Mit dem Handy zahlen : In Zukunft weniger Bank

Top-Manager von Kreditinstituten fürchten um ihr Kerngeschäft, denn bei neuen Bezahlsystemen sehen sie alt aus.

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Berlin - Braucht man zum Bezahlen überhaupt noch eine Bank? Bei deutschen Geldhäusern wächst offenbar die Sorge, dass sich Verbraucher diese Frage immer häufiger stellen könnten. Das hat vor allem mit dem veränderten Konsumentenverhalten zu tun. E-Commerce, also der Einkauf übers Internet, macht inzwischen bald zehn Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes aus, Tendenz stark steigend. Und inzwischen haben sich bargeldlose Bezahlsysteme wie die der Ebay-Tochter Paypal oder der Telekom-Tochter Clickandbuy bei Einkäufen übers Internet etabliert. Sie gelten als mindestens so sicher wie das klassische elektronischen Lastschriftverfahren, sind aber deutlich einfacher.

Mehr als die Hälfte (57 Prozent) der Entscheider in deutschen und österreichischen Kreditinstituten sehen ihre Angebote durch diese Konkurrenz bedroht. Das geht aus einer Umfrage unter 120 Top-Managern aus 120 Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Geschäftsbanken hervor, die die Unternehmensberatung Steria Mummert und das FAZ-Institut im vergangenen Spätsommer durchführen ließen. Verglichen mit dem „Branchenkompass Kreditinstitute“ des Vorjahres ist das ein Plus von sechs Prozentpunkten. Während Clickandbuy oder Paypal verschiedene Wege des Bezahlens anbieten, laufen neuere Systeme völlig an den Banken vorbei. „In letzter Zeit haben branchenfremde Firmen technologische Innovationen erfolgreich mit kundenfreundlichen Finanzdienstleistungen verbunden“, sagte André Schmidt, Experte für Bezahlsysteme bei Steria Mummert.

Die Konkurrenz besteht zum einen aus Smartphone-Anwendungen mit integrierter Bezahlfunktion wie der Hamburger Taxiruf-App Mytaxi. Zum anderen statten Unternehmen wie Payleven aus der Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet Händler mit kleinen Zusatzgeräten für Smartphones aus. Zum Bezahlen wandert die Kredit- oder EC-Karte des Kunden in das Gerät. Damit sparen sich vor allem kleine Händler den finanziellen Aufwand eines teuren Kassensystems. Das Konzept stammt aus den USA von der Firma Square des Twitter-Mitgründers Jack Dorsey. In Deutschland sind neben Payleven mehrere Anbieter aktiv, etwa Sumup, ebenfalls aus Berlin, und iZettle. Um die drei Prozent vom Umsatz kassieren die Anbieter von den Händlern. Knapp die Hälfte der für den „Branchenkompass“ befragten Banker (48 Prozent) sieht die Newcomer als Gefahr an – nach 35 Prozent im Vorjahr.

Außen vor sind die Banken auch bei den vier Mobilfunkbetreibern in Deutschland. Diese experimentieren seit Jahren mit elektronischen Bezahlsystemen und haben nach eigenen Angaben Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert. Über die sogenannte NFC-Technologie, mit der Daten über geringe Entfernung übertragen werden, sollen Smartphones künftig zu Geldbörsen werden. An der Kasse zückt der Kunde nur noch sein Handy, gibt eine Geheimzahl ein, und der Betrag wird abgebucht. In ihren Modell- und Pilotversuchen arbeiten Telekom, Vodafone, O2 und E-Plus verstärkt mit Kreditkartenunternehmen wie Mastercard und Visa zusammen. Damit läuft das Geschäft ohne die Banken. Um nicht weiter an Boden zu verlieren, müssten die Geldinstitute eigene Modelle für mobile Bezahlsysteme aufstellen und dürften die Zusammenarbeit mit Mobilfunkern nicht scheuen, schlussfolgert Berater Schmidt.

Noch ringen die Wettbewerber um die Bezahlmethode, die sich am Ende als Standard durchsetzt. Sumup stellte am Dienstag in London ein neues Verfahren vor: Sobald ein Kunde mit seinem Smartphone den Laden betritt, taucht sein Bild im Kassensystem auf. Zum Bezahlen drückt der Verkäufer auf das Foto und der Betrag wird direkt abgebucht. Auch Paypal, mit mehr als zwölf Millionen Kunden hierzulande, will künftig auf eine solche Lösung über eine App setzen.

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