Wirtschaft : Mit gutem Gewissen Schenken und Schlemmen

CORINNA VISSER

BERLIN .Matthias aus Berlin ist elf Jahre alt und spielt Fußball mit Leidenschaft.Zu Weihnachten soll er endlich einen neuen Ball bekommen.Shezadi aus Pakistan ist auch elf Jahre alt.Seit fast zwei Jahren näht sie Fußbälle - zwei halbe Bälle am Tag, manchmal schafft sie auch vier."Wenn ich nicht arbeite", sagt sie, "wer gibt uns dann zu essen?" Zum Spielen hat Shezadi nie Zeit.

Arbeits- und Menschenrechtsorganisationen schätzen, daß rund 7000 Kinder in den Nähwerkstätten in Sialkot arbeiten, dem pakistanischen Zentrum der Sportartikelindustrie.Die Kinder arbeiten bis zu zehn Stunden täglich, an einen Schulbesuch ist dabei nicht zu denken.Wer vermeiden möchte, daß seine Kinder unterm Weihnachtsbaum mit einem Fußball spielen, der von Kindern in Pakistan in sklavenähnlicher Arbeit zusammengenäht wurde, der kann ein Produkt aus fairem Handel kaufen, das garantiert ohne Kinderarbeit hergestellt wurde.

Die gepa, die Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt, hat anläßlich der Fußballweltmeisterschaft das Projekt "Fair Pay, Fair Play" gestartet und inzwischen rund 120 000 fair gehandelte Bälle verkauft.Die gepa zahlt einen um 25 Prozent höheren Exportpreis.Aus diesem Mehrpreis werden höhere Löhne, ein Sozialversicherungsfonds und ein Dorfentwicklungsprogramm finanziert.Um Kinderarbeit zu bekämpfen, reicht es nicht aus, sie zu verbieten.Erst der faire Preis bringt den Produzenten ein besseres Einkommen, das Kinderarbeit überflüssig macht.

Bei der Handelsgesellschaft gepa fing 1975 alles mit dem Kaffee an.Heute gibt es außer Lebensmitteln (Tee, Süßwaren, Getreide, Wein und Bananen), Spielwaren, Heimtextilien und Kunsthandwerk aus dem fairen Handel.Wer noch Geschenkideen für den Gabentisch sucht, kann auch im Weihnachtskatalog des Otto Versands blättern.Wie bereits im letzten Jahr hat Otto in seinem Katalog zwei Seiten für gepa-Produkte reserviert.Unter anderem sind Weihnachtsschmuck aus den Philippinen, Körbe aus Ghana und Kenia und ein Angelspiel aus Sri Lanka im Angebot."Besonders das Spielzeug und die Geschenkartikel sind sehr gut angekommen", sagt Johannes Merck, Leiter der Umweltkoordination des Otto Versand.

200 000 DM setzte Otto mit den Produkten aus dem fairen Handel um."In diesem Jahr sind die Umsätze deutlich besser", sagt Merck.Es sollen über 300 000 DM werden - bei einem Gesamtumsatz von 5,4 Mrd.DM immer noch ein sehr kleiner Betrag.Aber der Konzern will das Engagement weiter ausbauen."Ethische Gesichtspunkte spielen in unserer Unternehmensführung eine große Rolle.Da ist es naheliegend, daß wir auch Verantwortung übernehmen für die Menschen, die die Produkte, die wir verkaufen, produzieren", sagt Merck.Und schließlich müsse sich das Unternehmen auch auf die Wünsche und Ansprüche der Kunden einstellen, die eben auch nach fair gehandelten Produkten fragen.

Die Idee "Hilfe durch Handel" hat auch bei der britischen Kosmetikfirma Body Shop konkrete Formen angenommen.Body Shop bezieht zum Beispiel Kakaobutter von 70 Kooperativen aus Ghana, die 1994 zum ersten Mal Gelegenheit hatten, direkt und unabhängig auf dem Markt tätig zu werden.Haarschmuck kauft Body Shop unter anderem in einer Behindertenwerkstatt in Kenia ein.Auch an den Massage-Handschuhen aus Mexiko hängt das Schild "Hilfe durch Handel".Sie werden in drei Kooperativen hergestellt, in denen sich 600 Nanhu-Indianerinnen zusammengeschlossen haben, um sich und ihre Kinder zu ernähren.Body Shop ist davon überzeugt, daß sich soziales Engagement und finanzieller Erfolg nicht ausschließen müssen.Erklärtes Ziel ist es, langfristige und faire Geschäftsbeziehungen zu Produzenten und Handelspartnern in der ganzen Welt aufzubauen.Und die deutschen Verbraucher können sich mit guten Gewissen pflegen und schmücken.

Wer zu Weihnachten gut und fair schlemmen möchte, kann beim Einkaufen auch auf das TransFair-Zeichen auf Kaffee, Honig, Bananen und anderen Lebensmitteln achten.Seit fünf Jahren stehen die Produkte mit dem Gütesiegel in den Regalen von Supermärkten und Naturkostläden.TransFair ist keine Handelsorganisation, sondern ein Verein, der Lizenzen an Importeure und Händler vergibt, die Mindestpreise und einen Zuschlag an die Produzenten im Süden zahlen.Sie können ihre Produkte dann mit dem TransFair-Siegel kennzeichnen.TransFair kontrolliert, ob in den Produktionsstätten soziale Standards eingehalten werden, also etwa keine Kinder dort arbeiten.Von den Mehreinnahmen aus dem fairen Handel werden Entwicklungsprojekte finanziert.Inzwischen gibt es rund 50 Kaffeesorten mit dem Siegel - da ist bestimmt eine dabei, mit der man das Weihnachtsessen mit gutem Gewissen krönen kann.

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