Wirtschaft : Mit Respekt

Werte erleben eine Renaissance in der Wirtschaft. Aber wie gelingt es, ihnen zwischen Profitstreben und Nachhaltigkeit treu zu bleiben? Junge Manager berichten.

Claudia Obmann
Höflich kommt weiter. Nicht nur die Queen sollte man respektvoll empfangen. Eine freundliche Begrüßung gehört zum guten Ton – und in vielen Firmen zur Unternehmenskultur.Foto: Manfred Thomas
Höflich kommt weiter. Nicht nur die Queen sollte man respektvoll empfangen. Eine freundliche Begrüßung gehört zum guten Ton – und...

Erst neulich gab es wieder diese Situation, die Michael Ilgner innerlich zerreißt: Der Chef der Deutschen Sporthilfe saß mit einer jungen Athletin zusammen, die ein verbotenes Medikament eingenommen hatte. Ihre Fahrlässigkeit hatte böse Folgen: „Mit einem Schlag war der Traum von der sportlichen Karriere geplatzt und in der Familie herrschte finanzielle Not“, sagt der 40-jährige Stiftungsmanager.

Denn wer von der Sporthilfe Geld erhält und des Dopings überführt wird, muss die Finanzspritze zurückzahlen. Das tut richtig weh, nicht selten fließen Tränen. „Am liebsten hätten wir darauf verzichtet, das Geld zurückzufordern. Aber das geht nicht, denn damit unterlaufen wir das Grundprinzip und würden unserer Verantwortung für alle geförderten Athleten nicht gerecht“, sagt Ilgner. Der frühere Wasserball-Nationalspieler konnte nur dafür sorgen, dass die Schülerin die Summe in kleinen Raten zurückzahlen darf.

Sich sportlichen Werten wie „Leistung, Fairplay und Miteinander“ verpflichtet zu fühlen, ist eine Sache, stets danach zu handeln, jedoch eine völlig andere. Dieser Konflikt zeigt sich erst recht im Unternehmensalltag. So ergibt die neue Studie der Wertekommission unter rund 300 deutschen Führungskräften zwar insgesamt eine Renaissance der Werte: Mit je 70 Prozent bilden „Verantwortung“ und „Vertrauen“ die Hauptsäulen des Wertegerüsts für die Wirtschaft, gefolgt von „Integrität“. Ihre Bedeutung für Unternehmen wird somit aktuell höher als in den drei vorherigen Befragungen eingeschätzt und dürfte sogar noch weiter steigen, glauben immerhin rund 80 Prozent der Befragten. Allerdings zeigen sich auch rund 15 Prozent der Teilnehmer skeptisch.

Gerade Manager zwischen 36 und 45 Jahren sind kritischer als ihre älteren Kollegen, wenn es darum geht, wie viel Gewissen man sich im Berufsleben leisten kann. Und darum, welche Präferenz siegt, wenn sich Mitarbeiter und Manager entscheiden müssen zwischen Gewinnstreben und Nachhaltigkeit, Bonus und Regeltreue oder Teamgeist und Ehrgeiz. Besonders in der jungen Altersgruppe, die sich oft selbst in der heißen Karrierephase befindet, werden Werte-Konflikte besonders stark erlebt. Es geht um die Schlüsselfrage: Lässt sich das Ideal im Druck des Tagesgeschäfts wirklich umsetzen oder ist alles nur ein Lippenbekenntnis?

Den praktischen Nutzen von Unternehmenswerten messen die unter 45-Jährigen daher auch nicht so stark an den in Firmen-Broschüren oder auf Webseiten postulierten Leitlinien, sondern daran, wie sie sich in Konflikten bewähren. „Werte geben Orientierung“, weiß Michael Ilgner aus Erfahrung.

Denn zu Ilgners Verantwortung als Stiftungsmanager zählt es auch, dass sich niemand mit der Sportförderung zu Unrecht ein Saubermann-Image verpasst. So könnte seine Organisation zum Beispiel durchaus üppige Förderbeiträge aus der Sportwetten-Branche erhalten. „Aber solange sich dieser Glücksspielbereich in der gesetzlichen Grauzone befindet, müssen wir diese Unterstützung ablehnen. Angesichts der sehr bescheidenen finanziellen Mittel in vielen Sportarten – gerade bei Nachwuchsathleten – ist diese Entscheidung sehr hart“, sagt Ilgner.

Wie schwierig es mitunter ist, der Moralapostel zu sein, weiß auch Holger Follmann. Er gehört wie Ilgner der Wertekommission an, die heute rund 1400 Chefs und Führungskräfte zählt, die sich für wertgeleitetes Verhalten im Wirtschaftsleben einsetzen.

Der heute 41-jährige Unternehmer hat nach seiner Ausbildung zum Sparkassenfachwirt zügig die Karriereleiter erklommen und es bis zum Vorstand eines Dienstleistungsunternehmens für Versicherungen gebracht, bevor er sich 2005 selbstständig machte. Als Chef von rund 200 Mitarbeitern entließ er damals einen seiner besten Fachleute, weil „der ein solch arroganter Stoffel war, der es für unnötig hielt, die Pförtnerin zu grüßen und es auch allen anderen Mitarbeitern und Kollegen gegenüber an Freundlichkeit und Höflichkeit mangeln ließ.“ Der IT-Spezialist habe die Stimmung solcherart vergiftet, dass sich Follmann nach mehrfachen Gesprächen und einer Abmahnung schließlich von ihm trennte.

Das war schmerzlich, aber konsequent. Denn „ich sage meinen Leuten, es gibt Dinge, an die wir uns alle halten müssen: Jedem Menschen Respekt zu zollen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Einkommen, Beruf, Religion oder geschlechtlicher Orientierung – ist für mich eine Grundvoraussetzung für ein verträgliches Miteinander. Aber eben auch für den Erfolg eines Unternehmens.“

Dass seine Gradlinigkeit aber bei Vorgesetzten oder Eigentümern nicht immer nur Zustimmung findet, musste Follmann selbst erleben. Als er es sich zuvor in einem anderen Unternehmen einmal leistete, die Ausführung eines ausländischen Auftrags abzulehnen, bei dem ihm das Zustandekommen zweifelhaft erschien, hatte das zur Folge, dass der junge Manager als „Blockierer“ galt und er wenig später seinen Hut nahm.

Seitdem er sein eigener Chef ist, verfährt Follmann, der heute unter anderem im Wirtschaftsbeirat der Privatbank Hauck & Aufhäuser tätig ist, erst recht nach seiner Devise: „Kapital lässt sich beschaffen, Fabriken kann man bauen, Menschen muss man gewinnen.“ Respekt verschafft man sich nun mal nicht mit dem Ellbogen, sondern mit Aufrichtigkeit.

Vertrauen, Verantwortung, Ehrlichkeit, Respekt – das Ideal des ehrbaren Kaufmanns ist doch von gestern? Erst recht in so schnelllebigen Branchen wie der Internet-Szene, dem Investment-Banking oder in den Medien? Überhaupt nicht, findet Julia Richter, ebenfalls eine der jüngsten Führungskräfte, die sich in der Wertekommission engagieren.

Bevor die 39-Jährige Verkaufsleiterin bei Axel Springer Media Impact mit rund 120 Mitarbeitern wurde, leitete die Diplom-Kauffrau, die sich selbst als „Werte-Fan“ bezeichnet, den Bereich Konzernentwicklung des Hamburger Verlagshauses. Eines der Projekte, das sie dort geleitet hat, war ein interner Verhaltenskodex. „Die Details festzulegen, war schwierig“, sagt Richter im Rückblick auf ihr Projekt, bei dem in praxisnahen Beispielen typische Gewissensentscheidungen dargestellt werden.

„Ob Einladungen oder Geschenke, „die Mitarbeiter wissen in der Regel instinktiv, was richtig ist und was der Glaubwürdigkeit als Verkäufer schadet“, sagt Richter. Dennoch soll der neue Kodex als Werte-Kompass dienen. Besonders sensible Bereiche sind der Einkauf, der Anzeigenvertrieb und die Redaktionen.

Gewissensentscheidung geht vor Geschäft. „Wenn ich zum Beispiel eine Anzeige ablehne, weiß ich, dass meine Vorgesetzten hinter mir stehen.“ Der Kodex gilt seit 2011. „Wir sind momentan in der Sensibilisierungsphase“, sagt Richter, die zunächst eine Banklehre absolvierte und ihren Berufseinstieg als Unternehmensberaterin fand.

Richter hat die Erfahrung gemacht: „Hat ein Konzept Hand und Fuß, verschafft das auch Sicherheit über die Richtigkeit seiner Umsetzung.“

Die junge Chefin weiß nur zu gut, was die Hauptsache ist, um Werte für nachhaltigen Erfolg im Unternehmensalltag zu verankern – und damit ist sie sich mit 95 Prozent der von der Kommission befragten Führungskräfte aller Altersklassen einig: „Sie können noch so viele Regeln aufstellen, das Wichtigste ist und bleibt das Vorbild des Vorgesetzten, an dem sich die Mitarbeiter orientieren. Er muss die Werte und Regeln vorleben.“ HB

Michael Ilgner (40) lässt keine Ausnahme zu. „Denn damit würden wir unserer Verantwortung für alle geförderten Athleten nicht gerecht“, sagt der Chef der Deutschen Sporthilfe.

Julia Richter (39) hat für ihr Unternehmen einen interner Verhaltenskodex entwickelt. „Die Details festzulegen, war schwierig“, sagt die Verkaufsleiterin bei Axel Springer Media Impact

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