Wirtschaft : Mit dem Frühling kommt der Spaß am Konsum

KATHARINA VOSS

Die Temperaturen steigen, der Himmel wird blau, das Grau verschwindet aus der Stadt: Der Frühling ist da.Temperaturen bis zu zwanzig Grad und viel Sonne machen nicht nur Spaß, sie freuen auch den Einzelhandel.Parallel zu den Temperaturen nach einem langen dunklen Winter steigt das Stimmungsbarometer im Handel.

Der erste Frühlingsrausch ist teuer.Marktforscher haben festgestellt, daß es in der Regel nicht beim Gang ins nächste Straßencafé und einigen Tassen Milchkaffee im Freien bleibt.Vor allem die Modebranche, hat Kundenforscher Michael Albaum festgestellt, ist geradezu vom Wetter abhängig: In einer Befragung von rund 1000 Personen gab jeder zweite an, daß er seine Kaufentscheidungen vom Wetter abhängig macht."Sowie die Temperaturen steigen, gehen auch die Umsätze bei den Händlern nach oben", sagt Steffen Kern, Pressereferent beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels."Shorts, T-Shirts, Badeanzüge - die Leute nehmen den Sommer schon voraus." In Deutschland kann man auf wärmende Hüllen zwar noch nicht verzichten, aber erstens werden die Ostertage immer häufiger zu einem Kurztrip ans Mittelmeer genutzt.Und zweitens trösten sich Daheimgebliebene zumindest mit der Aussicht auf den Sommer.Sie frischen ihre Garderobe mit leichteren Stoffen und hellen Farben auf.

Die ausbrechende, kollektive Putz- und Schmuckwut beschränkt sich aber nicht auf die Kleidung.Auch von innen will man sich jetzt reinigen."Entschlacken, fasten, abnehmen - das ist jetzt angesagt", berichtet Michael Bastian vom Verband der Deutschen Drogeristen.Der Aufbruchstimmung in der Natur wird mit guten Vorsätzen nachgeeifert.In den Drogerien stehen die entsprechenden Pulver und Säfte schon seit Jahresanfang in den Regalen bereit.

Auch bei den Fitnesscentern herrscht im April Hochsaison.Theo Sacher, Pressereferent beim Deutschen Fitneß und Aerobic Verband, beobachtet eine "Welle auf der Welle": Das Körperbewußtsein sei in den vergangenen Jahren immer weiter gewachsen - "und das Frühjahr verstärkt das Interesse noch." Um auf dieser Welle auch wirklich ganz oben mitzuschwimmen, versuchen immer mehr Studios im Frühling, die Kunden mit Schnuppertagen oder besonders günstigen Einstiegsverträgen zu ködern.

Sportmuffel haben kaum Chancen, dem frühjährlichen Trieb, den eigenen Körper auf Vordermann zu bringen, zu entkommen.In Kosmetiksalons und Schönheitsstudios beleben frische Frühlingsbrisen das Geschäft erheblich."Während im Winter eigentlich nur nach Gesichtsbehandlungen gefragt wurde, kümmert man sich jetzt wieder um den ganzen Körper", sagt Elke Stiller, Kosmetikerin in Berlin.Ganzkörper-Massagen und Pediküre haben Hochsaison - selten wird die Haut so ausdauernd massiert und gecremt wie jetzt.Und zu dem neuen Aussehen muß natürlich auch ein neues Parfüm her."Locker und leicht ist jetzt angesagt - die schweren Winterdüfte kann keiner mehr riechen.Außerdem kommt mehr Farbe ins Geschäft: Das Make up wird bunter, vor allem Blau- und Grüntöne sind angesagt", beschreibt Stiller die neuen Trends.

Frühlingsberauschte Kunden lassen auch in den Friseursalons die Kassen klingeln."Der April ist einer unserer besten Monate", sagt Dirk Kramprich, Pressereferent beim Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks."Wenn es wärmer wird, gehen die Leute häufiger zum Friseur." Über das Jahr verteilt, so Kramprich, ließen sich Frauen durchschnittlich sieben Mal, Männer dagegen nur sechsmal beim Friseur blicken.Von diesen Besuchen konzentriere sich ein außergewöhnlich hoher Anteil auf die Monate April und Mai.

Auch wenn der vom Wetter beschwingt, impulsiv zugreifende Kunde die Herzen der Kaufleute höher schlagen läßt - für die Textilhändlerhat dieser Käufertyp auch negative Seiten.Konsumexperte Steffen Korn: "In den vergangenen fünf Jahren wurde immer weniger Kleidung auf Vorrat gekauft.Die Leute sparen bei den mittelfristigen Anschaffungen." Um so wichtiger werden für die Händler die zunehmenden Spontan- und Gute-Laune-Käufe.Eine Begründung für das veränderte Kaufverhalten sieht Korn in der schwächelnden Konjunktur: "Wenn man den warmen Mantel noch nicht braucht, kauft man ihn auch nicht.Da hofft man, daß man vielleicht auch ohne über den Winter kommt.Der mittelfristige Textilbedarf ist sozusagen die Sparkasse der Bevölkerung".

Obwohl der Trend zum Spontankauf schon seit mehreren Jahren sichtbar ist, hat sich der Handel noch nicht richtig auf die impulsiver werdenden Käufer eingestellt, kritisiert Kundenforscher Michael Albaum."Die Zeitpunkte der Saisoneröffnung entsprechen immer weniger den Wünschen der Kunden.Bei klirrender Kälte liegen teilweise schon die Shorts in den Regalen." Nur zwölf Prozent aller Kleidungskäufer, die sogenannte "Outfit-Elite" gehe aber bereits zu Beginn der Saison in die Läden."Diese Gruppe legt extrem viel Wert auf modische Kleidung", sagt Albaum "alle anderen kaufen, wenn Wetter und Stimmung danach sind." Vor allem Männer gehörten zu den Spontankäufern, "die modische Prophylaxe - also das Kaufen auf Vorrat - gibt es eigentlich nur bei Frauen".Mittlerweile gehen die Firmen darum zunehmend dazu über, die Händler kurzfristig zu beliefern."Wer nicht flexibel ist und bei den zwei Saisonstarts im Jahr bleibt", prophezeit Albaum "wird auf die Dauer vom Markt verschwinden".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben