Wirtschaft : Mit dem Geld des alten Klassenfeinds

NANA BRINK

BERLIN .Eigentlich ist es ihm ganz recht, daß er nicht auffällt.Schließlich ist sein großes Vorbild, Microsoft-Chef Bill Gates, "auch ein eher blasser Typ".Blaß vielleicht - aber mit allen Wassern gewaschen.Bernd M.Burger, ein rundlicher Mann Mitte vierzig, fühlt sich seinem Vorbild verwandt, plant er doch, wie er gerne beiläufig erwähnt, "so etwas ähnliches" wie der US-Krösus."Ich biete dem Aktionär an, dabeizusein wenn wir wiederholen, was Microsoft vorgemacht hat".Sodann legt Burger eine Kunstpause ein, um zu sagen, daß "wir nur zu Geld machen, was die DDR übrig gelassen hat".Immerhin: Das Resultat will sich am heutigen Freitag Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt anschauen, der in Dahlwitz-Hoppegarten seinen Besuch angekündigt hat.

Zusammen mit einer Handvoll Profis aus dem ehemaligen DDR-Militärapparat entwickelt Burger aus dem High-Tech-Schrott des verblichenen Arbeiter- und Bauernstaates moderne Kommunikationssysteme für das Jahr 2000.Das Team verwertet dabei sein Wissen über das militärische Arsenal des Warschauer Paktes und sein geheimes Know-How aus dem Interkosmos-Programm, dem sowjetischen Pendant des amerikanischen SDI.Schwerpunkt des Unternehmens ist die satellitengestützte Datenkommunikation.PhoneSat installiert für Firmen, die in den Weiten des eurasischen Raumes tätig sind, Telefon-, Fax-, Video- und Datentransfer.Weitere Spezialitäten sind der Aufbau ziviler und militärischer Flugsicherungssysteme bis hin zu kompletten Towerkanzeln.

So gerüstet hat die "Deutsche PhoneSat Holding AG" nach Angaben von Burger Aufträge über 100 Mill.Dollar in der Tasche.Als erstes rein ostdeutsch geführtes Unternehmen mit 105 Mitarbeitern will "PhoneSat" jetzt den amerikanischen Börsenmarkt erobern.Das Going Public an der Washingtoner Technologiebörse Nasdaq, die junge High-Tech-Firmen listet, ist für Ende September diesen Jahres geplant und soll 20 Mill.Dollar in die Kasse spülen.Die Präferenz für den amerikanischen Markt begründet Burger mit der simplen Erkenntnis: Der "ehemalige Erzfeind" beweise mehr Gespür für technologische Innovationen und Risikobereitschaft als deutsche Banken.

Im Firmensitz der Holding, von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon als Keimzelle eines "Silicon Valley Ost" bejubelt, ist vom derzeitigen Höhenflug wenig zu sehen.Auch hier liebt man es eher bescheiden.Firmenboß Burger empfängt seine Geschäftspartner in einem tristen Plattenbau inmitten eines Gewerbegebietes am Rande Berlins.Der Einstieg ins große Geschäft begann mit der Modernisierung maroder Flughäfen im ehemaligen Ostblock.Dank ihrer Kenntnisse der östlichen Flugsicherungssysteme bekamen die Mitarbeiter der PhoneSat-Tochter Berliner Anlagen- und Nachrichtenbau-Service (B-A-N) Aufträge für die Umrüstung von Luftwaffenbasen.Mittlerweile hat die Firma zwischen Anklam und Ulan Bator 32 Flughäfen umgerüstet.

Daß der "Club der Altlasten", wie Burger und seine Kollegen selbst über sich spotten, nun ausgerechnet an der amerikanischen Börse reüssieren will, hätte "vor ein paar Jahren wirklich keiner gedacht".Burger, zu DDR-Zeiten mit dem "Einsatz von wirtschaftlichen Optimierungsmodellen im wehrtechnischen Bereich" beschäftigt, sollte laut Kaderplanung eigentlich 1992 zum Staatssekretär befördert werden.Daß er sich statt dessen als "schwer vermittelbar" im Vorgarten seiner Datscha wiederfand, entmutigte den damals 35jährigen nicht lange.Das ABC der Marktwirtschaft lernte der Genosse, der die PDS "weltfremd" findet, "wie von selbst".Unumwunden räumt Burger ein, von der ersten Pleitenwelle nach der Wende profitiert zu haben.Für einen Spottpreis erwarb er High-Tech-Anlagen, deren Wert den Sequestern entgangen war.

Aber Burger fehlte Startkapital.Heute lacht der gebürtige Sachse über seine ersten Besuche bei deutschen Banken."Mit unserer Vergangenheit war da nichts zu holen." Erst das Risikokapital der Berliner bmp Technologie Beteiligungs AG, die 7,5 Prozent am Unternehmen hält, in Höhe von 2,5 Mill.DM wirkte wie eine Initialzündung."Endlich konnten wir größere Aufträge finanzieren".Der damit 1997 erwirtschaftete Umsatz in Höhe von 14 Mill.DM soll sich in diesem Jahr verdreifachen.

Den Börseneinstieg hingegen ermöglichten die Finanzierungsprofis der New York Broker AG aus Düsseldorf, die Anfang März Anteile für 10 Mill.DM privat auf dem US-Markt plazierten.Die Amerikaner konnten mit dem Begriff "ostdeutsch" wenig anfangen, bis Burger ihnen erklärte, er stamme aus dem Teil, "wo die Russen waren": "Ob wir unseren Marx gelesen haben, war denen ziemlich wurscht".Hauptsache, Burger konnte den "cash flow" in flüssigem Englisch beziffern, wenn auch mit sächsischem Akzent.Burgers Prognose ist optimistisch: "Entweder wir sind in zehn Jahren ein multinationaler High-Tech-Konzern - oder eine Tochter von Microsoft".

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