Wirtschaft : Mit Rückgabegarantie

Ölstaaten nutzen Milliardeneinnahmen für Investitionen. Die deutsche Wirtschaft profitiert

Bernd Hops

Während die deutschen Autofahrer über die immer höheren Spritpreise klagen, pumpen die Förderländer so viel Öl aus dem Boden, wie es nur geht. Sie verdienen prächtig daran. Die unverhofften zusätzlichen Milliarden werden aber nicht einfach etwa von den Golfstaaten verpulvert, sondern investiert – zum Beispiel in Raffinerien, Wasserwerke oder auch in den Aufbau eines Eisenbahnnetzes.

Davon profitiert besonders die deutsche Wirtschaft. „Deutschland hat einen deutlichen Handelsüberschuss mit der Region“, sagt Robert Dölger, der für Nordafrika und den Mittleren Osten beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zuständig ist. „Und in den vergangenen zwei, drei Jahren gab es deutliche Zuwächse beim Export.“ Helene Rang, Vorstandsmitglied des Nah- und Mittelostvereins (NUMOV), schätzt, die deutschen Unternehmen könnten mit Milliardenaufträgen rechnen. „Wir sind in einer absoluten Boomphase der Nachfrage nach deutscher Technik.“

Die Mitglieder der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), die für etwa 40 Prozent der weltweiten Produktion stehen, haben inklusive Irak zuletzt jeden Tag 29,7 Millionen Barrel (à 159 Liter) gefördert – Rohöl im Wert von fast 1,8 Milliarden Dollar (gut 1,4 Milliarden Euro). Nicht mitgerechnet ist Flüssiggas. Vor einem Jahr lag die Förderung gerade einmal 1,3 Prozent niedriger. Die Einnahmen waren aber um ein Drittel geringer. Und zur gleichen Zeit vor drei Jahren lag die tägliche Förderung fast 20 Prozent unter der heutigen. In die Kassen spülte sie 650 Millionen Dollar – nur ein Drittel der heutigen Einnahmen.

Das zusätzliche Geld bringt deutschen Firmen volle Orderbücher. Im ersten Halbjahr 2005 exportierte Deutschland laut BDI etwa nach Saudi-Arabien Waren im Wert von fast 1,9 Milliarden Euro – ein Plus von rund 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In den Iran gingen Produkte für 2,2 Milliarden Euro (plus 37 Prozent) und in die Vereinigten Arabischen Emirate von knapp zwei Milliarden Euro (plus 22,5 Prozent). Dabei verfolgen alle Länder vor allem ein Ziel: unabhängiger vom reinen Rohölgeschäft werden. „Diversifizierung ist gefragt“, sagt Dölger.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) wird viel Geld in den Aufbau von Hotelanlagen gesteckt. Und die Fluglinie Emirates ist ein guter Kunde des europäischen Flugzeugbauers Airbus. Andere Länder wie Saudi-Arabien wollen wiederum ihre Ölwirtschaft verbreitern. Schließlich könnten sie noch mehr verdienen, wenn sie etwa Benzin exportierten statt nur den Rohstoff. Deshalb wird in Raffinerien und petrochemische Anlagen investiert. Und davon profitieren wiederum deutsche Anlagenbauer wie MAN, Thyssen-Krupp oder Lurgi.

NUMOV-Vorstand Rang hat festgestellt, dass außerdem die Themen Wasser, Abwasser und Umwelt im Nahen Osten eine immer größere Rolle spielen. Zumal die Bevölkerungen stark wachsen und die nötige Infrastruktur zu deren Versorgung bereitgestellt werden muss. Jetzt ist auch das Geld da, um in diese Felder zu investieren. Führend bei der benötigten Technik sind: deutsche Unternehmen. Ebenso wie bei erneuerbaren Energien, die ebenfalls auf wachsendes Interesse der Golfstaaten stoßen – alles mit Blick auf die Zeit nach dem Öl.

Selbst der Bau einer Transrapid-Strecke von Katar nach Bahrain ist möglich. Entsprechende Überlegungen, die während der Arabienreise von Bundeskanzler Gerhard Schröder im vergangenen März angestellt wurden, sind nicht eingeschlafen. Ein Sprecher des Transrapid-Konsortiums betonte im Gespräch mit dem Tagesspiegel, dass es weiterhin Gespräche gebe. „Wir sind sehr optimistisch, dass wir zum Zuge kommen.“

Auch für die konventionelle Bahntechnik sind die Chancen gut. Martin Bay, Chef der Bahntochter DB ProjektBau und Aufsichtsratsvorsitzender der weltweit tätigen DE-Consult, erwartet insbesondere Investitionen in den Schienengüterverkehr, der bisher nur auf wenigen Strecken existiert. So plant Saudi-Arabien ein großes Güterverkehrsprojekt, das die Häfen Jeddah und Daman verbindet. Der Ausbau leistungsfähiger Güterbahnen im Nahen und Mittleren Osten bringe interessante Projekte für die nächsten 20 bis 30 Jahre, sagt Bay, der auch Vorsitzender des NUMOV ist. Hier könne auch deutsche Bahntechnik vermarktet werden. So liefen derzeit Verhandlungen über den Einsatz des in Zusammenarbeit mit der Bahn entwickelten deutschen Bahnkommunikationssystems GSM-Rail bei der Saudi-Arabischen Eisenbahn.

Aber die arabischen Ölländer bestellen in Deutschland nicht nur Waren und Know-how – sie beteiligen sich auch an hiesigen Unternehmen. So habe etwa Kuwait nach Schätzungen mehr als 15 Milliarden Euro in Deutschland angelegt, sagt BDI-Experte Dölger. Arabische Investoren seien „sehr zurückhaltend nach außen“, weshalb man auch relativ wenig von Beteiligungen höre. Die Investitionen seien aber willkommen: „Investoren aus der Region sind in der Regel an langfristigen Engagements interessiert“, sagt Dölger. „Und das kann nur in unserem Interesse sein.“

Eine ähnliche Strategie verfolgen auch andere Ölförderländer. Nicht nur durch den Ausbau der eigenen Wirtschaft, sondern auch durch Beteiligungen an ausländischen Firmen. Norwegen, der zweitwichtigste Öllieferant Deutschlands, hat 1996 einen Ölfonds aufgelegt, um sich gegen die Schwankungen bei den Öleinnahmen abzusichern. Damals ging es auch sehr schnell bergab mit den Einnahmen. Ende 1998 kostete ein Barrel Öl gerade einmal zehn Dollar – hart an der Grenze für die teure Förderung in der Nordsee. Doch mittlerweile ist der Ölfonds mehr als eine mittelfristige Versicherung. Ende des vergangenen Juni war er umgerechnet rund 140 Milliarden Euro wert, sagt ein Sprecher des Fonds. Und die norwegische Regierung rechnet bis 2008/09 mit einem Anwachsen auf etwa 350 Milliarden Euro. Davon steckt auch einiges in deutschen Unternehmen. Laut letztem Jahresbericht ist Norwegen an 62 hiesigen Aktiengesellschaften beteiligt. Von Adidas über die Deutsche Telekom bis zum Puppenhersteller Zapf Creation. Russland, der wichtigste deutsche Öllieferant, hat dagegen mit seinen Öleinnahmen lieber zunächst vor allem Schulden abgezahlt. Grafik: F. Bartel

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