Wirtschaft : Mit Fokker sind auch die Anleger abgestürzt

HEIKE JAHBERG

Sparer haben in Millionenhöhe investiert / Papiere heute wertlos / Banken sind kaum haftbar zu machen / Berlinerin sucht MitstreiterVON HEIKE JAHBERG

Rita Schmidt ist Rentnerin.Mit den Feinheiten der Geldanlage hatte sich die Berlinerin eigentlich nie so recht befaßt.Seit kurzem ist das anders.Heute weiß Frau Schmidt nicht nur, was eine Industrieanleihe ist, sie jongliert auch sicher mit Begriffen wie Prospekt- und Beraterhaftung und studiert aufmerksam die neusten Gerichtsurteile zum Thema Bankenhaftung.Der Sinneswandel kommt nicht von ungefähr: Die Rentnerin gehört zum Kreis der sogenannten Fokker-Geschädigten.Dahinter verbergen sich jene Privatleute, die zwischen 1989 und 1996 Anleihen des niederländischen Flugzeugbauers Fokker gekauft hatten.Das Unternehmen ist heute pleite, die Anleihen wertlos.40 000 DM hat allein Frau Schmidt verloren, Geld, das sie für Notfälle sicher anlegen wollte. Als Rita Schmidt 1993 in ihre Dresdner Bank-Filiale ging, hatte sie nur einen Wunsch: Zunächst 15 000 DM und wenig später noch einmal 25 000 DM sollten angelegt werden, "sicher, festverzinslich und mit kurzer Laufzeit", um auf das Geld im Falle eines Falles zurückgreifen zu können.Der Berater empfahl ein Industriepapier: die Fokker-Anleihe.Insgesamt vier Papiere des holländischen Flugzeugproduzenten waren im Umlauf - 1989 hatte die Commerzbank eine bis Sommer 1996 laufende Anleihe emittiert, 1991 folgte die Dresdner Bank mit einem Papier, das bis 1998 laufen sollte; 1993 legten beide Geldhäuser dann noch einmal mit zwei weiteren Emissionen nach: 150 Mill.DM via Dresdner Bank (1993 bis 1996) und 500 Mill.DM via Commerzbank (1993 bis 1998). Frau Schmidt griff zu und kaufte.Verdacht schöpfte sie nicht: Die Nominalverzinsung von 6,5 Prozent hielt sich im Rahmen des seinerzeit Üblichen.Und auch die Hintergrundinformationen des Beraters waren beruhigend.Immerhin war der Daimler-Benz-Konzern über seine Tochter Dasa bei den Holländern eingestiegen, weiterer Anteilseigner war der niederländische Staat.Daß beide keine Haftung für die emittierten Papiere übernehmen wollten, erfuhr Frau Schmidt aber nicht.Im Gegenteil: "Daß eine Anleihe auf Null sinken kann, hätte ich nie gedacht", sagt die Rentnerin heute."Festverzinsliche Wertpapiere waren für mich damals so sicher wie ein Sparbuch". Wenige Jahre später wurde sie eines Besseren belehrt.Am 22.Januar 1996 entschied der Daimler-Aufsichtsrat, sich von Fokker zu trennen.Der Beschluß kostete Tausende von Arbeitsplätzen in den Niederlanden und brachte die Zeichner von Fokker-Anleihen um Millionen.Im Frühjahr 1996 meldete Fokker Konkurs an, seit dem zahlen die Holländer keinen Zins mehr für ihre Papiere und gaben auch für die bereits ausgelaufenen Emissionen keinen Pfennig mehr zurück.Alle Rettungsversuche verliefen bislang ergebnislos. Daß sie ihre Anleihen abschreiben können, ist den Fokker-Geschädigten klar.Zwischen 10 000 DM und "Millionenbeträgen" hatten die Sparer investiert, nun wollen sie wenigstens einen Teil des Geldes zurück.Koordiniert werden die Aktionen seit Jahresanfang in Aystetten bei Augsburg.Dort sitzt die "Interessengemeinschaft privater Fokker-Anleihenbesitzer" (Postfach 2, 86482 Aystetten), die die Fälle bündelt, Informationen zusammenträgt und mit Anwälten kooperiert.Bei einem Treffen Anfang Mai in Frankfurt kamen 40 "Leidensgenossen" zusammen - allein sie repräsentierten Verluste von 14 Mill.DM.Aus Berlin reiste nur Rita Schmidt an.Dabei gibt es an der Spree "mit Sicherheit viele Geschädigte", vermutet Michael Erlat, Koordinator der Initiative.Diese möchte Rita Schmidt jetzt gern zusammentrommeln.Gemeinsam ist man stärker. Im Alleingang konnte die Rentnerin bisher nicht viel ausrichten.In einem Schreiben vom Mai dieses Jahres bescheidet ihr der Ombudsmann der Dresdner Bank, daß sie keinerlei Ansprüche gegen das Geldhaus stellen könne.Sie könne sich weder auf die sogenannte Prospekthaftung berufen, da die Fokker-Anleihe nicht von einem Börsenprospekt sondern nur von einem "Informationsmemorandum" begleitet worden sei, noch könne sie der Bank Beratungsverschulden zur Last legen, heißt es in dem Brief. Tatsächlich kann sich die Bank auf ein Urteil des Duisburger Landgerichts vom Februar dieses Jahres berufen.Nach Meinung der Landrichter konnte der Erwerb der Fokker-Anleihe zumindest bis November 1995 als sichere Anlage angesehen werden.Die Kreditinstitute hätten nicht auf das "bloß theoretisch bestehende" Insolvenzrisiko von Fokker hinweisen müssen, so die Richter.Doch ob diese Rechtsauffassung auch in der nächsten Instanz Bestand haben wird, ist überaus fraglich.So legt das "Bond-Urteil" des Bundesgerichtshofs strenge Maßstäbe an eine anlegergerechte Beratung an, und erst kürzlich forderte das Oberlandesgericht Koblenz, daß eine Bank einen Kunden selbst dann über mögliche Risiken einer Geldanlage aufklären muß, wenn sie das Papier für sicher hält. Ob der Anlageberater, der noch im Januar 1996 der verwitweten Claudia Sam-Doess zur Fokker-Anleihe riet, von seinem Tip überzeugt war, dürfte sich heute nur noch schwerlich klären lassen.Und wer was gesagt hat, läßt sich nur noch in den wenigen Fällen rekonstruieren, in denen Zeugen beim Anlagegespräch dabei waren.Kein Wunder also, daß es den geprellten Anlegern bisher selten gelang, die Banken haftbar zu machen.Den einen oder anderen Vergleich soll es inzwischen gegeben haben, heißt es, doch die Beteiligten haben sich zum Stillschweigen verpflichtet; wer plaudert, gefährdet das Erreichte. - Den Kontakt zu Rita Schmidt vermittelt Christine Mögling (Tel.: 815 98 11).

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