Wirtschaft : Mit dem neuen Spitzenmann auf vier Bereiche konzentrieren

ALFONS FRESE

Der neue Mann steht vor den alten Fragen: Wie überwindet die Berliner Wirtschaft ihre Innovationsschwäche? Warum profitieren die Unternehmen so wenig von den Wissenschaftseinrichtungen in der Stadt? Wie bringt man Forscher und Unternehmer zusammen? Hanns-Jürgen Lichtfuß muß die Antworten kennen.Der Ingenieur aus München will die Weichen in Berlins innovative Zukunft stellen.Seit März ist Lichtfuß Chef der Technologiestiftung Innovationszentrum Berlin (TSB) und der Technologie-Vermittlungs-Agentur Berlin e.V.(TVA).Beide Einrichtungen unter einer Hand - das ist neu und nimmt die Zusammenlegung der Institute vorweg, die voraussichtlich zum 1.1.1999 erfolgt.Wieder einmal hat die Berliner Politik an einigen ihrer Fördereinrichtungen geschraubt und gedreht, Köpfe ausgetauscht und Konzepte verändert.Jetzt soll es Lichtfuß richten: "Netzwerke" wollen geknüpft sein, "Kooperationsstrukturen" sind aufzubauen, um in einigen wenigen Branchen "Kompetenzzentrum" zu werden.

Lichtfuß "will die reiche Wissenschaftslandschaft Berlins benutzen, um die schwächliche Industrie zu stärken".Die Politik hat ihm dabei Vorgaben gesetzt: Lichtfuß soll sich konzentrieren auf die Bereiche Biotechnologie, Informations- und Kommunikationstechnologien, Verkehrstechnik sowie innovatives Bauen.Auf diesen Gebieten also will Berlin "Kompetenzzentrum" werden.Was verbirgt sich hinter dem vielversprechenden Begriff? Die TSB hat folgende Kriterien für ein Kompetenzzentrum definiert: "Weltruf und herausragende Leistung, Ergebnisse einer langfristigen Entwicklung, Motor der regionalen Entwicklung".Ferner sollte sich ein "Kompetenzzentrum", das den Namen auch verdient, "über die gesamte Wertschöpfungskette erstrecken" und ein "dynamisches Netzwerk darstellen".Große Worte und hohe Ansprüche.Auf Lichtfuß und seine rund 30 Technologieförderer kommt viel Arbeit zu.

Die TVA mit rund 25 Mitarbeitern soll sich Lichtfuß zufolge "um das Tagesgeschäft kümmern, die TBS mit fünf Leuten um das langfristig Strategische".Die vor 20 Jahren gegründete TVA ist vor allem als Beratungseinrichtung für die Berliner Firmen konzipiert worden.Getragen wird die TVA von Unternehmen, Verbänden, Kammern, Wissenschaftsreinrichtungen und der Politik.Das Jahresbudget von fünf Mill.DM erwirtschaftet die TVA zu rund 25 Prozent selbst, den großen Rest übernehmen EU, Bundeswirtschaftsministerium und Land Berlin.

Der TSB stehen im Jahr 6,5 Mill.DM sogenannter Donationen für Projekte, Veranstaltungen und Fördermaßnahmen zur Verfügung; jeweils drei Mill.DM kommen von der Berliner Wirtschaftsverwaltung und der Investitionsbank Berlin (IBB), der Förderbank des Landes; hinzu kommen 500 000 von der EU und im laufenden Jahr 750 000 DM von der IBB für Personal- und Sachkosten der Stiftung.Das Vermögen der Stiftung von 1,6 Mill.DM wird durch die Eingliederung der TVA respektive des Vereinsvermögens auf 3,2 Mill.DM verdoppelt.Deshalb kann die TSB noch mit rund 360 000 DM Zinserträgen rechnen.Im letzten Jahr hatte die Stiftung aufgrund von Überhängen aus den Vorjahren knapp elf Mill.DM zur Verfügung.Ausgegeben wurden Lichtfuß zufolge jedoch nur sieben Mill.DM, die "eingesparten" Mittel bleiben Verfügungsmasse.

Bei der Gründung der Technologiestifung 1994 gab es weitreichende Pläne: Dem Koalitionsvertrag von CDU und SPD zufolge sollte die TSB - gewissermaßen nach bayerischem Vorbild - mit 100 Mill.DM aus Privatisierungserlösen ausgestattet werden.Die Finanznot des Landes verhinderte diesen großen Wurf.Die knappen Mittel und der Kompetenzwirrwarr in Berlin - drei Senatsverwaltungen sind mit Technologiepolitik befaßt - hat den Lichtfuß-Vorgänger Hartmut Grübel im vergangenen Jahr vorzeitig aufgeben lassen.Seitdem hat der Wirtschaftsstaatsekretär a.D.Hans Heuer der TSB ein neues Konzept gegeben, die Zusammenführung mit der TVA vorbereitet sowie einen neuen Spitzenmann gesucht.Eben Hanns-Jürgen Lichtfuß."Die Stärke der TBS ist ihr Kuratorium", sagt Lichtfuß über das Gremium mit dem Daimler-Benz-Finanzchef Manfred Gentz an der Spitze.Da im Kuratorium die beteiligten Senatsverwaltungen, Wirtschafts-, Banken- und Gewerkschaftsvertreter sitzen, werde hier "das Problem der Zuständigkeiten aufgelöst".Bislang, so Lichtfuß, habe sich die TBS "ziemlich beliebig bei Einzelprojekten" engagiert; das übernehme nun die IBB.Die TBS dagegen könne sich auf "Verbundprojekte innerhalb der vier Schwerpunktbereiche" konzentrieren.

Am weitesten ist die Stiftung bei der Biotechnologie.Trotz der Niederlage im Bioregio-Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums hat sich die Initiative "BioTOP Berlin-Brandenburg" gut entwickelt, geradezu verselbständigt.Ein eigenes Büro koordiniert diverse Bio-Aktivitäten in der Region, fördert Unternehmensgründungen und gibt Akquisitionsbroschüren heraus.BioTOP zeichnet sich aus durch die Beteiligung der Wirtschaft und des Landes Brandenburg.Der Etat von 1,2 Mill.DM wird zu gleichen Teilen von den beiden Ländern und dem hiesigen Verband der Chemischen Industrie getragen."Nur wenn die Industrie auch wirklich Geld gibt, zeigt sie Interesse", weiß der langjährige Industriemanager Lichtfuß.

Auch bei der Initiative ProT.I.M.E scheint eine Public-Private-Partnership zu funktionieren.1996 schlossen sich 22 Firmen und vier Nonprofit-Einrichtungen in ProT.I.M.E zusammen, um die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien voranzubringen.Aktuell ist die TSB beteiligt an einem bundesweiten Wettbewerb über neue Medien in der Verwaltung.Im Herbst soll die Entscheidung fallen, rund 400 000 DM läßt sich die Stiftung den Wettbewerb kosten.Für Lichtfuß gut angelegt Steuergelder, denn diese Veranstaltung passe gut in das große Zukunftsprojekt "Berlins Weg in die Informationsgesellschaft".

Die Kompetenzzentren für Verkehr und innovatives Bauen sind bislang eher Wunschdenken.Beim Verkehr ist der Vormann abgesprungen, der Industrie waren die bisherigen Bemühungen "zu forschungslastig", sagt Lichtfuß.Die offene Personalfrage "paralysiert", gibt Lichtfuß zu.Denn man brauche "gestandene Leute, die mit Forschung, Industrie und Politik reden können".Alles ungewiß ist auf dem weiten Feld des Baus.Nachdem der von der TSB vor rund drei Jahren initiierte Aktionskreis floppte soll ein neuer Versuch unternommen werden.Und zwar parallel zu den Vorbereitungen auf einen Baukongreß im kommenden Februar.Aus dem Fehlversuch hat die TSB gelernt, jetzt will Lichtfuß "große Baufirmen finden, die sich dahinter stellen".Alles in allem würde sich der neue Innovationsanstifter gerne zurückhalten und sich sogar sobald wie möglich überflüssig machen, denn "wenn die Wirtschaft funktioniert, dann braucht man solche staatlichen Dinge nicht", sagt Lichtfuß.

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