Wirtschaft : Mit Disziplin und Blitzlicht

Ursula Pohl bildete sich zum Fotoprofi aus – parallel zum Beruf und mit Mitte 50.

Klaus Grimberg
Foto: Privat
Foto: Privat

Es brauchte ein bisschen Anlaufzeit, bis sich Ursula Pohl wieder ans intensive Lernen gewöhnt hatte. „Nach der Routine im beruflichen Alltag musste der Geist erst einmal richtig durchgeknetet werden“, sagt die 58-Jährige aus dem niederbayerischen Eggenfelden. Dann aber sei die Konzentration kein Problem mehr gewesen. Schließlich habe sie sich die Lerninhalte – anders als zu Schulzeiten – gezielt selbst ausgesucht.

Pohl absolvierte 2009/10 den Fernlehrgang „Professionell Fotografieren leicht gemacht“ bei der Studiengemeinschaft Darmstadt. Seit Jahrzehnten hatte sie in ihrer Freizeit Fotos gemacht, doch war sie dabei immer wieder an technische und gestalterische Grenzen gestoßen. Gerade die digitale Revolution in der Fotografie mit ihren vielfältigen Möglichkeiten interessierte und faszinierte die gelernte Elektromechanikerin.

Einer der wichtigsten Gründe, sich für einen Fernlehrgang zu entscheiden, war für Pohl die freie Zeiteinteilung. Sie war damals in der Besucherbetreuung des Wallfahrtsmuseums in Altötting tätig. Neben dem Beruf wäre kaum Zeit geblieben, regelmäßig zu einem weiter entfernten Seminarort zu fahren. Stattdessen bekam Pohl die aufeinander aufbauenden Studienhefte bequem nach Hause geliefert und konnte sie abends oder am Wochenende in ihrem eigenen Tempo durcharbeiten. Das Pensum war auf ein Jahr angelegt, doch jeder Lernende kann frei bestimmen, ob er es womöglich schneller schafft oder etwas mehr Zeit braucht.

Jedes der dreizehn Hefte endete mit theoretischen Fragen und Praxisaufgaben, in denen das Erlernte angewendet wurde. Nach einer allgemeinen Einführung in die Geschichte der Fotografie folgten Kapitel etwa zu Blenden und Verschlusszeiten, verschiedenen Perspektiven und den Möglichkeiten Bildgestaltung. Die Teilnehmer waren aufgerufen, mit ihrer Kamera zu experimentieren und sich an immer neuen Motiven und in wechselnden Situationen auszuprobieren. „Aus den Fotos hat man schließlich diejenigen ausgewählt, die am besten die gestellten Anforderungen erfüllt haben“, sagt Pohl. Diese Bilder gingen dann per Mail an den zuständigen Dozenten.

„Mir hat gut gefallen, dass die Arbeiten stets sehr schnell bewertet wurden“, erinnert sich Ursula Pohl. Die Fernlehrer lobten, kritisierten und gaben Tipps, was noch besser gemacht werden könne. Anregend war für Pohl zudem der Online- Kontakt mit den anderen Teilnehmern des Lehrgangs. In Foren und Chats können sich die Lernenden austauschen und den Stoff diskutieren.

Pohl hat die konstruktiven Beurteilungen der Dozenten immer als Hilfe und Ermunterung empfunden. „Ich habe in dem Lehrgang viel Selbstbestätigung erfahren, er hat mich selbstbewusster und sicherer gemacht“, sagt Pohl rückblickend. Je älter sie geworden sei, desto öfter sei sie im Beruf mit dem Vorurteil konfrontiert worden, Ältere seien weniger leistungsfähig und belastbar. Der Fernlehrgang habe ihr gezeigt: Ich kann noch einiges!

Auch ihre sehr gut bewertete Abschlussarbeit hat Pohl auf ihrem Weg bestärkt. In einer Mappe stellen die Lehrgangsteilnehmer ihre besten Fotos zusammen, die das gesamte Spektrum der Lerninhalte abbilden soll: Landschaft und Porträt, Natur und Technik, Bewegung und Stillleben. Pohl konnte ihre neuen Kenntnisse und Fähigkeiten dann auch gleich im Beruf anwenden: Für das Museum fotografierte sie Ausstellungsstücke neu und war bei Veranstaltungen und besonderen Anlässen als Hausfotografin unterwegs.

Mittlerweile ist die passionierte Fernlernerin sogar noch einen Schritt weiter. Nach einer 40-jährigen Berufslaufbahn mit einigen Wendungen hat sie nun den Mut gefasst, sich mit ihrer eigentlichen Leidenschaft selbstständig zu machen. Seit Jahren begeistert sich Pohl für die Intarsienkunst, die sie in Lehrgängen erlernt und selbst weiter vertieft hat. Nun will sie als freie Künstlerin ihren Lebensunterhalt mit ihren Arbeiten bestreiten. Ihre fotografischen Kenntnisse sind auch dabei sehr nützlich, zum Beispiel wenn es darum geht, ihre Werke auf der eigenen Homepage ansprechend und professionell zu präsentieren.

Der Rückenwind, den sie durch den erfolgreichen Fernlehrgang erhalten hat, spielte für Pohl bei ihrer neuen beruflichen Orientierung eine wichtige Rolle. Auch jenseits der 50, so hat sie an sich selbst gespürt, macht das Lernen Spaß – und eröffnet Perspektiven, die ansonsten verschlossen blieben.

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