Wirtschaft : Mit Rückenwind

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Berlin - Die Schwiegermutter ist glücklich und stört nicht weiter. „Wir wachsen wieder zusammen“, sagt Daniel Fikuart über die Familie und meint: Wir fahren wieder zusammen. Die Schwiegermutter sitzt bei Radtouren nun auf einem Elektrofahrrad und hält mit Hilfe des Motors mit dem Rest der Truppe mit. „Wir stehen am Anfang einer grandiosen Entwicklung“, glaubt der nicht minder glückliche Schwiegersohn. Fikuart, Chefredakteur der Zeitschrift „aktiv Radfahren“, kennt die Szene. Das E-Bike, dessen Anfänge noch mit einem gewissen Reha- Touch belastet waren, revolutioniert die Branche. „Es gibt einen größeren Boom als Anfang der 90er Jahre bei den Mountainbikes“, glaubt Fikuart. Wenn die Deutschen sich die Niederländer zum Vorbild nehmen – dort ist jedes vierte verkaufte Fahrrad ein E-Bike, hierzulande erst jedes 30. – dann könnte er recht behalten.

Der Elektrohype hat die deutsche Zweiradindustrie auch stabil durch das Krisenjahr 2009 gebracht. Weil E-Bikes mit 1500 bis 2000 Euro deutlich mehr kosten als konventionelle Räder, stieg der durchschnittliche Verkaufspreis eines Fahrrads 2009 von 387 auf 446 Euro. „Trotz sinkender Stückzahlen haben wir deshalb den Branchenumsatz um rund sieben Prozent auf 1,8 Milliarden Euro steigern können“, sagt Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV). „Wir sind nicht unglücklich.“ Insgesamt etwas mehr als vier Millionen Fahrräder wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft, davon 150 000 E-Bikes. Aktuell hat damit jeder deutsche Haushalt im Schnitt 2,8 Fahrräder, 69 Millionen sind es in der Summe. „Das Fahrrad spielt in der Gesellschaft eine immer größere Rolle“, formuliert Neuberger.

Guido Golling besitzt mehrere Fahrräder, vor allem vom hessischen Hersteller Rotwild, der wie der überwiegende Teil der deutschen Firmen die Räder selbst entwirft und entwickelt, die einzelnen Komponenten aber in Asien produzieren lässt; Rotwildpreise liegen zwischen 2600 und 8500 Euro. Golling ist der Kopf des Münchener Designerteams 5TH Dimension, das für die Sportartikelindustrie arbeitet. Fahrräder, ganze Radkollektionen, Aufkleber, Farben oder die Abstimmung von Komponenten – die Münchener haben reichlich Expertise rund ums Rad. Golling spricht vom „emotionalen Erlebnis der Fortbewegung durch Muskelkraft“ und unterscheidet drei Räder: das Alltagsgerät, das Sportgerät und das Imageprodukt. In allen Kategorien gehe die Entwicklung weg vom Drahtesel. „Style- und Image-Aussagen werten das Rad auf“, sagt Golling. „Das Rad ist nicht mehr das verkannte Produkt, das man am Bahnhof stehen lässt.“ Der Designer und Freizeitfahrer sieht das Rad auf einer „neuen Bewusstseinsebene“ – wegen der Umweltverträglichkeit, der hohen Mobilität und weil es schick ist. Wie Fixies und Singlespeeds in der Großstadt.

Die neue Wertschätzung zeigt sich in der Zahlungsbereitschaft der Kunden, die vermehrt im Fachhandel kaufen. Der Anteil der hier abgesetzten Fahrräder stieg 2009 auf 68 Prozent. „Discounter und Baumärkte verlieren Marktanteile“, sagt ZIV-Geschäftsführer Neuberger. Immer besser ins Geschäft kommen große Fachmärkte wie Stadler, die vom Billigrad bis zum Sportgerät alles bieten. „Wir versuchen, auch die Kunden von Aldi, Lidl & Co. abzuwerben“, sagt Josef Zimmerer, Berliner Niederlassungsleiter von Stadler. Aktuell bietet der Händler ein Dreigang-Fahrrad mit Stahlrahmen für 177 Euro an. „Wir gehen bei der Kalkulation auch mal in die Knie“, räumt Zimmerer ein. Die Hälfte des Umsatzes macht Stadler mit Rädern, den Rest je zur Hälfte mit Teilen und Bekleidung.

Das Drumherum spielt für die Fahrradkunden eine immer größere Rolle: Klamotten, Radreisen, Rennen. Die jüngste Ausgabe des Magazins „Rennrad“ listet allein Hunderte von Radrennen hierzulande und im Alpenraum auf. Zu den Klassikern gehört der Ötztaler Radmarathon über 238 Kilometer und 5500 Höhenmeter. Die Teilnehmerzahl ist auf 4000 beschränkt, und da sich bis zu 20 000 die Berge hochquälen wollen, entscheidet das Los. Allein für die Teilnahme am Losverfahren ist eine Gebühr fällig – ein schönes Geschäft für die Veranstalter.

„Trotz Doping boomt der Radsport unwahrscheinlich“, sagt „Rennrad“-Chefredakteur Michael König. Und zwar seit dem Tour-Sieg von Jan Ullrich 1997. Und wer, zum Beispiel aus Altersgründen, die Berge nicht mehr hochkommt, der nimmt sich einen Motor zu Hilfe. Bei den Elektrorädern gibt es die „Schnelle Klasse“, die bis zu 45 km/h erreicht, dann aber auch Außenspiegel und Führerschein braucht. Die gängigen Elektroräder, für die rund 1500 Euro fällig sind, fahren nicht schneller als 25 Stundenkilometer. Das reicht normalerweise, vor allem für Ältere. Deren Radreichweite, so hat die Wissenschaft festgestellt, liegt bei 15 Kilometer in der Woche. Mit einem E-Bike sind es dagegen 60 Kilometer.

Ob elektrisch oder mit Muskelkraft – bei schlechtem Wetter geht wenig, auch für Hersteller und Handel. Nach dem langen Winter hoffen alle auf eine sonnige Saison 2010. „Die ersten beiden Monate waren hart“, sagt Siegfried Neuberger. „Jetzt muss schönes Wetter kommen.“

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