Wirtschaft : Mit unruhiger Hand

Wie Frankreich nationale Spitzenfirmen formt

Holger Alich

Paris - Globalisierung hin, freier EU-Binnenmarkt her – Frankreichs ehrgeiziger Wirtschafts- und Finanzminister Nicolas Sarkozy lässt zumindest verbal die tot geglaubte Industriepolitik à la française wieder auferstehen. „Ich kämpfe für die französische Industrie, das ist meine Pflicht“, tönt Sarkozy, die Meinungsumfragen fest im Blick. Also schwingt er sich als Retter des angeschlagenen Industriekonzerns Alstom auf und will verhindern, dass Alstom profitable Teilbereiche an den Konkurrenten Siemens verkaufen muss. Beim Fusionspoker zwischen Sanofi und Aventis zwang er die beiden Unternehmenschefs an den Verhandlungstisch und lässt den Schweizer Novartis-Konzern wissen: haltet Euch raus.

In den 60er und 70er Jahren galt diese Politik als modern. Französische Politiker aus jedem Lager waren damals der festen Überzeugung, dass Frankreich nur mit einer engen Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft seinen technologischen Rückstand auf Länder wie Deutschland aufholen kann. Also wurden Prestigeobjekte wie die Concorde oder der Superschnellzug TGV an staatlichen Forschungsstellen mitentwickelt. Das Know-how wurde an private Unternehmen wie Alstom weitergegeben und der Absatz des TGV oder der Concorde war durch die staatliche Bahn SNCF oder die damals staatliche Air France gesichert.

Damals funktionierte das – doch Experten halten eine Fortsetzung dieser Politik heute für unmöglich. Sarkozy verfüge nicht mehr über die notwendigen Mittel, um echte Industriepolitik zu betreiben, sagt Elie Cohen, Direktor des französischen Wissenschaftsverbundes CNRS – denn die wird nun einmal heute größtenteils in Brüssel entschieden. Die EU-Wettbewerbsregeln setzen den Staaten enge Grenzen: ein Auftrag à la TGV müsste heute ausgeschrieben werden. Auch ist der direkte Einfluss der Politik auf die Unternehmen rapide gesunken: Alle Regierungen in Paris haben massenweise Unternehmen privatisiert: Renault, Air France, die Großbank BNP.

Eric Chaney, Ökonom der Investmentbank Morgan Stanley, sieht die Ursache für den Rückfall in alte Denkschablonen in der steigenden Angst der alten Industrieländer wie Frankreich und Deutschland vor Standortverlagerungen und dem Verlust von Arbeitsplätzen. Der neu aufkommende Protektionismus schade aber dem Arbeitsmarkt. Denn bei Rettungsaktionen à la Alstom werde Kapital in Unternehmen mit schwacher Rendite gelenkt. An anderer Stelle könnte dieses Geld sinnvoller eingesetzt werden, was langfristig mehr Arbeitsplätze schafft. „Für 100 Jobs, die bei Alstom oder VW erhalten werden, fallen an andere Stelle 110 Jobs weg“, schätzt der Experte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben