Wirtschaft : Mit Ehrgeiz und der IG Metall

Peter Hartz erzählt in einer Autobiografie in Gesprächsform, wie es zur VW-Affäre kam.

Henrik Mortsiefer

Berlin - „Ohne den Betriebsrat lief vieles nicht bei VW“, sagt Peter Hartz. Dass es für den Betriebsratschef, Klaus Volkert, besonders gut lief bei VW, dafür hat der inzwischen vorbestrafte, ehemalige Arbeitsdirektor Hartz bekanntlich gesorgt. „Ich, auch der ganze Konzern, waren auf seine Kooperationsbereitschaft angewiesen“, sagt Hartz. „Er hat eigentlich immer gefordert. Aber das wiederum ist auch das Merkwürdige der gewerkschaftstypischen Kommunikationsweise. Dieses Fordern ist immer da.“ Und einer gab ihm nach – Peter Hartz. Als Gegenleistung für illegale Sonderzahlungen von mehr als zwei Millionen Euro billigte Volkert die Personalpolitik des Arbeitsdirektors und späteren Arbeitsmarktreformers: Vier- Tage-Woche, das 5000-mal-5000-Modell, Lohnzurückhaltung. Karriere machten dabei beide – bis die Kungelei im Namen der Mitbestimmung aufflog. Einer der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte kam ans Licht. Im Januar wurde Peter Hartz dafür vom Landgericht Braunschweig zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung und einer Geldstrafe von 567 000 Euro verurteilt. Volkert und seine Mitstreiter warten auf ihren Prozess.

Es sind die wechselseitigen Begünstigungen, Deals und Abhängigkeiten von Betriebsräten und Konzernführung, die den tieferen Einblick in die VW-Affäre um Lustreisen und Sonderzahlungen interessant machen. Im Lichte der Affäre bei Siemens behält das Thema Mitbestimmung über die Wolfsburger Grenzen Aktualität. Von Hartz selbst war bisher dazu nichts zu hören. Er hat geschwiegen. Auch während des Prozesses überließ er seinem Verteidiger das Wort. In einem 300 Seiten langen Interview hat die Journalistin Inge Kloepfer Hartz zum Sprechen gebracht. Die Autobiografie in Gesprächsform, Titel: „Macht und Ohnmacht“, gibt Hartz viel Raum, seinen Aufstieg und Absturz zu beschreiben und zu analysieren. Man mag sich fragen, wen das ganze Leben von Peter Hartz interessiert. Zumal erst im letzten Drittel des Buches ein Drama daraus wird. Doch schon die Karriere des Arbeitersohnes aus dem Saarland, der in kurzer Zeit Personalchef der Dillinger Hütte wird, zeigt, was Hartz beeinflusst und beeindruckt hat: sein Ehrgeiz und die IG Metall. Letzterer gehört er seit seinem 15. Lebensjahr an. Das prägt, verbindet – und kann abhängig machen. „Für mich war der Stempel der IG Metall überhaupt nicht ehrenrührig. Mit ihr schien eine Karriere schneller möglich“, sagt Hartz. Die Karriere dürfte ihm am Ende im Weg gestanden haben. So sehr Hartz auch sein Engagement für die Arbeitnehmer und seine grenzenlose Loyalität für den Autokonzern rühmt. Man mag nicht glauben, dass es dem Ex-Vorstand immer um das Wohl von VW und seiner Mitarbeiter ging, als er Entlassungen und Streiks verhinderte. Schon während des Prozesses, der die absurde Zahl illegal genehmigter Sonderzuwendungen, Urlaubsreisen und Vergnügungen an Volkert und Co. aufdeckt, wird klar: Hartz ging es immer auch darum, in den Augen seines großen Vorsitzenden, dem VW-Patriarchen Ferdinand Piëch, eine gute Figur zu machen. Es sollte Ruhe herrschen in dessen Reich. Dass er jede Mitwisserschaft des heutigen Aufsichtsratschefs leugnet, ist verständlich. Und wenn es eine Nummer größer sein durfte – die Arbeitsmarktreform für Gerhard Schröder etwa – dann lässt Hartz keinen Akt der Selbstinszenierung aus.

Am Ende liefert „Macht und Ohnmacht“ nicht die vielleicht von vielen erhofften Details aus dem VW-Rotlichtbezirk. Zum Skandal taugt allenfalls Hartz’ Selbstentblößung, wenn er den pikanten Details ausweicht: „Diese Frage berührt mein Privatleben, das niemanden etwas angeht.“

„Macht und Ohnmacht“, Peter Hartz im Gespräch mit Inge Kloepfer, Hoffmann und Kampe, 315 Seiten, 19,95 Euro

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