Wirtschaft : Mit 50 noch mal durchstarten

Nach einer Weiterbildung haben auch ältere Arbeitslose in manchen Berufen gute Chancen, einen Job zu finden – etwa als Busfahrer.

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Thomas Strunk ist vor einem Jahr gelungen, was viele für unmöglich halten: Er ist fast 50 – und trotzdem aus der Arbeitslosigkeit auf den ersten Arbeitsmarkt zurückgekehrt. Nach einem viermonatigen Kurzlehrgang rund um den Bio-Handel, zu dem auch ein mehrwöchiges Praktikum gehörte, bot ihm die Supermarktkette Bio Company eine Stelle an. Mit biologischer Ernährung beschäftigt sich Strunk schon, seit bei ihm vor einigen Jahren eine Diabetes festgestellt wurde. „Danach habe ich mich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und mein Essverhalten umgestellt.“ Schließlich konnte er auch seinen Betreuer im Jobcenter davon überzeugen, diese Erfahrungen beruflich zu nutzen und ihm den Kurzlehrgang zu bewilligen. Im Einzelhandel hatte Strunk schon vor seiner Arbeitslosigkeit gearbeitet „Doch die Arbeit im Bio-Bereich ist ganz anders, hier erwarten die Menschen eine viel umfassendere Beratung.“ Der 47-Jährige genießt es, sein Wissen täglich vermitteln zu können – und in einer Branche zu arbeiten, von der er überzeugt ist. Im Kundengespräch profitiert er auch von seiner Lebenserfahrung.

Sabine Taubenheim vom Forum Berufsbildung, das Bio-Weiterbildungen anbietet, findet es nicht erstaunlich, dass viele Menschen über 45 sich für eine Weiterbildung im Naturkosthandel interessieren – und für die Frage, wo das Essen eigentlich herkommt, und zu welchem Preis der Kunde welche Qualität erwarten kann. Schließlich steige mit dem Alter das Bewusstsein für Ernährung und Konsum. Das Forum Berufsbildung arbeitet sowohl mit den Bio-Supermärkten als auch mit kleineren Läden eng zusammen. Durch die veränderte Marktsituation und die steigende Zahl an Anbietern seien auch diese Geschäfte auf Mitarbeiter angewiesen, die auf das gestiegene Service-Bewusstsein der Kunden reagieren können.

Neben Kurzlehrgängen bietet das Forum eine achtmonatige Fortbildung zur „Naturkostfachkraft mit Kassenpass und Sachkenntnis für freiverkäufliche Arzneimittel“ an. Auf dem Stundenplan stehen Grundlagen des ökologischen Landbaus, Warenkunde, Branchenwissen, Ernährungslehre und kaufmännische Kenntnisse. Neben einer Tätigkeit im Naturkost-Fachgeschäft oder Bio-Supermarkt können die Absolventen später im Naturkost-Großhandel oder -Versand arbeiten – oder einen eigenen Laden eröffnen.

Eigentlich gelten ältere Arbeitslose als schwer vermittelbar. Um mehr von ihnen zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen, hat das Bundesarbeitsministerium sogar das Programm „Perspektive 50 Plus - Beschäftigungspakte für Ältere in den Regionen“ geschaffen. Bundesweit gibt es insgesamt 78 sogenannte Beschäftigungspakte. Für das Projekt „Berliner Bär“ kooperieren etwa mehrere Berliner Jobcenter mit Partnern wie der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg, um für ältere Arbeitslose neue Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Für die Bän AG, einen weiteren Berliner Beschäftigungspakt, arbeitet das Nestor Bildungsinstitut mit mehreren Jobcentern zusammen. Durch gezieltes Coaching, das die Qualifikation und das Selbstbewusstsein der Bewerber verbessert, hat das Institut auch Bewerber um die 60 noch in feste Stellen vermittelt - zum Beispiel in der Gastronomie, der Parkraumbewirtschaftung oder in der Medizinbranche. Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums haben diese Zusammenschlüsse 2012 insgesamt 60 000 ältere Arbeitslose in ein „reguläres Beschäftigungsverhältnis“ gebracht.

Aber nicht nur dank solcher Bemühungen werden ältere Arbeitslose für die Wirtschaft attraktiver – und zwar nicht nur im Biomarkt. Einige Branchen und Arbeitgeber bemühen sich zunehmend um sie – etwa die süddeutsche „K und U“ Bäckerei-Kette, die einen ganz eigenen Weg gefunden hat, um ältere Mitarbeiter anzuwerben – und zu qualifizieren. Aus Mangel an geeigneten jungen Bewerbern hat das Unternehmen die um ein Ausbildungsjahr verkürzte „Senior-Ausbildung“ konzipiert, die nur 24 Monate dauert und von der Arbeitsagentur gefördert wird. Einige „Senioren-Azubis“ sind zwar erst Mitte 20, viele aber auch über 50. Sie erhalten während der Ausbildung das volle Gehalt einer ungelernten Kraft - und hinterher die Möglichkeit, schnell beruflich aufzusteigen.

Ein weiterer Berufszweig, in dem ältere Arbeitslose gute Chancen haben, ist der des Busfahrers. Das Durchschnittsalter liegt in diesem Beruf bei 45 Jahren. Bis 2015 geht nach Angaben des Bundesverbands deutscher Omnibusunternehmer rein rechnerisch jeder dritte Busfahrer in Rente. Damit die Fahrgäste dann nicht vergeblich an der Haltestelle warten müssen, werden dringend neue Fahrer benötigt. Und auch die im Januar in Kraft getretene Liberalisierung des inländischen Fernbuslinienverkehrs erhöht den Bedarf: Jetzt dürfen Fernbusse in ganz Deutschland Ziele ansteuern, die mindestens 50 Kilometer voneinander entfernt sind. Und zwar auch dann, wenn auf diesen Strecken Züge fahren. Das bisher gültige Personenbeförderungsgesetz aus dem Jahr 1934 hatte Fernbuslinien innerhalb Deutschlands nur dann gestattet, wenn die vorhandenen Verkehrsmittel „nicht ausreichend“ waren.

Zum Busfahrer ausbilden lassen kann man sich in Berlin zum Beispiel beim Anbieter Gullivers. Mehr als 80 Prozent der Absolventen finden hinterher eine feste Stelle. „Interessenten sollten unsere Infoveranstaltung besuchen“, sagt Geschäftsführer Andreas Keuchel. Wer die Ausbildung absolvieren möchte, muss den Führerschein Klasse B besitzen und eine mehrjährige Fahrpraxis mitbringen. Das Mindestalter liegt bei 21 Jahren, nach oben gibt es keine Grenzen. Lebenserfahrung ist also auch hier ein Pluspunkt. Was die persönliche Eignung angeht, unterscheidet Geschäftsführer Keuchel zwischen zwei Typen – dem LKW- und dem Busfahrer. „Beide lenken schwere Fahrzeuge, doch der LKW-Fahrer arbeitet mehr für sich, während der Busfahrer Menschen befördert und eben keine stumme Fracht.“ Dass viele Kursteilnehmer schon in ihren Vierzigern oder Fünfzigern sind, sieht der Geschäftsführer als Vorteil: „In diesem Alter ist man ruhiger und gelassener, und kann deshalb oft besser mit Stress-Situationen umgehen.“ Außerdem hätten viele Fahrgäste zu einem älteren Fahrer intuitiv mehr Vertrauen.

Die kürzeste Form der Ausbildung zum Busfahrer ist die „beschleunigte Grundqualifikation“. Sie dauert bei Gullivers vier Monate. Auch die BVG bietet Schulungen an. Die Ausbildung an der Verkehrsakademie Omnibus dauert 5,5 Monate. Und genau wie nach der Ausbildung bei Gullivers dürfen die Absolventen anschließend sowohl Busse des ÖPNV als auch solche in der ganzen Welt lenken. Im Moment sei der Markt „hungrig nach neuen Fahrern“, heißt es bei der Verkehrsakademie.

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