Wirtschaft : Mit Löbbecke sitzt auch Cariplo in den Nesseln

FRIEDHELM GRÖTEKE

Milliardenverlust in Berlin und Süditalien belasten die größte Sparkasse der Welt / Partner werden gesuchtVON FRIEDHELM GRÖTEKE

MAILAND - Bis vor zwei Jahren zeigte die Verwaltung der Cassa di Risparmio delle Provincie Lombarde in Mailand, kurz Cariplo genannt, mit Freude und Genugtuung den Hochglanzprospekt her, auf dem in goldenen Lettern "Bankhaus Löbbecke & Co, Geschäftsbericht" zu lesen stand.Nach dem Verlust von 647 Mill.DM, den die größte Sparkasse der Welt sich für das Geschäftsjahr 1996 mit diesem deutschen Aushängeschild einhandelte, beißt die Verwaltung eher die Zähne zusammen und rechnet durch, was dieses Engagement nicht nur an finanzieller Einbuße, sondern auch an Machtverlust kosten kann.Im mächtigen historischen Verwaltungssitz konnte nichts so ungelegen kommen wie das Debakel in Berlin.Denn das drittgrößte Kreditinstitut Italiens muß nicht nur bei ihrer nördlichsten Tochtergesellschaft, sondern auch bei einigen Sparkassentöchtern in Süditalien Verluste ausbügeln, die alle zusammen fast 2 Mrd.DM erreichen.Nur mit großer Mühe weist die Cariplo als Muttergesellschaft für sich selbst ein ausgeglichenes Ergebnis vor. Einen derartigen Aderlaß hat die 1823 gegründete Finanzgruppe noch nie erlebt.Seit ihrem Beginn gedieh die Sparkasse als Sammelstelle des Kapitals im reichen Teil der Lombardei, die ihren Wohlstand zu gleichen Teilen aus der ergiebigen Landwirtschaft, dem Gewerbe und dem Handel bezog.Mit dem Aufschwung Mailands und seiner Umgebung zum größten italienischen Industrie- und Handelszentrum wuchs die Bedeutung der Cariplo auch als Finanzierungsinstrument für öffentliche Infrastrukturen.So voll die Kasse auch wurde: Bis vor zwei Jahrzehnten blieb Cariplo bodenständig. Politisch grundsätzlich katholisch-universal, ließ sich die Kasse nie von den linken Stadtherrschaften in Mailand vereinnahmen.Mit dem vorletzten Präsidenten Roberto Mazzotta, der vor zwei Jahren im Zusammenhang mit der illegalen Parteienfinanzierung gehen mußte, hatte ein einflußreicher Christdemokrat ­ er war vorher Vizepräsident der Democrazia Cristiana ­ das Steuer des mächtigen Instituts in der Hand.Er förderte nicht nur die inzwischen für alle italienischen Banken notwendige Internationalisierung, sondern ließ sich auch dazu herbei, sein Institut als Rettungsanker für notleidende Sparkassen natürlich christdemokratischer Prägung in Süditalien zu benutzen.Ob dies freiwillig mit der Spekulation darauf geschah, ein Imperium im Mezzogiorno aufzubauen oder ob Mazzotta einem Wink aus Rom folgen mußte: Die Intervention im Süden wurde zur Katastrophe. Vor allem haben die beiden Sparkassenbünde von Apulien und Kalabrien, die nun mehrheitlich der Cariplo gehören, in den letzten drei Jahren einige Mrd.DM verschlungen.Grund dafür ist eine unerhörte Finanzkrise in Süditalien, die auch die öffentlich-rechtlichen Institute Banco di Napoli als größte Bank des Südens und Banco di Sicilia in den Abgrund rissen.Noch sind diese Verluste bei weitem nicht abgewiêkelt.Allein Banco di Napoli und Banco di Sicilia kosten den Staat mit Sicherheit mehr als 10 Mrd.DM.Rom muß durch komplizierte Manöver andere staatliche Banken und Abwicklungsinstitute als Zwischenstationen benutzen, denn die Staatskonten können mit Rücksicht auf Maastricht nicht offen dafür einstehen.Außerdem hat Rom auch gar nicht mehr die Mittel dafür.Das Unglück der Sparkassen Süditaliens überläßt der Staat folgerichtig der Mailänder Cariplo, denn erstens wollen die neuen Politiker nichts mehr mit der Vergangenheit des alten Parteienregimes zu tun haben ­ auch wenn nach wie vor Exponenten der alten politischen Garde in der Regierung, der Staatsverwaltung und auch der Cariplo-Führung vertreten sind.Und zweitens geht es bei der römischen Finanzkrise nach dem Motto: Rette sich, wer kann. Und die Cariplo kann sich selbst retten.Schließlich ist sie in Italien die Nummer eins für Kundeneinlagen.Sie hat einen treuen und reichen Stamm von 1,6 Millionen Sparkunden.Das Stammgeschäft ist kerngesund.Die Cariplo selbst hat den höchsten Betriebsüberschuß unter allen Kreditinstituten Italiens.Sie wurde vor drei Jahren Aktiengesellschaft mit dem Ziel einer Privatisierung.Ihr innerer Wert wird auch nach dem Aderlaß auf umgerechnet 10 Mrd.DM geschätzt. Dieser Wert liegt in den Händen einer Stiftung.Die Stiftung gehört vor allem den lombardischen Provinzen.Entsprechend den uralten Statuten wird die Stiftung als "Moralische Anstalt" von einer "Commissione Centrale di Beneficenza", also einer Wohltätigkeitskommission, geleitet.Laut Statut muß der Teil des Gewinns, der nicht in die Rücklagen übernommen wird, für wohltätige und soziale Zwecke, für institutionelle Aufgaben, zur Förderung der Wissenschaft und Kunst verwendet und vergeben werden. "Aber wir wollen nicht das Rote Kreuz für notleidende Sparkassen sein", seufzt die Verwaltung inzwischen.Tatsächlich bleibt ihr jetzt kaum etwas anderes übrig, als die schmerzliche Phase der Sanierung in Nord und Süd durchzustehen.Gleichzeitig muß die Cariplo aber je einen starken inländischen und ausländischen Partner suchen.Roms Notenbank als Aufsichtsbehörde für das Kreditwesen hat Italiens Banken aufgefordert, sich für den europäischen Wettbewerb besser zu organisieren und zusammenzuschließen.Derzeit führt die Cariplo Gespräche mit dem in Mailand ansässigen Institut Banco Ambrosiano Veneto, das ebenfalls katholischen Einschlag zeigt.Die Filialketten beider Institute würden sich nicht allzu stark überschneiden, denn Banco Ambrosiano ist vor allem in Nordostitalien stark, könnte das Kapital um 3 Mrd.DM erhöhen und damit fast ein Drittel von der Cariplo übernehmen.Wenn dann noch ein starker Ausländer käme ­ möglichst sparkassen-volksnah und katholisch ­ wäre das neue Modell perfekt.Ein ausländischer Verbündeter der Banco Ambrosiano ist die Münchner Hypobank.

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