Wirtschaft : Mit schnellem Brüter und Garzweiler II in der Kritik

JOBST-HINRICH WISKOW

RWE wird heute 100 Jahre alt / Wandel vom Energieversorger zum diversifizierten Konzern / Auch Otelo ist eine TochterVON JOBST-HINRICH WISKOW BERLIN.Der Energiekonzern RWE gibt sich gerne ganz modern.Er könnte in seiner Werbekampagne Schaufelradbagger und Maschinen, Baukräne und Wasserwerke abbilden, um zu zeigen, wie er sein Geld verdient.Aber in Hochglanzanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften präsentiert er sieben attraktive junge Damen, die den Betrachter herausfordernd anschauen - und die Geschäftszweige symbolisieren.Sollen das die Töchter eines Konzerns sein, der am Sonnabend 100 Jahre alt wird? RWE ist offenbar gut in Form.Die Marketing-Leute haben nicht nur die hübschen Töchter losgeschickt, sondern ihrem Unternehmen den kürzeren Namen mit den drei Buchstaben verpaßt.Der Vorstandsvorsitzende Dietmar Kuhnt hat dem weitverzweigten Betrieb Reformen verordnet: So hat RWE die Beteiligungen sortiert, vor allem ist der vormalige Energieversorger in neue Geschäftsfelder eingetreten - Beispiel Telekommunikation.Das fünftgrößte deutsche Industrieunternehmen, das über 137 000 Mitarbeiter beschäftigt und bei über 70 Mrd.DM Umsatz eine gute Mrd.DM Gewinn erwirtschaftet, bezeichnet sich nun selbst als "RWE - Die Zukunftsgruppe".Zu ihr gehören der Bauriese Hochtief, die Heidelberger Druckmaschinen und die RWE Entsorgung, Stromversorger RWE Energie, Mineralstoff-Verarbeiter und Tankstellenbetreiber DEA, Braunkohle-Förderer Rheinbraun, Maschinen- und Anlagenbauer Lahmeyer sowie der Telekommunikations-Innovator Otelo.Die RWE-Aktien gehören mit etwa 50 Mrd.DM Börsenkapitalisierung zu den wichtigsten 15 Papieren des Deutschen Aktien-Index (Dax) - zwar hinter den Düsseldorfer Mischkonzernen Veba und Thyssen, aber vor BMW, Hoechst und Viag. Vor 100 Jahren begann die Geschichte des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks.Der Industrielle Hugo Stinnes ließ das erste Kraftwerk in Essen errichten.Die Firma hatte ein Aktienkapital von 2,5 Mill.DM.Niemand konnte ahnen, daß daraus der größte deutsche Stromerzeuger werden sollte.Der Aufstieg des RWE begann, als sich die Agrargesellschaft des 19.Jahrhunderts in die Industriegesellschaft des 20.Jahrhunderts umwandelte.Stinnes war die treibende Kraft in der Aufstiegsphase des Unternehmens.Sein Imperium von Zechen, Eisen- und Stahlunternehmen, Maschinenbaufirmen, Papierfabriken, Zeitungen, Baubetrieben und Schiffahrtsgesellschaften war kaum durchschaubar.Als er 1924 starb, zerfiel sein Konzern.Doch das Elektrizitätswerk gedieh.Seit den 20er Jahren hielten die Kommunen die Mehrheit am Aktienkapital - noch bis in diesem Jahr.Kein Wunder, daß der Einfluß der Politik in der Zeit des Nationalsozialismus besonders stark wurde.Hitler skizzierte eine Autarkiepolitik, nach der Deutschland auf vielen Rohstoffgebieten eine hundertprozentige Selbstversorgung erreichen sollte.Im Vierjahresplan vom August 1936 standen als wichtige Projekte Kohlehydrierung und Aluminiumproduktion - energie-intensive Vorhaben, von denen der Essener Versorger profitierte. Zu den dunklen Jahren seiner Geschichte gehört auch die Zeit des Zweiten Weltkriegs.Wie viele andere deutsche Großkonzerne beschäftigte auch RWE Zwangsarbeiter, die in der letzten Kriegsphase im Versorgungsgebiet unterirdische Rüstungsbetriebe an die Stromversorgung anschließen mußten.Auch in den Zechenbetrieben wuchs der Anteil der Zwangsarbeiter an der Belegschaft rasch.Als der designierte Generaldirektor der RWE-Zechen, Wilhelm Ricken, im Kreis seiner Direktoriumskollegen sagte, die Nationalsozialisten gehörten aufgehängt, erfuhr der stellvertretende RWE-Aufsichtsratsvorsitzende Just Dillgardt davon.Im März 1944 verurteilte der Erste Senat des Volksgerichtshofs unter Vorsitz von Roland Freisler Ricken zum Tode. In der Zeit des Wirtschaftswunders kommt RWE wieder groß heraus.In den 70er Jahren trifft der Protest gegen die Kernkraft das Unternehmen, das so umstrittene Projekte wie den Schnellen Brüter und das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich gebaut hat - milliardenschwere Fehlinvestitionen, für die die Steuerzahler aufkommen mußten.Jetzt steht die RWE-Tochter Rheinbraun in der Kritik - wegen der geplanten Braunkohle-Förderung im Gebiet Garzweiler II.

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