Wirtschaft : Mit der virtuellen A-Klasse ins digitale Zeitalter

BRANDON MITCHENER

Daimler-Benz ist Vorreiter bei der Erprobung elektronischer Verkaufshilfen / Kunde entwirft sein TraumautoVON BRANDON MITCHENERZuerst gab es die virtuelle Realität, dann das virtuelle Büro und das virtuelle Geld.Der nächste Halt auf der globalen Infobahn: das virtuelle Auto.Deutschlands Daimler-Benz AG entwickelt einen, wie er genannt wird, "virtuellen Wagen", der dem Kunden verschiedene Kombinationen von Farben, Stoffen und Radkappen bei den Mercedes-Benz Modellen vorführt - alles im Gewand der virtuellen Realität. Das funktioniert so: Der Kunde hält einen flachen Bildschirm in der Hand, der an einem Roboterarm von der Decke herunterhängt, und kann in dem dort animierten Computer-Bild, das ihm das ihn interessierende Auto vorführt, herumwandern - oder auch direkt durch das Bild wie ein Geist hindurchgehen.Wenn man den Fahrersitz anklickt, kann man den Stoff oder gar die Farbe der Nähte ändern - in Lichtgeschwindigkeit.Dasselbe gilt für Radkappen, Leuchten und selbst für das Radio.Verändere die Zusammenstellung der Lautsprecher und du hörst sofort den Unterschied - in Dolby-Stereo! Irgendwann einmal, so sagt Daimler, kann der Kunde auf einen Knopf drücken und so das Auto bestellen, das er soeben nach seinen Vorstellungen kreiert hat.Er bekommt zeitgleich damit direkt vom Werk eine verbindliche Zusage für das Lieferdatum. Daimlers Anstrengungen sind Teil der Bemühungen der gesamten Autobranche, den Schauraum der Händler ins digitale Zeitalter zu bringen.Daimler meint, daß der virtuelle Wagen geeigneter als das Internet oder die Kataloge ist, um die Bandbreite der Wahlmöglichkeiten für Autos zu demonstrieren.Am Ende des Jahres, so lauten die Planungen, sollen die ersten dieser Systeme in Dutzenden von Schauräumen laufen, in Japan weitere im Jahre 1999.Ein Prototyp, der die A-Klasse zeigt, wird gerade auf der Cebit in Hannover vorgeführt."Der Kunde wird zum Designer seines eigenen Traum-Autos, das er sofort in Originalgröße erleben kann," sagt Frank Appenzeller, ein Manager von Daimlers Verkaufsabteilung Digitale Medien.Daimler ist nicht der einzige Autohersteller, der sich mit der digitalen Hexerei abgibt.Europäische, japanische und amerikanische Autofirmen testen Online-Informationssysteme und Internet-Schauräume. Die Volkswagen AG hat damit begonnen, Multimedia Service Stationen in 18 Schauräumen in Deutschland aufzubauen.Am Ende des Jahres sollen 300 von diesen Terminals eingeschaltet sein.Sie funktionieren wie Geldautomaten, die die Kunden von der Last befreien, nach den offiziellen Reparaturzeiten noch mit Schlüsseln hantieren zu müssen.BMW hat mit virtuellen Testfahrten im World Wide Web experimentiert.Automarkt-Gurus meinen, daß Daimler seine Autos von elektronischen Spielzeugautos inspirieren läßt.Zusätzlich zu dem virtuellen Vehikel testen die Mercedes Händler etwas, was sich Mercedes-Benz-Kiosk nennt.Der erlaubt den Kunden, an einem Terminal Preisvergleiche zwischen den verschiedenen Farben und Optionen bei einer Vielzahl von Autos anzustellen.Ein virtueller Leasing-Terminal ermöglicht es den Kunden, einen Finanzierungsexperten mittels digitalem Video-Telefon um Rat anzugehen.Dies zusammen verschafft Daimler zumindest eine Zeitlang einen kleinen Vorsprung vor den Mitbewerbern und dem Internet. Das Internet ist eine Bedrohung der Neu- und Gebrauchtwagenhändler, da der Konsument von Zuhause aus Vergleiche ziehen kann."Die Leute haben weniger Zeit und benutzen das Internet, um sich zu informieren, bevor sie sich ein Auto anschauen," sagt Peter Soliman, Direktor im Düsseldorfer Büro von Booz-Allen Hamilton."Das unterminiert das Händlernetz.Der Händler hat kein Interesse mehr, neue Wagen zu verkaufen, da er an ihnen kein Geld mehr verdient," meint er. Viele Autohersteller machen die Hälfte ihrer Profite mit dem Verkauf der Ersatzteile für ihre Autos, und viele Händler verdienen ebenfalls mehr an den Ersatzteilen und Reparaturen als am Verkauf der neuen Autos.Gehen also immer mehr Leute ins Internet, um neue oder gebrauchte Autos zu verkaufen und wenden sich dabei an unabhängige Reparaturwerkstätten, dann verlieren sowohl die Hersteller wie ihre autorisierten Händler das Geschäft. "Die größte Sorge der Autohersteller ist deshalb, wie sie die Kontrolle über das Vertriebsnetz behalten und diese Kontrolle nicht solchen Firmen wie Microsoft oder Auto-By-Tel abtreten," sagt Soliman.Microsoft ist ein Software-Gigant und Auto-By-Tel, eine amerikanische Online-Firma hat bereits angekündigt, in Großbritannien ihr Geschäft bald zu starten. "Die Idee der virtuellen Realität ermöglicht es, daß die Leute sofort ihre Wahlmöglichkeiten und Kosten sehen, ebenso wie die monatlichen Zahlungsraten.Das geht weit über das hinaus, was konventionelle Händler als Verkaufs- und Informationsmöglichkeiten bieten können," sagt er - und verweist auf Daimlers virtuelles Vehikel.Das wiederum hält auch das Interesse der Kunden daran wach, tatsächlich in die Schau- und Vorführräume der Händler zu kommen, auch wenn die Garantiefrist abgelaufen ist, eine Bindung, die die Hersteller als Langzeitstrategie ansehen.Appenzeller ist der Auffassung, daß der virtuelle Wagen die Vorführräume noch interessanter machen wird, da die Menschen dort "mit der Marke inter-agieren" könnten. Diese Technologie ist besonders in Europa und Japan für kleinere Händler attraktiv, da in den städtischen Regionen die Immobilenpreise immens sind und die Händler nicht genügend Raum haben, um alle Varianten von Mercedes-Benz-Modellen vorführen zu können.Die A-Klasse hat allein bei den Sitzen 72 Wahlmöglichkeiten. Rainer Kreutz, Verkaufs-Manager im zentralen Schauraum in Frankfurt, sagt, daß der virtuelle Wagen das beste Mittel sei, um der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein."Mit unseren Autos waren wir immer schon sehr progressiv.Mit unseren neuen Verkaufstechnologien wollen wir auch in diesem Bereich unseren Konkurrenten voraus sein," sagt er während eines Test mit dem virtuellen Wagen."Er ist ein gutes Mittel um unsere Verkaufskraft zu stärken." Kreutz will einen solchen virtuellen Wagen als komplette Demonstrationsanlage für seinen Schauraum in Frankfurt kaufen. Die Technologie ist weder billig noch einfach zu bewerkstelligen.Um die Hochgeschwindigkeits- und hochauflösenden Bilder auf den Farbbildschirmen herzustellen, auf denen die Kunden ihre eigenen Modelle kreieren können, nutzt Daimler einen 350 000 DM teuren Computer der Art, wie er auch für die special effects in dem Spielberg-Film "Jurassic Park" und im Film "Men in black" genutzt wurde." Sicherlich würden die Preise fallen, wenn die Mercedes-Händler diese System en masse bestellen würden. Die Datenmasse, die gebraucht wird, um die special effects des virtuellen Wagens herzustellen, ist so groß, daß es kaum möglich ist, sie in das Internet zu schicken.Zumindest für die nächsten Jahre, so die Auffassung von Appenzeller."Daimler hat hart daran gearbeitet", sagt er, Autos sowohl im Internet zu zeigen als auch zu verkaufen.Mit einer höheren Bandfrequenz werde der virtuelle Wagen aber bald auch zu Hause zur Realität werden.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben