbeitgeber nicht mehr beliebig nach unten ausweichen und auf den Staat setzen.

Und so ist mittlerweile das Gerede über britische „Mac Jobs“, das man in Deutschland vor der Einführung der Agenda 2010 oft hörte, verstummt. Im deutschen Wahlkampf berichteten britische Zeitungen stattdessen über Deutschland als Weltmeister der Niedriglöhne. Großbritannien ist eines von mittlerweile 21 Ländern in der EU, in denen ein gesetzlicher, flächendeckender Mindestlohn gilt. In fünf Staaten liegt die Lohnuntergrenze sogar oberhalb der in Deutschland debattierten 8,50 Euro pro Stunde.

Gestartet war der britische Mindestlohn mit 3,60 Pfund für über 21-jährige Beschäftigte. Aktuell liegt er bei 6,31 Pfund, umgerechnet 7,43 Euro. Bis 2008 stieg er schneller als der Durchschnittslohn, seit der Krise hat sich die Entwicklung verlangsamt.

Weil in Großbritannien trotzdem die Zahl der Menschen wächst, die von ihrer Arbeit nicht leben können – besonders in teuren Städten wie London –, fordern mittlerweile Politiker auf allen Seiten des Spektrums, dass die Arbeitgeber die Löhne stärker anheben. Die mehr als zwei Milliarden Pfund, die der Staat im Jahr als Zuschüsse für Kombilöhne bezahlt, sind der Regierung in Zeiten der Krise zu hoch.

Ein derzeit populäres Instrument ist der auch von konservativen Politikern wie dem Londoner Bürgermeister Boris Johnson unterstützte „Living Wage“; ein Lohn oberhalb des geltenden Mindestlohnes, der ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Er wird bereits von Hunderten von Unternehmen in Großbritannien auf freiwilliger Basis gezahlt – zum Beispiel von der Londoner Stadtverwaltung. Die Firmen versprechen sich davon mehr Produktivität und weniger Fluktuation. Dieser „Living Wage“, den eine unabhängige Stiftung kalkuliert, ist anders als der Mindestlohn regional unterschiedlich. Im Landesschnitt liegt er bei 7,45 Pfund, in London bei 8,55 Pfund.

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