Wirtschaft : Mit dem Euro beginnt in Frankfurt ein neues Kapitel

ROLF OBERTREIS

FRANKFURT (MAIN) .Schon vor zwei Wochen war es eine historische Sitzung.Denn am 3.Dezember, so wird es in die Geschichtsbücher eingehen, hat der Zentralbankrat der Bundesbank seinen letzten weitreichenden geldpolitischen Beschluß gefaßt und zum letzten Mal die Zinsen gesenkt.Gestern traf sich der Zentralbankrat in Frankfurt noch einmal zu einer historischen Sitzung: Es war die letzte in alter Machtfülle.Nach 50 Jahren DM und nach 41 Jahren Bundesbank - zuvor war die Bank deutscher Länder von 1948 bis 1957 für die Geldpolitik zuständig - wird den Währungshütern in 14 Tagen ihre wichtigste Kompetenz genommen.Am 1.Januar übernimmt die Europäische Zentralbank (EZB) das geldpolitische Regiment in Europa.

Um so mehr stellt sich die Frage nach der Zukunft der Bundesbank.Muß nicht auch sie - wie es die Herren Währungshüter selbst gebetsmühlenartig in jedem Monatsbericht von Privatunternehmen und vom Staat verlangen - abspecken, mit einer schlankeren Struktur und mit deutlich weniger als den derzeit fast 16 000 Beschäftigten zurecht kommen? Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer, der Ende August 1999 aus dem Dienst scheidet, ist sich den Einschnitt natürlich im Klaren.Trotzdem war er bei der Verkündung des letzten Zinsbeschlußes des Zentralbankrates vor zwei Wochen bestens gelaunt.Aber weil er um die Strukturfragen und die Kritik an der Größe der Notenbank mit ihrer mächtigen, unansehnlichen Zentrale im Frankfurter Diebesgrund, den neun Landeszentralbanken (LZB) und den 163 Zweigstellen weiß, legt er sich für sein Haus in die Bresche."Unsere Aufgaben sind nicht geringer geworden, eher intensiver.Bei der Bundesbank wird derzeit harte Arbeit geleistet, nicht nur in einem anderen Turm in Frankfurt", betont Tietmeyer mit Blick auf die EZB.Innerhalb der dezentralen Struktur der EZB sei die Bundesbank mit den LZBs auch in Zukunft für Ausführung der Geldpolitik zuständig."Das heißt nicht, das alles beim Alten bleiben", räumt der oberste Währungshüter ein."Aber wir müssen funktionsfähig bleiben".Ernst Welteke, Präsident der hessischen LZB und einer der Kandidaten für die Tietmeyer-Nachfolge pflichtet bei."Wir brauchen auch in Zukunft eine Bundesbank, die sich mit den besten der Notenbanken der Welt auf höchstem Niveau messen kann."

Schon seit 1992 steckt die Bundesbank in einem Anpassungsprozeß: Das Personal wurde um 13 Prozent reduziert, das Filialnetz um 30 Prozent.Aber man müsse auch sehen, daß der Euro für die nächsten drei Jahre viel Arbeit bringe, sagt Tietmeyer.Daneben behält die Bundesbank auch andere wichtige Aufgaben.Sie vertritt Deutschland beim Internationalen Währungsfonds (IWF), sie teilt sich mit dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen in Berlin die Bankenaufsicht, sie bleibt "Hausbank" des Bundes und kümmert sich um Bundeswertpapiere.Und sie wird sich weiter genau die Entwicklung der Staatsfinanzen betrachten und sich einmischen, wenn ihr etwas nicht paßt.Außerdem baut die EZB auch auf die volkswirtschaftlichen und monetären Daten aus der Bundesbank.Aber ob für all das knapp 2 600 Mitarbeitern in der Zentrale und 13 300 bei den LZBs nötig sind, ist trotzdem eine berechtigte Frage.Im Eurotower jedenfalls sind nur gut 500 Mitarbeiter beschäftigt.Argumentationshilfe für Tietmeyer liefert die hessische LZB und deren Präsident Ernst Welteke.In der praktischen Abwicklung der Geldpolitik würden sich durch den Euro keine gravierenden Veränderungen ergeben.Rund ein Drittel der Mitarbeiter der LZB Hessen befassen sich in irgendeiner Form mit Bargeld, 1997 mußten sie 650 Mill.Banknoten bearbeiten, neu in Umlauf bringen oder einziehen.Die Einführung des Euro-Bargeldes sei eine "enorme logistische" Herausforderung: Rund 2,6 Mrd.Geldscheine und 48 Mrd.Münzen mit einem Gewicht von 80 000 Tonnen müssen allein in Deutschland eingesammelt werden.Und der Euro ausgegeben werden.Aber trotz aller Aufgaben: Fast ein Drittel der 1 200 Mitarbeiter der LZB Hessen befaßt sich mit Organisation, Personal, Verwaltung und Controlling.Privatfirmen sind da erheblich dünner besetzt.

Der Zentralbankrat wird durch den Schritt in die Währungsunion geradezu degradiert.Zu nicht mehr als einem Vorstand in einem normalen Unternehmen.Der Bundesbank- Präsident sitzt zwar im Rat der EZB und entscheidet dort mit.Der Zentralbankrat kann ihn nur beraten, ein Weisungsrecht gibt es nicht.Entscheiden können die 17 Herren nur noch in technischen und organisatorischen Fragen.Zwei - offenbar engagierte und ehrgeizige - der Herren ziehen die Konsequenz aus diesem Bedeutungsverlust: Olaf Sievert, Präsident der LZB in Leipzig und Helmut Hesse, Chef der LZB in Hannover, geben ihren Job zum Jahresende auf.

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