Wirtschaft : Mit Selbständigkeit ist Arbeitslosigkeit nicht zu bekämpfen

Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet mit Anstieg der Insolvenzen DÜSSELDORF (agr/HB).Zweifel an der Stabilität eines "erzwungenen Unternehmertums" meldet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, Neuss, an.In fast allen europäischen Ländern gebe es Förderprogramme, um Arbeitslosen den Weg in die Selbständigkeit zu erleichtern und gleichzeitig weitere Arbeitsplätze durch neue Betriebe zu schaffen.Es sei aber zu bezweifeln, meinte Creditreform-Geschäftsführer Helmut Rödl, ob eine Erhöhung der Selbständigenquote tatsächlich die hohe Arbeitslosigkeit verringern könne. Letztendlich führe eine hohe Arbeitslosigkeit nur zu einem Anstieg der Unternehmensgründungen, ohne eine substantielle Änderung bei der Qualität der Selbständigkeit herbeizuführen, sagte Rödel.Die hohe Zahl junger, insolventer Betriebe, die nur mit geringer Mitarbeiterzahl im Dienstleistungssektor gründen und wieder schließen, lege diesen Schluß jedenfalls nahe.Mit welcher Dynamik solche Entwicklungen abliefen, hätte die Entwicklung in den neuen Bundesländer gezeigt, in denen auf eine Gründerwelle eine Insolvenzwelle gefolgt sei.Auch das Beispiel USA mit einer Selbständigenquote von nur 8,7 Prozent und einer Arbeitslosenrate von 4,9 Prozent zeige, daß Selbständigkeit und "neue Unternehmerschaft" alleine kein Weg sei, die hohe Arbeitslosigkeit in Europa zu bekämpfen. Durch den Konkurs ihres Arbeitgebers haben laut Creditreform in Europa 1997 über 1,8 Mill.Beschäftigte (in Deutschland 550 000, plus 13,8 Prozent) ihren Arbeitsplatz verloren.Insgesamt werden 23 Mill.Arbeitslose in Europa gezählt.Rödl: "Wären die Pleiten verhindert worden, würde die Arbeitslosenquote nicht 10,7 Prozent betragen, sondern im einstelligen Bereich liegen." Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Insolvenzen in Westeuropa leicht um ein Prozent auf 207 800 zurückgegangen.1998 wird nochmals mit einer leichten Verbesserung auf gut 200 000 gerechnet.Während die meisten Länder rückläufige Insolvenzzahlen registrieren, sind in Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien und Luxemburg Zunahmen zu verzeichnen.Frankreich mit 66 000, Großbritannien mit 40 200, Deutschland mit 34 100 (plus 8,5 Prozent) und Italien mit 16 000 stellen wie in den Jahren zuvor knapp drei Viertel des gesamten europäischen Insolvenzgeschehens dar. In Deutschland rechnet Rödl trotz guter Konjunktur und niedriger Zinsen auch 1998 mit einer leichten Zunahme der Insolvenzen auf 36 000.Besonders anfällig seien die Bauwirtschaft und alle konsumnahen Bereiche.Zwei große Unbekannte prägten dann die künftige Entwicklung: der Euro mit seinem Einfluß auf das Zinsniveau und eine neue Insolvenzordnung, die die Tatbestände für einen Konkursantrag viel weiter fasse und so ebenfalls die Zahl der Pleiten weiter anschwellen lasse.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben