Wirtschaft : Mit Volldampf aus der Krise Braucht Deutschland eine Mondmission?

Das verbrennt nur Geld, sagen die Gegner. Befürworter kontern: Raumfahrt ist das beste Konjunkturprogramm!

Ralf Nestler
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Man sollte lieber den Hintze zum Mond schießen, schrieb ein anonymer Kommentator in einem Internetforum. Es war eine von vielen Reaktionen auf einen Vorschlag des Parlamentarischen Staatssekretärs und Raumfahrtbeauftragten der Bundesregierung, Peter Hintze (CDU). Der hatte vor einer Woche im Tagesspiegel gefordert, Deutschland sollte 350 Millionen Euro in eine Mondmission investieren. Ein „exzellentes Programm zur Kartierung des Mondes mit allerhöchster Präzision“ schwebte ihm vor. Das wäre ein Signal an die junge Generation, technische Berufe zu ergreifen und Ingenieurwissenschaften zu studieren. Und es sei ein gutes Konjunkturprogramm, sagte Hintze.

„Schwachsinn“, schimpfen Gegner, „Hintze hat recht“, rufen Befürworter. Amerikaner, Russen und (mit deutscher Entwicklungshilfe unterstützte) Inder hätten doch vorgemacht, wie man mit Zukunftstechniken umgeht. Lieber sollte man all die Bedenkenträger und Verhinderer im All entsorgen, hieß es. Wenn es um den Weltraum geht, der seit Beginn der Zivilisation die Fantasien der Menschen beflügelt, wird es oft emotional. Diesen Montag schon könnte Hintzes Vorschlag im Koalitionsausschuss debattiert werden, wo Union und SPD über ein weiteres Konjunkturprogramm streiten.

Sollte man also mehr Geld in die Raumfahrtindustrie investieren, obwohl sie – anders als die Autobranche – bisher kaum von der Krise betroffen ist? „Die Auftragsbücher sind voll, wir haben bis ins Jahr 2010 gut zu tun“, sagt etwa Mathias Spude, Sprecher von EADS Astrium in München. Der Grund: Viele Aufträge in der Industrie werden von öffentlichen Einrichtungen vergeben und finanziert.

Sind die Budgets des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) oder der Europäischen Raumfahrtagentur Esa erst einmal gesichert, weiß die Branche, womit sie rechnen kann. Die Esa-Regularien schreiben vor, dass die jeweiligen Beitragszahlungen der 18 Mitgliedsländer über Industrieaufträge in die heimische Wirtschaft zurückfließen. Ende November stimmten die zuständigen Fachminister die Arbeitsschwerpunkte und das Budget der Esa ab. Demnach ist Deutschland der größte Beitragszahler: Von den knapp zehn Milliarden Euro, die bis 2011 zur Verfügung stehen, kommen 2,7 Milliarden Euro aus Deutschland. Das Wirtschaftsministerium erhöhte zudem das nationale Raumfahrtbudget für 2009 um 28 Millionen Euro auf insgesamt 219 Millionen Euro.

„Was die institutionell geförderte Raumfahrt angeht, gehen wir also optimistisch in die Zukunft“, sagt Spude. Dieser Bereich macht rund zwei Drittel des Gesamtumsatzes von Astrium Deutschland aus, der Branchenkennern zufolge knapp eine Milliarde Euro beträgt. Das fehlende Drittel sind kommerzielle Projekte wie Satelliten für Telekommunikation und deren Transport in 36 000 Kilometer Höhe: Die Astrium-Unternehmen in mehreren EU-Ländern fertigen nämlich auch die Ariane-Raketen, die von Französisch-Guayana aus gestartet werden. Auch in diesem Geschäftsfeld haben die Mitarbeiter noch gut zwei Jahre lang zu tun, sagt Spude. Die Firma habe in den vergangenen beiden Jahren jeweils sieben Aufträge zum Bau von Satelliten bekommen und sei heute Weltmarktführer.

„Wie es mit der kommerziellen Raumfahrt weitergeht, lässt sich derzeit überhaupt nicht abschätzen“, sagt Spude. Sollten Aufträge für Satelliten ausbleiben, würden auch weniger Raketenflüge benötigt – eine doppelte Bedrohung für zumindest einen Teil der rund 3500 Astrium- Jobs in Deutschland. Doch für jegliche fundierte Prognose sei es noch viel zu früh, betont der Astrium-Sprecher. Von der Idee, seiner Branche mit einem Konjunkturpaket zu helfen, hält er gar nichts: „Die Budgeterhöhung im Bereich der institutionellen Raumfahrt ist eine klare Zusage der Bundesregierung an diese Hochtechnologie und die beteiligte Branche. Das müssen wir erst mal umsetzen.“

Auch beim Münchner Technologieunternehmen Kayser-Threde bewertet man die nahe Zukunft positiv. „Wir haben vom DLR einen Großauftrag für den Bau eines Umweltsatelliten erhalten“, sagt Verwaltungschef Gerd Bräunig. Der Umsatz soll deshalb von gut 50 Millionen Euro im abgelaufenen Jahr auf mehr als 70 Millionen Euro steigen. Auch wenn sein Unternehmen fast ausschließlich für öffentliche Auftraggeber arbeitet, ist Bräunig in der langfristigen Prognose vorsichtig. „Ich sehe die Gefahr, dass die Raumfahrtbudgets infolge der Finanzkrise und der damit verbundenen Haushaltsbelastungen wieder gekürzt werden.“ Außerdem wird im Herbst auch noch eine neue Bundesregierung gewählt, die möglicherweise andere Prioritäten setzen könnte, fürchtet er.

Für die europäische Raumfahrt dürfte ein Regierungswechsel zunächst keine Konsequenzen haben. „Die Vereinbarungen der Esa-Ministerratskonferenz im November haben Vertragscharakter“, sagt Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender des DLR und einer der Verhandlungsführer der deutschen Delegation. Wörner will allerdings nicht ausschließen, dass aktuelle Entwicklungen das Esa-Budget verändern. „Das haben wir in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt“, sagt er.

Ob tatsächlich alle aktuellen Projekte die Finanzkrise überstehen, bleibt fraglich. Auch ohne die Krise waren teils erhebliche Änderungen nötig, um beispielsweise die europäische Marsmission zu retten. Infolge stark gestiegener Kosten war im Herbst der Start der Sonde „ExoMars“ um drei Jahre auf 2016 verschoben worden. Der Marsroboter wird voraussichtlich mehr als 1,2 Milliarden Euro kosten – mehr als doppelt so viel wie geplant. Die Esa-Staaten wollen aber nur eine Milliarde Euro aufbringen, für den Rest sollen internationale Partner aufkommen, die allerdings noch gefunden werden müssen. Sollte der optimistische Finanzierungsplan scheitern, müsste die Mission abgespeckt oder ganz gestrichen werden.

Letzteres Schicksal erlitt auch die deutsche Mondmission. Das Wirtschaftsministerium hatte das Projekt, das 2012 hätte starten sollen, auf Eis gelegt. Der Luft- und Raumfahrtbeauftragte Hintze, der zugleich als parlamentarischer Staatssekretär immerhin den Wirtschaftsminister vertritt, will dieses totgesagte 350- Millionen-Projekt jetzt wieder anschieben. Mit Volldampf aus der Krise, so die Strategie. Ob das gelingt, steht aber weiter in den Sternen. Ralf Nestler

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