Wirtschaft : Mit viel Intuition

Viele Vorhersagen haben sich zum Jahresende nicht bewahrheitet. Doch die meisten Wissenschaftler bleiben dabei: Ohne Prognosen geht es nicht

Anselm Waldermann

Zum Jahresende wird abgerechnet. Denn da stellt sich heraus, wer mit seiner Prognose vom Vorjahr richtig lag, und wer danebengetippt hat. Schlecht schneidet diesmal der Verband der Automobilindustrie ab: Anfang 2004 ging er noch davon aus, in diesem Jahr 3,35 Millionen neue Pkw zu verkaufen. Tatsächlich werden die Autohersteller aber nur 3,24 Millionen schaffen. Das renommierte Münchner Ifo-Institut war mit seinen Vorhersagen ebenfalls nicht treffsicher: Statt des geschätzten Haushaltsdefizits von 3,5 Prozent werden es wohl 3,8 Prozent. Auch Regierung, Analysten und Wahlforscher – sie alle schätzen die Zukunft regelmäßig falsch ein. Doch ohne Prognosen geht es nicht.

„Die Akteure brauchen Orientierung für ihre Planungen“, erklärt Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Schließlich investiert kein Unternehmen, wenn es seinen künftigen Absatz nicht abschätzen kann. Auch Privatleute wollen möglichst viel über die Zukunft wissen, bevor sie finanzielle Entscheidungen treffen. Wer zum Beispiel einen Kredit aufnimmt, muss einschätzen können, wie sicher der eigene Arbeitsplatz ist. Besonders wichtig sind Wirtschaftsprognosen für die Regierung. Denn sie könnte keine seriösen Planungen vornehmen, wenn sie nicht wüsste, wie sich Steuereinnahmen einerseits und Staatsausgaben andererseits entwickeln.

Allerdings: Manchmal entwickeln Vorhersagen auch eine Eigendynamik. „Prognosen können sich selbst bewahrheiten“, sagt Wolfgang Nierhaus vom ifo-Institut in München. Wenn beispielsweise eine Rezession vorhergesagt wird, verstärkt dies oft noch den Abwärtstrend. Denn in Erwartung der Krise fahren die Unternehmen ihre Investitionen zurück und die Verbraucher konsumieren weniger – der prognostizierte Effekt tritt tatsächlich ein. Bisweilen ist auch das Gegenteil der Fall. „Manche Prognose zerstört sich selbst“, sagt Nierhaus. So kann die Ankündigung eines Abschwungs dazu führen, dass die Regierung aktiv wird und entsprechende Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur ergreift.

Der Hauptgrund aber, warum sich so viele Prognosen nicht erfüllen, liegt in exogenen, nicht voraussagbaren Ereignissen. Rohstoffpreise, Währungsschwankungen, Naturkatastrophen – alle diese Faktoren können die Vorhersagen zunichte machen. „Mit 0,5 Prozentpunkten daneben liegt man eigentlich noch ganz gut“, sagt Ludwig.

Dass Prognosen per se ungenau sind, zeigen auch die gängigen Rechenwege, über die sie erstellt werden. So gehen die Forscher im IWH nach der so genannten Bottom-Up-Methode vor. Dazu werden alle Bestandteile der volkswirtschaftlichen Nachfrage einzeln ermittelt und dann zusammengezählt. Zur Bestimmung des Konsums im kommenden Jahr legt man beispielsweise die Einkommensentwicklung im laufenden Jahr zugrunde. Aber: Einen hundertprozentigen Zusammenhang zwischen Einkommen und Konsum gibt es nicht – schließlich spielen immer auch psychologische Komponenten eine Rolle. Deshalb müssen die Forscher Schätzungen abgeben. „Da ist viel Intuition mit im Spiel“, räumt Ludwig ein.

Auch die Höhe der Investitionen lässt sich nicht genau bestimmen. Denn dafür müsste man die Gewinnerwartungen der Unternehmen kennen – doch die sind nie klar definierbar. „Es gibt Cracks, die glauben, sie hätten die alles erklärende Formel“, sagt Ludwig. „So leicht ist es nicht.“

Im Ifo–Institut benutzen die Forscher neben der Bottom-Up-Methode auch den Top-Down-Ansatz. Dazu werden die Wirkungen der Makroebene auf einzelne Wirtschaftssegmente untersucht und zusammengefasst. Zu einem präzisen Ergebnis im naturwissenschaftlichen Sinn kommen die Forscher aber auch so nicht. Im Gegenteil: Oft führen die beiden Methoden zu verschiedenen Resultaten. „Dann beginnt eine harte Diskussion“, erzählt Nierhaus. Die simple Einigung auf einen Wert in der Mitte sei verpönt. „Es zählt nur das bessere Argument.“ Welche Zahl das Institut schlussendlich nach außen gibt, werde per Abstimmung entschieden. Illustration: Jens Bonnke

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