Wirtschaft : "Mit Inflations-Angsthasen hätten wir in den USA keinen solchen Aufschwung gehabt"

Herr Stiglitz[die US-Wirtschaft wächst],w

Der Ökonom Joseph E. Stiglitz über die New Economy in den USA und die Chancen Europas

Joseph E. Steglitz, der Ende 1999 als Chef-Volkswirt der Weltbank zurücktrat, zählt zu den bekanntesten Ökonomen der Welt. Zuletzt gab es Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Weltbank-Chef James Wolfensohn, nachdem Stiglitz die Politik der Schwesterorganisation IWF kritisiert hatte. Der 57-Jährige will der Weltbank aber weiter beratend zur Seite stehen. Bevor Stiglitz 1997 zur Weltbank kam, war er Chef-Berater von US-Präsident Bill Clinton. Mit Stiglitz, der in Stanford lehrt, sprach Karin Birk in Berlin.

Herr Stiglitz, die US-Wirtschaft wächst und wächst. Die Inflation ist gering, die Arbeitslosenrate niedrig wie seit Jahren nicht. Ist das wirklich die New Economy?

Tatsache ist, dass es dramatische Veränderungen gegeben hat, die für sehr viel Dynamik in der US-Wirtschaft gesorgt haben. Wir haben in den Staaten viel Unternehmergeist und einen lebhaften Finanzmarkt, der junge Firmen mit genügend Risikokapital ausgestattet hat. Außerdem ist das Bildungsniveau in den vergangenen 20 Jahren stark gestiegen. Die Wirtschaft wurde so wettbewerbsfähiger und die USA immer stärker in die Weltwirtschaft integriert. Ein kritischer Punkt bei dem Erfolg dieser "New Economy" war aber, dass zu Beginn der Clinton-Regierung 1993 das langjährige Problem des Haushaltsdefizits noch immer nicht gelöst war. Es lag bei fast fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Heute erwirtschaften wir dagegen einen Überschuss.

Aber waren es nicht vor allem die neuen Technologien, die den USA einen Wachstumsschub brachten?

Natürlich, das meine ich mit Unternehmergeist. Am Anfang waren es vor allem neue Computer- und Softwarefirmen. Auch Biotechnologieunternehmen waren dabei. Und dann ging es mit dem Internet los. Sie sehen, die Innovation hatte viele Gesichter und ist relativ weit gefächert.

Welche Rolle spielte die Wirtschaftspolitik bei diesem Aufschwung?

Die Politik ist in verschiedener Hinsicht sehr wichtig gewesen: Zuerst einmal hat der Abbau des Haushaltsdefizits dazu beigetragen, Vertrauen zu schaffen. Vertrauen bei den Bürgern, dass die Regierung schließlich doch die Hauptprobleme angeht. Zweitens gab es eine Reihe von Gesetzesänderungen, die sehr hilfreich waren.

Woran denken Sie?

Zum Beispiel an das neue Telekommunikationsgesetz, bei dem ich eng mitgearbeitet habe. Es sorgte dafür, dass der Markt dynamischer wurde. Drittens gab es die Nafta und die Ergebnisse der Uruguay-Runde, die für eine weitere Integration in den Weltmarkt sorgten. Und viertens haben diese und andere Faktoren ein preisstabiles Umfeld geschaffen. Ein Umfeld, bei dem wir keine Notwendigkeit für eine Zinserhöhung gesehen haben.

Wenn Sie "wir" sagen, wen meinen Sie?

Ich war damals Vorsitzender des "Council of economic advisers" des Präsidenten und wir waren der Auffassung, dass es nicht nötig sei, das Wachstum der Wirtschaft zu drosseln. Einige Mitglieder der US-Notenbank sahen das ganz anders. Sie waren sehr besorgt über eine höhere Inflation. Aber sie hatten nicht Recht.

Hat sich die Notenbank letztendlich zurückgehalten?

Ja, und das war auch gut so. Und ich betone bei der Gelegenheit auch immer, dass diese Politik, die das Wachstum begünstigte, die beste Sozialpolitik war. So konnten nicht nur die Sozialhilfeausgaben zurückgefahren werden. Die Politik half auch, die Kriminalität zu senken, denn die Menschen hatten einfach Arbeit.

Das hört sich gut an. In Europa, vor allem in Deutschland, sieht es anders aus. Was haben wir falsch gemacht?

Ich glaube, ganz Europa war in seiner Geldpolitik zu restriktiv. Man hat sich zu viele Gedanken um die Inflation und zu wenige um Wachstum und Beschäftigung gemacht. Auch in den USA hatten wir eine Debatte darüber, ob wir die Charta der Notenbank ändern sollten, die sich bis dahin der Preisstabilität, der Beschäftigung und dem Wachstum verpflichtet fühlte. Wir diskutierten, ob die Fed sich auch nur auf die Preisstabilität konzentrieren sollte. Ich vertrat aber sehr vehement den Standpunkt - und der Präsident unterstützte diese Ansicht - dass wir alle drei Kriterien im Blick behalten sollten.

Warum?

Ganz einfach. Eine erfolgreiche Wirtschaft braucht auch Wachstum und Beschäftigung. Und hätten sich in den USA die Inflationsangsthasen durchgesetzt, hätten wir nie den Boom gehabt. Sie hätten die Wirtschaft viel früher gestoppt. Das heißt, Deutschland sollte nicht nur auf die Inflation, sondern auch auf das Wachstum und die Beschäftigung achten.

Worauf sollten wir noch schauen?

Sehen Sie, in den USA wird es vielmehr als anderswo auf der Welt akzeptiert, dass junge Leute etwas ausprobieren können. Und wenn sie dabei ihren Job verlieren, dann finden sie anderswo wieder einen neuen. Die US-Regierung sieht sich dafür verantworlich, dass die Leute das Wissen und die Fähigkeiten bekommen, ihr Leben lang berufstätig zu sein. Aber sie sagt auch, dass es keine Garantie für einen lebenslangen Job gibt. Außerdem arbeiten wir an übertragbaren Pensionen. Wenn jemand ein Unternehmen verlässt, soll er seine Pensionsansprüche mitnehmen können. Also ein ganzes Bündel von Regelungen, die es einfacher machen, von einem Job zum nächsten zu wechseln. Kurzum, die Regierung muss dafür sorgen, dass Leute eine lebenslange Beschäftigungsfähigkeit haben. Sie ist aber nicht für einen lebenslangen Job verantwortlich.

Deutschland kann sich also bei der Flexibiltät der Arbeitsmärkte eine Stück von den USA abschneiden?

Ja, aber auch wir schauen uns um auf der Welt und untersuchen verschiedene Modelle. Wir fragten uns beispielsweise, wie wir die Chancen derer verbessern können, die nicht zum College gehen. Wir haben zwar in USA viel für die College-Absolventen getan. Sie finden leicht einen Job. Doch bei der High-School reicht es noch nicht aus. In Deutschland zum Beispiel schauen wir uns deshalb das duale Ausbildungssystem genauer an.

Und nun zur Steuerpolitik, was können wir hier voneinander lernen?

Die Details der deutschen Steuerpolitk kenne ich zu wenig. Tatsache ist, dass nicht nur die Höhe der Steuersätze von Bedeutung ist. Wichtig ist auch, wie das Steuersystem aufgebaut ist. Ein Sektor sollte nicht gegenüber einem anderen benachteiligt werden. Entscheidend ist aber auch, wie hoch die Regularien sind, die ein Staat manchmal seinen Bürgern und Unternehmen aufbürdet. Wir haben deshalb in den Staaten versucht, unser Steuersystem effizienter, einfacher und fairer zu gestalten. Aber auch wir haben noch einen langen Weg zu gehen.

Eine letzte Frage, Herr Stiglitz: Die USA haben jetzt Stanley Fischer als Gegenkandidat zu Caio Koch-Weser als Chef des Internationalen Währungsfonds nominiert. Wen halten Sie für den geeigneteren Bewerber?

Kein Kommentar. Nur soviel: Stanley Fisher war einer meiner Studenten am MIT (Massachusetts Institute of Technology). Und Koch-Weser war ein sehr enger Kollege von mir bei der Weltbank.

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