Wirtschaft : Mit neuer Kraft

Detlef Wetzel, Gewerkschafter aus Nordrhein-Westfalen, will an die Spitze der IG Metall

Alfons Frese
Warnstreiks in der NRW-Metallindustrie haben begonnen
Saufirmen und Riesenschweine. Der Gewerkschafter kann auch zu deftiger Rhetorik greifen. Foto: ddpddp

Berlin - Die 35-Stunden-Woche kennt Detlef Wetzel nicht. Der Arbeitstag beginnt um acht und endet am späten Abend. Termine, Gespräche, Verhandlungen. Es wird viel gearbeitet in der ersten Reihe der deutschen Arbeiterbewegung. Wetzel ist Chef der IG Metall in Nordrhein-Westfalen, mit rund 600 000 Mitgliedern der größte Landesverband der Gewerkschaft. Damit hat Wetzel mehr Mitglieder als die SPD im gesamten Bundesgebiet (550 000). Und die Leute wollen betreut werden. Im Audi A6 lässt sich der Bezirksleiter durchs Land fahren, knapp 100 000 Kilometer im Jahr. Die Arbeitsweise des Spitzenfunktionärs ist wenig spektakulär: „Zuhören und die Themen aufnehmen. Dann muss man sich zu den Themen verhalten und Aktivitäten entwickeln.“

Damit war der 54-Jährige ziemlich erfolgreich und setzt deshalb zum nächsten Karriereschritt an: Im Herbst möchte sich Wetzel auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall zum zweiten Vorsitzenden hinter Berthold Huber wählen lassen. Das möchten auch viele der 2,3 Millionen Mitglieder der IG Metall – nur der aktuelle Vorsitzende, Jürgen Peters, muss sich noch erklären. Sicher ist, dass Huber auf Peters folgt. Sicher ist auch, dass Huber gerne Wetzel an seiner Seite hätte. Aber was denkt Peters, gegen dessen Wahl vor vier Jahren sich der IG Metall-Chef von Siegen gestellt hatte? Der hieß damals Detlef Wetzel.

Im Sommer 2003 verlor die IG Metall den Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche im Osten. Gewerkschaftschef Klaus Zwickel versuchte anschließend mit allen Mitteln, Peters als seinen Nachfolger zu verhindern: Schließlich einigten sich die Gegner Peters und Huber und vereinbarten, dass Huber 2007 Nachfolger von Peters werden sollte. Offen dagegen blieb die Position des zweiten Mannes. Wetzel ist der Favorit, weil er in den vergangenen Jahren ziemlich erfolgreich war.

„Ich denke mir relativ wenig theoretisch aus, freue mich, wenn ich gute Ideen höre“, beschreibt sich der Siegerländer, der auffällig ruhig redet, sich Pausen gönnt und sich kaum aufzuregen scheint. Ihm geht es darum, dass Arbeitnehmer ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen; Teilhabe ist einer der Begriffe die er gerne und häufig benutzt. Geprägt habe ihn, den gelernten Werkzeugmacher, der auf dem zweiten Bildungsweg Fachabitur machte und dann Sozialarbeit studierte, die Zeit als Jugendvertreter. Und später dann die Stahlkrise, die das Siegerland ähnlich verheerend traf wie das Ruhrgebiet. Das war Anfang der 90er Jahre, und Wetzel machte sich auf, Ideen zu sammeln, um den Mitgliederschwund zu stoppen. Er selbst rief 20 Metaller an und ließ sich erläutern, warum sie ausgetreten waren. „Daraus sind Konzepte entstanden“, sagt Wetzel. „Grundsätzlich ziehe ich eine Schlussfolgerung aus dem, was mir die Leute sagen.“

Für seine Verhältnisse sehr ungwöhnliche Töne schlägt der Hobbyimker an, wenn er die Gespräche mit der Basis, mit Vertrauensleuten, Betriebsräten und Funktionären, als „Quell von Erkenntnis und Inspiration“ bezeichnet. Oder wenn er von „Saufirmen“ spricht oder einem „Riesenschwein“, in dessen Betrieb „fürchterliche Zustände“ herrschten. Das sind dann die Worte, mit denen ein Gewerkschaftsfunktionär die Basis in Wallung bringt. „Wenn es nötig ist, wird zugeschlagen.“ Gemeint ist aber, und das klingt schon viel weniger martialisch, „Konzepte und Werte, die wir für wichtig halten, mit aller Kraft umzusetzen“.

Zum Beispiel in den Betrieben. Das Kerngeschäft der Gewerkschaften ist die Tarifpolitik, das Ergebnis der Flächentarif. Doch der bröckelt seit Jahren. Weil Firmen nicht nach Tarif zahlen wollen, verlassen sie den Arbeitgeberverband oder treten erst gar nicht ein. Dann könnnen sie zahlen, was sie wollen. Unter dem Projektnamen „Tarif aktiv“ hat Wetzel mit seinen Leuten eine Gegenkampagne gestartet und die Belegschaften in den betroffenen Betrieben mobilisiert. Ergebnis: Von 50 Tarifflüchtlingen in NRW zahlen inzwischen 47 wieder Tarif oder orientieren sich am Tarif. Und die IG Metall hat Mitglieder gewonnen.

Früher, so sagt Wetzel, „erlebten viele Tarifpolitik nur in der Tagesschau“. Heute dagegen müsse sich jeder selbst beteiligen, die Zeit der Stellvertreterpolitik sei vorbei. Im Ergebnis bekommen „Belegschaften mit vielen Gewerkschaftsmitgliedern gute Tarife – und umgekehrt“. Die Zukunft der Gewerkschaft sieht Wetzel in der „verantwortlichen Beteiligung der Mitglieder“. In NRW hat er auf diesem Weg die Zahl der arbeitskampffähigen Betriebe erhöht, das sind jene mit mehr als 200 Mitarbeitern und einem Organisationsgrad von mindestens 60 Prozent.

„Besser statt billiger“ ist ein anderes Projekt, mit dem sich Wetzel profiliert. Es soll Betriebsräten und Belegschaften aus der Defensive helfen, „Kräfte freisetzen, gute Ideen sammeln, um Krisen im Betrieb zu vermeiden“. Statt den Arbeitnehmern an die Lohntüte zu gehen, sollen die Firmen ihre Innovations- oder Marketingschwächen bekämpfen. In Wetzels Worten an einen imaginären Unternehmer: „Bevor Du uns Geld abnimmst, besser’ Dich, arbeite an Deinen Fehlern, geh’ an die Ursache des Problems.“ Die Sache läuft, Betriebsräte aus 550 Unternehmen in NRW beteiligen sich inzwischen an „Besser statt billiger“.

Und Wetzel startet derweil die nächste Kampagne, diesmal mit dem Titel „Neue soziale Verantwortung – Initiative: Solidarität“. Dabei geht es um die Bekämpfung der Spaltung der Belegschaft durch den Einsatz von billigeren Leiharbeitern. Der alte gewerkschaftliche Grundsatz, „gleiches Geld für gleiche Arbeit“, gilt nicht mehr. Und da die Zeitarbeitnehmer zunehmend auch die eigentlichen Stammkräfte ersetzen, kann jetzt die IG Metall mit Hilfe eben der bedrohten Stammkräfte gegen diese Praxis vorgehen. „Wir haben zehn Fälle identifiziert, da läuft jetzt was“, kündigt Wetzel Rabatz an. „Wir wollen den zur Rede stellen, der meint, mit fünf Euro Stundenlohn könnte man seinen Lebensunterhalt bestreiten.“ Damit meint er auch die Politiker. „Man muss wieder gemeinsame Projekte finden“, sagt Wetzel über die künftige Zusammenarbeit mit den Parteien. Am besten mit ihm in der IG Metall-Spitze.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben