Wirtschaft : Mit dem Frieden begann der Abbau der Arbeitsplätze

Thomas Magenheim-Hörmann

Die deutsche Rüstungsindustrie leidet unter der Entspannung. Das meint zumindest der Arbeitskreis der Betriebsräte in Wehrtechnik, Luft- und Raumfahrt (WLR). Seit dem Ende des Kalten Kriegs habe die Branche hierzulande rund 180 000 Stellen, die Hälfte ihrer Fertigungskapazitäten und ein Viertel ihrer Entwicklungsabteilungen abgebaut, bilanzierte jetzt WLR-Sprecher Dieter Rügemer. Nun stehe die inzwischen bei noch 80 000 Beschäftigten angekommene wehrtechnische Industrie vor der Streichung weiterer mindestens 10 000 Arbeitsplätze. Die dafür Verantwortlichen sehen die Betriebsräte in Berlin. Wie die frühere Bundesregierung kürze auch die amtierende den Verteidigungsetat und verschleppe eine überfällige Reform der Streitkräfte. Fehlende Planungssicherheit könne zum Rückzug heimischer Unternehmen aus der Rüstung führen und binnen drei Jahren weitere 20 000 Arbeitsplätze kosten. Konzerne wie Siemens oder Krupp haben sich in den vergangenen Jahren aus der Branche verabschiedet. Da man zum Teil schon mit Mindestkapazitäten arbeite, zögen neue Budgetschnitte den Verlust von Kernkompetenzen und Know-how etwa beim Panzerbau nach sich, heißt es etwa bei der Düsseldorfer Rheinmetall, dem führende Heereslieferanten.

Der WLR-Arbeitskreis rechnet, dass die bis 2003 im Verteidigungsetat einzusparenden Gelder die jährlichen Investitionen in Militärgüter um jeweils mindestens ein bis eineinhalb Milliarden Mark absenken. Der größte deutsche Rüstungskonzern DaimlerChrysler Aerospace (Dasa) AG, München, reagiert bereits mit Stellenabbau. An den Standorten München, Ulm und Friedrichshafen würden wegen Umsatzausfällen von mehr als einer Milliarde Mark im Bereich Lenkwaffen, Kommunikation und Führungssysteme 850 Stellen gestrichen. Das sei erst der Anfang, falls es zu keinem Kurswechsel komme. Rund ein Drittel ihrer Umsätze von zuletzt 17,2 Milliarden Mark machen die Münchner mit Militärflugzeugen, Hubschraubern, Lenkwaffen oder Verteidigungselektronik, wofür etwa 15 000 Beschäftigte arbeiten. Auch drastischere Reaktionen als Stellenabbau halten Experten branchenweit für möglich. "Die deutsche Wehrtechnik ist heute zu Teilen an die unteren Grenzen ökonomischer Auslastung gekommen, so dass sich dort die Frage Schließung oder Verkauf stellt," warnt der ehemalige Leiter des Planungsstabs im Verteidigungsministerium, Ulrich Weisser.

Bundesverteidiungsminister Rudolf Scharping sieht den Investitionsstau bei der Bundeswehr bei 20 Milliarden Mark. Wegen fehlender Ersatzteile wird Großgerät ausgeschlachtet, um etwa aus drei defekten Panzern zwei einsatzfähige zu machen. Vor allem wird da gespart, wo größter Nachholbedarf bestehe, etwa bei Kommunikationstechnik. Der Kosovo-Krieg habe gezeigt, dass unter Nato-Partnern das Kommunikationsgerät nicht kompatibel sei und gerade Deutschland unter dem technischen Niveau Portugals kommuniziere. Auch Präzisionswaffen gelten als eine deutsche Schwäche. Industriell hat der sinkende Wehretat nicht nur zu Stellenabbau sondern auch zu Fusionen und Übernahmen geführt. Rheinmetall schart derzeit die deutsche Heerestechnik um sich und dürfte nach Einschätzung von Experten demnächst in eine Phase der europäischen Neuordnung treten. Die Dasa kommt indessen durch die Fusion mit Aerospatiale Matra und die Übernahme von Spaniens Casa schon am Ende dieses Prozesses an. Einen ähnlichen Kurs steuern Konzerne mittlerer Größenordnung wie die Nürnberger Diehl-Gruppe. Etwa ein Drittel ihres Umsatzes von drei Milliarden Mark entfällt dort auf das Militärgeschäft. Von den rund 4000 darin Beschäftigten würden nun 200 Stellen gestrichen, gab Konzernchef Thomas Diehl soeben bekannt. In Teilen stehe das Unternehmen heute ohne Bundeswehrauftrag da. Wenn das so bleibe, könne es ab 2001 mit dem Aus für einzelne Standorte "richtig schlimm" werden.

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