Wirtschaft : Mit Energie auf den Gipfel

Die G 8 bekennen sich zur Atomkraft, Deutschland macht nicht mit. Doch die Konzerne geben nicht auf

Maren Peters,Anselm Waldermann

Berlin - Für die Befürworter der Atomenergie ist es eine große Chance. Hatte nicht der russische Präsident und Gastgeber Wladimir Putin das Thema Energiesicherheit eigenhändig an die Spitze der Petersburger Tagesordnung gehoben? War nicht die Drohung des russischen Staatschefs, dem Westen den Energiehahn zuzudrehen, Mahnung genug, sich nach Alternativen zu Öl und Gas umzusehen? Und hatte nicht US-Präsident George Bush unmittelbar vor seinem Deutschland-Besuch ein klares Bekenntnis zur Atomkraft abgelegt?

Aus Anlass des G-8-Gipfels, der am morgigen Montag zu Ende geht, fordern die großen Energiekonzerne und Verbände von der Politik, die nukleare Option nicht auszuschließen. „Noch fußt die Stromversorgung Deutschlands auf einem breiten Energiemix aus Kohle und Kernenergie“, sagt Alfred Richmann, Geschäftsführer des Verbandes der industriellen Energiekunden (VIK). „Diesen darf die Politik nicht zugunsten einer weiter wachsenden Abhängigkeit vom Gas aufgeben. Kein anderes Land Europas riskiert diesen Weg.“ Er hoffe daher auf ein Umdenken beim Atomausstieg, sagt Richmann. „Der G-8-Gipfel könnte den deutschen Politikern die Augen öffnen.“ Der Energielobbyist kann sich auf die Rückendeckung der Konzernchefs verlassen. „Der Kampf um die Rohstoffe wird sich verschärfen“, bekräftigt Klaus Rauscher, Vorstandschef des Stomkonzerns Vattenfall. Im Interesse auch nationaler Energiesicherheit müssten daher vernünftige Lösungen gefunden werden. „Ich hoffe, dass der Gipfel in St. Petersburg auch die jeweiligen nationalen Interessen offen und pragmatisch diskutieren wird.“

Shell-Deutschland-Chef Kurt Döhmel erwartet ebenfalls „einen offenen Dialog der Staatschefs darüber, wie die Energieversorgung langfristig sichergestellt und zugleich der Klimaschutz vorangebracht werden kann“. In St. Petersburg dürften die Energiemanager auf offene Ohren stoßen.

Deutschland ist in der Gruppe der Acht beinahe das einzige Land, das sich auf einen Atomausstieg festgelegt hat. Unterstützung erhalten die Deutschen nur von Italien. Vizeregierungschef Francesco Rutelli, sagte zum Thema Kernkraft bei einem Vortrag in Berlin, es sei „nicht realistisch, wieder mit dieser Energie zu beginnen“. Italien hatte sich 1987 per Volksabstimmung gegen die Atomenergie entschieden. Russland will die Debatte in St. Petersburg dagegen weit fassen und schlägt vor, sogar Entwicklungsländer gezielt mit Atomkraftwerken auszustatten.

Die SPD hält sich zugute, dass der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2005 auf dem G-8-Gipfel in Gleneagles ein Konsenspapier zur Atomkraft gerade noch verhindert hat. Auch die große Koalition hat den Atomausstieg zwar festgeschrieben, doch gibt es in der Union viele, die daran rütteln möchten. Die SPD lehnt dagegen eine neue Diskussion über den Atomausstieg ab. „Das kommt nicht in Frage“, sagt Hermann Scheer, Energieexperte der SPD- Fraktion im Bundestag. Allerdings sei absehbar, dass alle, die in Deutschland den Wiedereinstieg befürworteten, sich auf den G-8-Gipfel berufen würden, sagt der SPD-Politiker.

Auch RAG-Chef Werner Müller, eigentlich Befürworter der Atomkraft, sieht derzeit keine Mehrheit für die Technologie. „Eine Renaissance der Kernkraft in Deutschland wird es aber überhaupt nur dann geben können, wenn wieder Investitionen in neue Kernkraftwerke fließen; dafür gibt es derzeit noch keine Akzeptanz“, sagt der frühere Bundeswirtschaftsminister. Langfristig sieht er allerdings keine Alternative. In 50 Jahren werde der Energiemix von Kohle, Atomenergie und den regenerativen Energien bestimmt – „das gilt sowohl global als auch für Deutschland“, sagt Müller.

Viele Energieexperten halten die Rückkehr zur Atomkraft aus wirtschaftlichen Gründen dagegen keineswegs für zwingend notwendig. „Wir haben schon eine große Vielfalt an Energiequellen“, sagt etwa Martin Cames vom Öko-Institut. Zudem sei auch der Rohstoff Uran – wie Öl und Gas – endlich. „Es ist zu bezweifeln, dass eine neue Generation von Atomkraftwerken mit Uran bestückt werden könnte.“ mit ade

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