Wirtschaft : Mit der Attrappe zum Sieg

Kriege gewinnen, Freunde beeindrucken oder Einbrecher abschrecken – Fälschungen sind beliebt

Deike Diening

Mit Attrappen wurden schon Kriege gewonnen. Der bekannteste war der um Troja, der mit einem falschen Pferd entschieden wurde. Seitdem sind die Pferde etwas aus der Mode gekommen. Stattdessen haben die Serben mit ihren Panzer-Attrappen die Nato gefoppt. Im Juni 1999, als deren Piloten 100 Panzer, 200 gepanzerte Fahrzeuge und rund 300 Artilleriegeschütze ausgeschaltet haben wollten. KFOR-Soldaten haben nach dem Abzug der Serben eine große Anzahl zerstörter Attrappen gefunden. Diese hatten auch ausrangiertes Material in die Schusslinie gebracht. Und mit schwarzen Plastikplanen, quer über Flüsse gespannt, Brücken simuliert.

Das beste Beispiel für Attrappen der Neuzeit ist der amerikanische Präsident George. W. Bush. Er lief zu Thanksgiving mit einem Dekorations-Truthahn bei seinen Truppen im Irak auf. Seine frühzeitige Enttarnung allerdings wirft einige Fragen auf: Wenn der Präsident schon mit einem solchen Truthahn herumläuft – wie vertrauenswürdig ist dann der ganze Mann? Und welche Schlacht wollte er damit gewinnen?

Aber kommen wir zur erstaunlich weit verbreiteten zivilen Nutzung der Attrappen. Dass Thomas Gottschalk nichts zu verlieren hat, wurde uns klar, als der Showmaster zur Einlösung einer Wette so tat, als spräche er im Bundestag – dabei war das Rednerpult nur ein Nachbau. Jenseits aller moralischen Empörung über individuelle Täuschungsabsichten ist die Funktion der Attrappen einfach: sie sollen vorspiegeln, dass dort etwas ist, wo nichts ist. Und zwar alles Mögliche – Körper, Geist, Bildung, Anwesenheit, Volumen, Kontrolle. Sie durchdringen den Alltag gründlicher, als man denken könnte.

Teil ihrer Wirkung ist, dass der Betrachter sie nicht erkennt. Das beste „Zweithaar“ ist so wenig kenntlich wie „Die Dritten“. Ausgenommen sind solche Aktionen wie das Berliner Stadtschloss, zu dessen Attrappe aus 9300 Quadratmetern bedruckter Kunststofffolie für etwa vier Millionen Mark die Hauptstädter monatelang pilgerten. Aber Berliner mögen die Simulation. Sie lassen sich mit großer Lust täuschen. Sie liegen am Strandbad Wannsee „am Meer“ und lesen die BZ. Wenn man es drauf anlegt, lässt sich ein erstaunlich großer Teil des Besitzes, des eigenen Körpers, ja des ganzen Lebens simulieren: Die Drogerie Rossmann verkauft gerade eine CD für Singles, die die Anwesenheit eines Lebenspartners vorspielt (2,99 Euro). Und in manchen Dekolletés ist nicht mehr als warme Luft. Die Attrappen, vor allem die Versatzstücke des Körpers, machen den Menschen dabei nicht unbedingt schöner. Ja, sie verraten ihn und seine Absichten und tragen seine Sehnsüchte nach außen. In eine – meist hohle – Form: den Schuh, der größer macht, das kräftige Haar, das geschwungene Dekolletee.

Manchmal ist Echtheit jedoch egal, sie erfüllt den Zweck in keiner Weise besser als die Attrappe. Denn das Signal reicht schon aus. Funktioniert nach unseren Recherchen leider nicht bei Lebenspartnern, sondern nur zur Abschreckung von Einbrechern, Tauben und Ladendieben.

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